Doping darf kein Kavaliersdelikt sein

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Die Berichterstattung über das Thema Doping ist seit März 2019 enorm präsent und sorgt für viel Aufregung und Fassungslosigkeit national sowie international. David Müller, Leiter der NADA Austria und Beachvolleyballer Clemens Doppler setzten sich im Interview mit SUMO dem polarisierenden Thema auseinander.

Kaum ein Sportthema sorgte für so viel Entsetzen in den österreichischen Medien wie die Doping-Skandale bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft im März 2019 in Seefeld. Doping ist nichts Neues, SportlerInnen aus der ganzen Welt treiben sich mehrmals täglich zu Höchstleistungen. Es geht immer schneller, höher oder besser. Muss man in einer leistungsorientierten Gesellschaft nicht damit rechnen, dass einfache Motivation und Wille oft nicht reichen, um an der Weltspitze dabei sein zu können?

Leistungssport ist härter denn je. Ist man erfolgreich, ist man der Star einer Nation, und es steht einem jede Türe offen. Hat man aber einen schlechten Tag und liefert nicht ab, wie man es gewohnt ist, steht viel auf dem Spiel. Negative mediale Berichterstattung, Verträge, die möglicherweise nicht verlängert werden, Sponsoren, die einen verlassen bis hin zur finanziellen Unsicherheit können die Folgen des „Versagens“ sein. Diesen Druck hält nicht jede/r SportlerIn aus und greift dadurch zu Hilfsmitteln, die mehr Leistung versprechen.

Der einzige Weg, der zu Ruhm führt?

Clemens Doppler spricht offen: „Ich hatte schon viele Situationen in meiner sportlichen Karriere, wo ich dachte, dass meine Kraft oder Leistungsfähigkeit nicht ausreicht. Ich habe drei Kreuzbandrisse und sieben Knie-Operationen hinter mir, die jeweils lange Rehabilitationen verlangten. Die hätte man mit illegalen Substanzen verkürzen können. Aber ich habe keine Sekunde daran gedacht, und würde es auch nie machen.“ meinte Vizeweltmeister im Beachvolleyball über Niederschläge und Rückschläge im Laufe seiner Laufbahn. Doch warum einige SportlerInnen sich doch zu Doping-Substanzen verleiten lassen, kann der Beachvolleyball-Vizeweltmeister nachvollziehen. Der Druck unserer Gesellschaft sei so hoch, ein normaler Sieg reiche schon lange nicht mehr aus. Das Publikum wolle neue Rekorde und Bestzeiten sehen. Man könne es mit einem Hamsterrad vergleichen, als SportlerIn erreiche man so nie Zufriedenheit.

Prävention ist vordergründig

Die NADA Austria setze den Fokus der Präventionsarbeit auf den Nachwuchs. „Kinder assoziieren Sport nicht mit Tabletten, Infusionen oder Blutmanipulationen. Die Auseinandersetzung mit verbotenen Substanzen oder Methoden beginnt erst später in der sportlichen Laufbahn“, so David Müller. Ein klares Ziel der Anti-Doping-Organisation sei es, dass sich die kommenden Sportgenerationen selbstbewusst und aus eigener Überzeugung gegen Doping und dopingäquivalentes Verhalten entscheiden. Jährlich werden über 2.500 junge SportlerInnen mit dem Anti-Doping-Schulprogramm erreicht, sowie das gesamte sportliche Umfeld mit Schulungen, Vorträgen und Seminaren für SportlerInnen, TrainerInnen, SportfunktionärInnen, etc. für das Thema Doping sensibilisiert.

Doping-Falle

„Man darf sich das nur nicht so vorstellen, dass man sich ein Pulver einwirft und auf einmal einen Meter höher springt oder schneller läuft. Die Regenerationszeit zwischen den Trainings minimiert sich stark, dadurch kann man öfters und härter trainieren, was somit das Resultat verbessert“, klärt Doppler auf. Für ihn würde Doping auch im Beachvolleyball absolut Sinn machen, aber für ein richtiges Dopingnetzwerk fehlt dem Sport der wirtschaftliche Reiz.

Für eine durchschnittliche Doping-Kontrolle gebe es laut Müller seitens der NADA keine festgelegte Häufigkeit. Die Auswahlkommission erarbeite einen Dopingkontrollplan, der Kriterien wie zum Beispiel Dopingrisiko einer Sportart, die individuelle Leistungsentwicklung oder finanzielle Anreize berücksichtige.

Es kann durchaus passieren, dass auch ungewollt gedopt wird. Das geschieht zum Beispiel durch Einnahme von Nahrungsergänzungs- oder Schmerzmitteln, vereinzelte Hustensäfte oder den Verzehr von Fleisch, das aus Ländern stammt, wo die Viehzucht mit verbotenen Substanzen arbeitet. Jede/r SportlerIn ist selbst für alle Substanzen verantwortlich, die sich in seinem Körper oder in seinen Körperflüssigkeiten befinden. Daher muss er/sie sich auch vergewissern, dass jedes Arzneimittel, jedes Nahrungsergänzungsmittel oder jedes andere Präparat keine verbotenen Substanzen enthält. David Müller warnt daher, dass es sich aus der Verpflichtung der SportlerInnen ergebe, dass eine positive Analyse in aller Regel als Verstoß gegen die Anti-Doping-Bestimmungen gilt und je nach individueller Sachlage bzw. Milderungsgründen mit einer mehrmonatigen, mehrjährigen oder lebenslangen Sperre geahndet wird.

Sportwelt braucht Veränderungen

Der Druck ist hoch, und die Gier nach Gold groß. Doch wie minimiert man die Anzahl der TäterInnen, die mit illegalen Substanzen betrügen? Für den siebenfachen österreichischen Meister im Beachvolleyball ist ganz klar, es brauche härtere Strafen: „Eine zweijährige Sperre schreckt doch nicht ab.“ Auch David Müller von der NADA wünscht sich Veränderungen: Langfristig müsse ein Umdenken in der Gesellschaft passieren. Es benötige die Etablierung im kollektiven Bewusstsein, dass Doping und dopingäquivalentes Verhalten kein Kavaliersdelikt ist.

Und dafür bedarf es auch eines kritischen, durchaus investigativen Journalismus, der SportlerInnen nicht vorschnell zu Stars stilisiert – um sie nach ersten Misserfolgen in Grund und Boden zu schreiben. Denn dies wirkt ein auf die Spirale Citius, altius, fortius.