2017: Vinyl?

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Die Vinylschallplatte ist zurück. Seit einigen Jahren feiert die schwarze Scheibe auch am österreichischen Musikmarkt ein Comeback.  Die Umsatzzahlen steigen jedes Jahr und erfreuen sowohl die Plattenlabels als auch die Konsumenten. Doch dieser Trend hat nicht nur positive Auswirkungen auf das Musikbusiness. Die gestiegene Nachfrage bringt die wenigen Plattenpresswerke an ihre Grenzen

Einmal Star und zurück

Es ist so weit. Der Kreis hat sich geschlossen. Sony Music hat einst mit der Einführung der CD das Zwischenzeitige Ende der Schallplatte eingeläutet. Im Jahr 2017 beginnt eines der größten Musik Labels der Welt wieder inhouse Platten zu produzieren (x). Seit einigen Jahren schon hört man regelmäßig von dem Comeback der Schallplatte. Die Verkaufszahlen steigen, immer mehr Alben werden wieder auf Vinyl auf den Markt gebracht. Wenn man in Filialen von namhaften Elektronik-Fachhändlern die Musikabteilung betritt, ist das auch kaum zu übersehen. Die großflächigen Cover Artworks gefallen und fallen auf. Doch welche Rolle spielt die wiederentdeckte Vinyl-Schallplatte tatsächlich auf dem Markt im Jahr 2017?

Physische Tonträger bringen den Umsatz

Wirft man einen Blick auf den heimischen Musikmarkt kommt man an einem Thema nicht vorbei: Streaming. Die Umsätze die Streaming-Plattformen in Österreich mit ihren Abo-Modellen erwirtschafteten stiegen laut IFPI im letzten Jahr um 56% auf 17,5 Millionen Euro (1). Doch die physischen Tonträger, allen voran die CD, sind weiterhin die wichtigsten Umsatzbringer für den Musikmarkt. Vor allem treue Käufer fragen CDs aus bestimmten Musik-Genres (Schlager, Rock und Klassik) immer noch stark nach.

Ein weiterer physischer Tonträger erlebt seit einigen Jahren einen stetigen Aufschwung. Die Vinylschallplatte hat ihren Weg aus der Bedeutungslosigkeit zurückgefunden und dreht am Musikmarkt die Zeiger einige Jahre zurück. Von 2015 auf 2016 stieg der Umsatz mit verkauften Platten von 5.2 auf 7.1 Millionen Euro, das entspricht einem prozentualen Anstieg von 25%. Betrachtet man jedoch den Gesamtmarkt bleibt die Vinyl-Schallplatte weiterhin ein Nischenprodukt und ist nur mit etwa 7% am gesamten Umsatz am Musikmarkt beteiligt.

Wer jung ist, der streamt?

2017 erstellen und teilen junge Menschen Playlists auf Spotify oder hören Musik skurriler Weise auf einer Videoplattform. Doch das bedeutet nicht, dass physische Tonträger aus dem Aufmerksamkeitsspektrum jüngerer Generationen verschwunden sind. Laut einer Studie von MusicWatch, ein Unternehmen das sich mit der Erforschung des Musikkonsums in Amerika beschäftigt, sind 72% der Vinylkäufer in den USA zwischen 13 und 35 Jahre alt (2). Anlässlich des alljährlichen Record Store Days hat das Unternehmen eine neue Infografik zu Vinyl-Käufern in den USA publiziert.(3) Aus dieser geht hervor, dass ein Drittel aller Käufer von Schallplatten, “Millenials” sind und nur drei von vier Käufern tatsächlich einen Plattenspieler besitzen.

Das bedeutet nicht nur alteingesessene Sammler, freuen sich über die Neuauflagen alter Klassiker, sondern es sind vor allem jüngere Generationen die den Vinyltrend vorantreiben. Auch der hauseigene Vinyl Report von Saturn kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Laut diesem ist jeder Vierte Vinyl-Kunde in Österreich zwischen 14 und 19 Jahre alt (4).

Allgemein kann man, parallel zur gängigen Streaming- und Download-Kultur, die Wiederentdeckung der Schallplatte als eine Art Gegenbewegung sehen. Was nicht bedeutet, dass Vinyl-Käufer keine Streamingdienste nutzen und umgekehrt. Möglicherweise wird die Abwesenheit des physischen Wertes von Downloads und Streams, durch den Kauf von Schallplatten der Lieblingsband ausgeglichen – ein Downloadcode oder eine CD ist meistens inkludiert. Da ist es für manchen Käufer offensichtlich nicht notwendig ein kompatibles Abspielgerät zu besitzen.

In einem Artikel von, auf der Homepage des Goethe Instituts (5), nennt der Musikjournalist Michael Reinboth, verschiedene Gründe für das Anwachsen des Nischenmarktes Vinyl. “Coolness, Sound, sich abheben vom ‘Mainstream und den materiellen und ideellen Wert einer Schallplatte gegenüber dem Download.” Aber auch gewisse Retro-Trends zu Musikrichtungen wie New Wave, Disco, Psychedelic Rock oder Jazz, sind laut dem Autor positive Einflussfaktoren auf den Vinylmarkt.

Laut Reinboth veröffentlichen Plattenfirmen kleine Auflagen bis zu 300 Stück um Wert, Nachfrage und Hype zu steigern. Dies hatte einen weltweiten Anstieg der Vinyl-Produktionen in Kleinstauflage zur Folge.

Der Stau in den Presswerken

Doch die wiederentdeckte Nachfrage nach Vinyl hat auch ihre Schattenseiten. Die große Anzahl an Vinyl-Veröffentlichungen in kleiner Auflage, überfordern die wenigen übriggebliebenen Presswerke in Mitteleuropa. Um eine Platte pressen zu können muss man nämlich zuerst die sogenannte “‘Mutter” herstellen. Dieser aufwendige Prozess ist gleichzeitig der Flaschenhals in der Produktion denn wieviele Platte danach damit gepresst werden ist egal. Wie das genau funktioniert zeigt ein Youtube Video der AKTIV Wirtschaftszeitung bei einem Besuch in einem deutschen Plattenpresswerk. (6)

Die Überlastung der Presswerke zwingt die Industrie neue Wege zu gehen. So baut der deutsche Erwin Neubauer mit seiner Firma Newbilt Machinery, nun eigene, neue Maschinen für etwa 160.000€. (7) Diese Maschinen basieren auf Pressen aus den 1960er Jahren der Firma Finebilt. Laut Neubauerist der Einstieg der großen Majorlabels ins Vinyl-Geschäft für die kleinen Indie-Labels, die die Vinyl die letzten 20 Jahre am Leben gehalten haben, ein harter Schlag. Plötzlich müssen kleineren Firmen lange Wartezeiten auf sich nehmen, weil Aufträge für größere Stückzahlen bevorzugt bedient werden.

Vinyl Record Album Music Turntable

Bildquelle: Max Pixel (http://maxpixel.freegreatpicture.com/Vinyl-Record-Album-Music-Turntable-2593014

Genau diesen knappen Produktionskapazitäten wollen Max Gössler und Alex Terboven entgegenwirken. Mit ihrem Unternehmen intakt! bekommt Berlin ein eigenes Schallplattenpresswerk. (8) Der Kauf zweier Pressen macht es für die zwei DJs möglich, kleineren und mittleren Labels auszuhelfen. Die müssten dann in etwa vier Wochen auf ihr fertiges Produkt warten.

Mittlerweile hat es auch eine Maschine aus Kanada auf den Markt geschafft. Viryl Technologies aus Toronto hat die nächste Generation Plattenpressen inklusive Cloudbasierter Software und mit iOS-Betriebssystem entwickelt. (9) Im Gegensatz zu alten Modellen, oder jenen die auf alter Technologie basieren, soll ein einzelner Arbeiter multiple Maschinen gleichzeitig bedienen können. Das führt zu kürzeren Produktionszyklen und die gesteigerte Präzision zu weniger Produktionsfehlern.

Vinyl: 2017!

Die Schallplatte hat vom Tag ihrer Erfindung bis zum heutigen Tag einiges durchgemacht. Sie steht für hohe Qualität und besitzt einen angreifbaren Wert, den digitale Konkurrenz nicht bieten kann. 2017 hat sie zudem alten Maschinen und Presswerken neues Leben eingehaucht (verstopft diese auch regelmäßig) und hat sogar technologische Innovationen vorangetrieben. Die Rückkehr der Vinyl-Schallplatte zeigt Eindrucksvoll das alte Medien auch in modernen Zeiten ihren Platz einnehmen können, den in der Nische.

Quellen

(x) http://www.bbc.com/news/business-40445192

(1) http://www.ifpi.at/?section=news&id=216

(2) http://www.musicwatchinc.com/research-studies/music-acquisition/

(3) http://www.musicwatchinc.com/russ-crupnick/saturday-nights-all-right-for-buying-celebrating-record-store-day/

(4) https://technews.saturn.at/suche.html?q=vinyl&tx_solr%5Bpage%5D=2#!https://technews.saturn.at/detail/news/detail/News/vinyl-report-generation-schallplatte.html

(5) https://www.goethe.de/de/kul/mus/20738166.html

(6) https://www.youtube.com/watch?v=-3vGHQF6OH0

(7) http://www.deutschlandfunkkultur.de/schallplatten-pressen-die-zischelnde-zukunft-der-vinyl.2177.de.html?dram:article_id=342532

(8) http://groove.de/2017/04/27/intakt-vinyl-presswerk-berlin/

(9) https://www.wired.com/2017/02/warm-tone-record-press-hand-drawn-records/

Über den Autor

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Jonathan Haring wurde 1987 in Wien geboren. Er ist seit 2015 Student an der FH St. Pölten, lebt derzeit in Wien und beschäftigt sich die meiste Zeit mit Medien, Musik, Politik, Geschichte und esports. Man findet ihn auf Twitter als @JPV_Haring.

Bildquelle: Andrea Fazakas 

Bildquelle Titelbild: Pixabay