Exotisch auf den ersten Blick
Text: Marius Gärtner | Di 07. Dez 2010
Gewiss sind es die Massenfächer BWL und Jus, die einen großen Zulauf von Schulabgängern genießen. SUMO stellt euch diesmal jedoch zwei eher ausgefallene Studiengänge vor, deren Wahl sicherlich eine Leidenschaft für das jeweilige Fach voraussetzt. Warum also nicht einfach mal das Hobby zum Beruf machen?
Exotische Studiengänge
Hinter der Bezeichnung „Orchideenfächer“ verbergen sich Studiengänge, die nur an wenigen Universitäten angeboten werden. Sie besitzen meist einen hohen Spezialisierungsgrad, wobei diese Fächer von manchen belächelt, von anderen wiederum als unverzichtbar angesehen werden. Prägnante Beispiele solcher Fächer sind Kosmetologie (Wissenschaft der Körperpflege), Onomastik (Namensforschung) und Gerontologie (Wissenschaft über das menschliche Altern). In England gibt es sogar einen Beatles-Studiengang, der sich mit der Bedeutung der vier Musiker für die Entstehung regionaler Identitäten befasst.
Geld regiert die Welt
„Wer über Geld mehr wissen will als nur Zinssätze, studiert Numismatik!“ Mit diesem Zitat betonte Robert Göbl, Gründer des Wiener Instituts für Numismatik und Geldgeschichte, die Weitläufigkeit dieses Faches. Numismatik ist weit mehr als Münzensammeln. Vielmehr stehen vor allem die wissenschaftliche Beschäftigung mit Geld und dessen Geschichte im Vordergrund. Da Numismatik interdisziplinär aufgestellt ist, sollten zukünftige Studierende auf jeden Fall Interesse für Archäologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Namenskunde mitbringen.
Es gibt keine große Konkurrenz
Großen Wert legt man an der Universität Wien darauf, die Münze und das Geldwesen als einen besonderen Zugang zur jeweiligen Geschichte und Kultur zu betrachten. Dazu setzt man sich sehr häufig mit schriftlichen Quellen auseinander. „Münzen haben den höchsten Stellenwert in der Numismatik, weil sie Auskunft über Epochen geben, über die kaum schriftliche Aufzeichnungen existieren wie beispielsweise über das griechische Altertum”, verrät der Sachverständige für deutsche Münzen, Guy Franquinet. Während des Studiums werden auch Münzbilder, die sich über die Jahrhunderte gewandelt haben, genau betrachtet und analysiert. Dabei können die Dozenten und Studierenden auf eine Sammlung von über 20.000 Münzen des Wiener Instituts für Numismatik und Geldgeschichte zurückgreifen. Da bis heute erst schätzungsweise ein Tausendstel aller geprägten Münzen gefunden wurde, bietet die Praxis eine viel versprechende Zukunft. Ob als wissenschaftlich arbeitende Münzsammler, im Museumswesen oder als Gutachter – das Studium gewährt schnellen Eintritt in verschiedenste Berufsfelder. Die Konkurrenz ist nämlich nicht allzu groß.
„Tierisch“ gute Manager
Um einen lebhaften Untersuchungsgegenstand kümmert sich der Masterstudiengang „Wildtierökologie und Wildtiermanagement” der Universität für Bodenkultur in Wien – kurz “BoKu”. Dass dieses Studium keiner vollwertigen Ausbildung als Tiermediziner gleichkommt, macht die BoKu-Studentin Daniela Widl deutlich: „Das Studium konzentriert sich nicht nur auf die Biologie von Tieren, sondern auch auf die Ökologie, also auf das Lebewesen im Zusammenhang mit der Umwelt und anderen Tierarten.“ Darüber hinaus werden den Studierenden Kenntnisse aus den Bereichen Recht, Raumplanung, Tiermedizin und Naturschutz vermittelt. Dieses Wissen ist sehr hilfreich, da Wildtiere immer wieder kontroverse Streitgespräche im Bereich Politik, Wirtschaft und Ökologie entfachen.
Praktika sind eine ideale Ergänzung
Wie die Lehrsituation an der BoKu Wien aussieht, beschreibt Daniela folgendermaßen: „ Du wählst dir deine Fächer aus den Modulen großteils selbst aus, daher kannst du deinen Praxisbezug selbst beeinflussen. In den Seminaren ‚Projektorganisation und -umsetzung’ legst du grob die Richtung fest, die du später einschlagen möchtest. Praktika in den Sommerferien sind eine ideale Ergänzung.“ Außerdem sei die Zusammenarbeit mit den Vortragenden an der BoKu Wien relativ eng, weil in den einzelnen Fächern höchstens 40 Leute angemeldet sind. Ungewöhnlich ist auch, dass manchmal keine Prüfungen geschrieben werden, stattdessen aber die Teilnahme an einer Exkursion als Leistungsnachweis zählt.
Nach dem Abschluss nach vier Semestern eröffnen sich den Absolventen spannende Jobmöglichkeiten: Neben staatlichen Naturschutz-, Jagd- und Forstbehörden sowie Bildungseinrichtungen und Umweltplanungsbüros können Absolventen auch als Forscher bei wissenschaftlichen Institutionen und Tierschutzorganisationen in die Welt der Praxis eintauchen.
Es wird so deutlich, dass nicht alle exotisch klingenden Studiengänge „brotlose Kunst“ sind, wie sie vielleicht auf den ersten Blick zu sein scheinen. Spezialisierte Fachkräfte für bestimmte Einsatzgebiete werden sehr häufig gesucht. Viele möchten mit solch einem Studium vielleicht eher eine akademische Karriere einschlagen und als Lehrende tätig sein. Außerdem unterliegt die Frage, was nun als „Orchideenfach“ gilt, einem sich schnell vollziehenden Wandel. Wirtschaftskrise und globale Erwärmung bringen genug Herausforderungen mit sich
