Bad news are good news – Eine Gefahr für den Auftrag der Objektivität im Journalismus?

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Schlechte Nachrichten und kritische Berichterstattung verkaufen sich besser, das ist kein Geheimnis. Dabei kommt die Frage auf, ob über alle Themen gleich schlecht berichtet wird, oder ob es sie wirklich gibt, die „Bad boys“ in der Medienberichterstattung.

Medien liefern nicht nur Unterhaltung, sondern sind auch eine wichtige Informationsquelle. Oft werden sie als die 4. Gewalt[1] im Staat bezeichnet, wobei diese Bezeichnung in erster Linie auf den kritischen Journalismus zutrifft, dessen Aufgabe es ist, Missstände in der Gesellschaft aufzuzeigen und Dinge zu hinterfragen. In seiner Funktion als 4. Staatsgewalt kann der Journalismus zur politischen Meinungs- und Willensbildung beitragen. In einer funktionierenden Demokratie ist es unumgänglich, dass Medien auf Probleme hinweisen. Abgesehen davon, dass die Nachfrage der Menschen nach „good news“ wesentlich geringer ist als nach negativen Nachrichten. Anna-Lena Schönauer[2] beschreibt in Ihrem Buch „Industriefeindlichkeit in Deutschland“ die Medien als einen Spiegel der gesellschaftlichen Ansichten, da sie die Nachfrage der Gesellschaft bedienen wollen und über das berichten, was die Menschen hören wollen. In der Vergangenheit wurden immer wieder „Good news – Projekte“ gestartet, ein aktuelles Beispiel ist das, der Sächsischen Zeitung[3]. Ende 2016 hat das deutsche Regionalblatt ein neues Konzept entwickelt, mit dem den Lesern konstruktive journalistische Beiträge angeboten werden sollen. Diese Beiträge sind länger und beschreiben nicht nur die Probleme, sondern nennen auch gleich Lösungsansätze. Obwohl die Rückmeldungen der Rezipienten laut Oliver Reinhard (stellvertretender Ressortleiter) durchwegs positiv waren, gab es Kritik innerhalb der Redaktion. Das Prinzip des konstruktiven Journalismus wurde als „Schönfärberei“ und „konstruierter Journalismus“ empfunden.

Diese Tatsache wirft wiederum die Frage auf, ob die überwiegend negative Berichterstattung nicht auch eine Bedrohung für die Objektivität[4] im Journalismus darstellt. Dazu erneut Schönauer[5]:

„Grundsätzlich stehen Medien und Gesellschaft in einem reziproken Austauschverhältnis: einerseits wird davon ausgegangen, dass die Medien die Rezipienten in ihrer Wahrnehmung beeinflussen, sprich durch ihre Darstellung Einstellungen und Meinungen beeinflussen.“

Wenn die Medien bestimmten Themen eher kritisch gegenüberstehen, so kann es in der Bevölkerung den Eindruck erwecken, als sei über diese Themen gar nichts positives zu berichten.

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Bildquelle: Pixabay

Die Spitzenreiter der Negativschlagzeilen

Große Unternehmen und Konzerne sind ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Volkswirtschaft, da sie die Bevölkerung mit Produkten und Dienstleistungen versorgen und zusätzlich auch Arbeitsplätze schaffen. Ohne solche Unternehmen könnten die modernen Konsumbedürfnisse der Menschen nicht befriedigt werden. Doch warum geraten dann genau diese wichtigen Wirtschaftstreiber so oft ins mediale Kreuzfeuer?

Die empirische Analyse („Industriefeindlichkeit in Deutschland“) Schönauers [6]zeigt, dass über bestimmte Branchen in den Medien besonders häufig berichtet wird, diese sind: die Automobilindustrie, die Chemische Industrie, der Maschinenbau, die Metall- und Stahlindustrie sowie die Lebensmittel- und Pharmaindustrie. Die Gründe, aus denen diese Branchen in den öffentlichen Fokus geraten sind einerseits die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (wie z.B. Wirtschaftskrisen, stärkere/schwächer Absatzzahlen), anderseits kritische Berichte über die Umweltbelastung, Gefahren für den Menschen und Skandale einzelner Unternehmen.

Eine weitere Studie des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung[7] weist darauf hin, dass über die Pflanzenschutzmittelindustrie in Zeitungen überwiegend negativ berichtet wird. Die Untersuchung ergab, dass 60% der medialen Berichte auf die Gefahren und Risiken von Pflanzenschutzmittel hinwiesen, während nur 3% (!) den Nutzen dieser Produkte erwähnten. Auffallend ist, dass in Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Berichte eher faktenorientiert sind, während Boulevardzeitungen (z.B. Bild) überwiegend wertend/interpretativ berichteten. Die Problematik dabei ist, dass ein weitaus größerer Teil der Bevölkerung zu Boulevardblättern greift.  Der Boulevardjournalismus spricht die Emotionen der Menschen an und sticht mit reißerischen, oder auch provokativen Themen aus der Masse hervor.[8] Der Themenschwerpunkt von Boulevardmedien liegt meist auf dem so genannten „human interest“. Damit sind Themen wie Klatsch und Tratsch über Prominente, sexuell Pikantes und außergewöhnliche oder skurrile Berichte gemeint.  Durch diese Themenschwerpunkte können viele Mitglieder, der meist heterogenen Zielgruppe der Boulevardmedien angesprochen werden.[9] Als problematisch betrachtet wird oft die Tatsache, dass nicht die Ereignisse und Fakten im Vordergrund der Berichte stehen, sondern das „Sensationstaugliche“ 

Kritischer Journalismus

Doch warum wird im Journalismus die Kritikfunktion so stark gesetzt? Neben der Bedeutung, dass redaktionelle Medien die Kritikfunktion ausüben und ihren Aufgaben als „4. Gewalt im Staat“ nachkommen, ist der Begriff „Kritik“ negativ behaftet. Obwohl Kritik an sich auch positiv oder zumindest neutral verstanden werden kann. Bevor man, beispielsweise eine Filmkritik liest, geht man ja auch nicht davon aus, dass diese schlecht ausfallen wird.

Wie erwähnt, finden sich die wertenden und meist negativen Berichte über einzelne Industriesparten in erster Linie in Boulevardzeitungen. Da es im Boulevardjournalismus üblich ist, das Interesse der Leser mit „Aufregern“ und Sensationsmeldungen zu erwecken wird auch über wirtschaftliche Themen sehr emotional berichtet. Da die Inhalte ein breites/heterogenes Zielpublikum ansprechen sollen, setzen diese Medien auf die Kombination von Unterhaltung und Information („Infotainment“) um dies zu erreichen.[10] Positive Berichterstattung birgt dagegen den Verdacht, verdeckte Werbekommunikation zu sein.[11]

Die Tatsache, dass sowohl in Österreich (Kronen Zeitung), als auch in Deutschland (Bild) die reichweitenstärksten Tageszeitungen als Boulevardzeitungen klassifiziert werden, kann erklären warum der Eindruck entsteht, dass über Wirtschaftsthemen überwiegend wertend und/oder negativ berichtet wird. Durch die hohe Nachfrage nach dieser Art von Berichterstattung entsteht eine mediale Filterblase[12].

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Bildquelle: Pixabay

Fazit

Es liegt in der Natur der mitteleuropäischen Journalismustradition, die Trennung von Nachricht und Kommentar nicht orthodox zu verfolgen Aus diesem Grund kann es sinnvoll sein, entweder keine Boulevardmedien für wirtschaftliche Themen auszuwählen oder mehrere journalistische Quellen für ein Thema auszuwählen. Das Internet und mit ihm die vielfältige Verfügbarkeit unterschiedlich gewichteter Informationsangebote gibt Mediennutzern Optionen zur Hand, die auch konstruktiven journalistischen Angeboten Platz schaffen kann.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Vierte_Gewalt

[2] http://www.springer.com/de/book/9783658145255

[3] http://derstandard.at/2000058096945/Saechsische-Zeitung-Was-konstruktiver-Journalismus-bringt

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Objektivit%C3%A4t

[5] http://www.springer.com/de/book/9783658145255, S. 93

[6] http://www.springer.com/de/book/9783658145255

[7] http://www.bfr.bund.de/cm/350/plantmedia-pflanzenschutzmittel-und-rueckstaende-in-lebensmitteln.pdf

[8] https://link.springer.com/book/10.1007%2F978-3-531-90107-7

[9] http://www.springer.com/de/book/9783531144177

[10] http://www.springer.com/de/book/9783531334431 (S. 115-120)

[11] http://derstandard.at/2000048289368/Content-Marketing-hat-uns-der-Teifl-gebracht

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase

Quelle Titelbild: Pixabay

ÜBER DIE AUTORIN

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Valerie Schlagenhaufen ist am 5. Jänner 1997 in Wien geboren und studiert seit 2015 Medienmanagement an der Fachhochschule St. Pölten. Seit September 2016 arbeitet sie an der FH St. Pölten als studentische Assistentin der Marketing Abteilung. Sie hat davor ein öffentliches Gymnasium mit dem Schwerpunkt auf Naturwissenschaften in Schwechat (NÖ) besucht.

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