Framing in der Berichterstattung

Copyright: Unsplash/Charisse Kenion

SUMO sprach mit Martin Gebhart, Chronikressortleiter der Tageszeitung „Kurier“, und derStandard“-Redakteurin Gabriele Scherndl über den Einsatz von Frames, um die Interpretation bestimmter Informationen bei RezipientInnen zu beeinflussen.  

Bertram Scheufele und Ines Engelmann beschreiben im „Handbuch Journalismustheorien Frames als bestimmte Bezugs- oder Interpretationsrahmen, die Menschen heranziehen, um Geschehnisse, AkteurInnen oder Umstände einzuordnen, zu interpretieren oder zu beurteilen. Zu dieser Theorie gibt es zahlreiche FürsprecherInnen, wie zum Beispiel Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling, die meint, dass es kein Wort gebe, welches keinen Frame im Kopf der RezipientInnen hervorrufe. Gegnerinnen dieser Theorie berufen sich darauf, dass Menschen rational denken und die Fakten selbst beurteilen können, sodass sie also den Framing-Effekten nicht schutzlos ausgeliefert seien 

Framing auf drei Ebenen  

Das Einsetzen von Bezugs- und Interpretationsrahmen zur Steuerung der Aufnahme von Information, derer Interpretation und Beurteilung, diese Deutungsrahmen also können in der Praxis auf mehreren verschiedenen Ebenen entstehen. Zum Ersten, bei der Selektion der Inhalte durch eine/n Journalistin/enScherndl meint dazu, dass die thematische Auswahl dessen, worüber sie schreibe, bis zu einem gewissen Grad von ihrem Interesse geleitet seiWird in Medien häufiger die Kriminalität von AusländerInnen beleuchtet, erzeugt das ein bestimmtes Bild bei RezipientInnen. Auch wenn laut der Polizeistatistik die Gesamtkriminalitätsrate sowohl von Menschen mit anderer Herkunft als Österreich als auch von ÖsterreicherInnen gesunken ist, wird die Gefahr durch erstere als größer werdend empfunden. Oftmals geben JournalistInnen ein Bild wider, wie es sich bereits in ihren Köpfen befindet. Sie bevorzugen alle jene Themen, die zu ihrer eigenen Denkweise passen. Ihre Sichtweise geben sie dann auf diese Art und Weise auch an die RezipientInnen weiter. Dazu sagt die Redakteurin von „derStandard“: „Natürlich zitiere ich Menschen in meinen Texten, mit denen ich vielleicht nicht einer Meinung bin. Das nicht zu machen, würde ich auch als falsch ansehen, das würde nicht meinem Anspruch an Qualitätsjournalismus entsprechen.“ Ihr persönlicher Standpunkt zu einem Thema dürfe für einen Text nicht relevant sein und werde deshalb außen vor gelassen werdenRessortleiter Gebhart vom „Kurier“ hingegen konstatiert: „Schon alleine wie man die Wichtigkeit von bestimmten Fakten beurteilt, ob man mit denen in den Artikel einsteigt und manche erst am Schluss schreibt, kann die eigene Denkweise eines Journalisten wiederspiegeln.“ 

Eine zweite Ebene auf der Framing entstehen kann und in Folge dessen an die RezipientInnen weitergegeben wird ist jene, in der sich Frames bereits in den Quellen der BeitragsverfasserInnen befinden. Scherndl behalte dies bei Gesprächen stets im Hinterkopf, des Weiteren betont sie, dass man bestimmte Menschen zu einem Thema interviewe, um deren Standpunkt und Sichtweise zu erfahren. Scheufele und Engelmann beschreiben, dass Frames besonders von politisch-gesellschaftlichen AkteurInnen gesetzt werden. JournalistInnen übernehmen diese Bezugs- und Interpretationsrahmen in ihren Texten und geben diese so an weiter. Gebhart bestätigt ebenfalls, dass Framing eher in den Bereichen Politik und Polizei-Berichten vorkomme. Die von diesen politisch-gesellschaftlichen AkteurInnen angewandte Strategie der Setzung von Frames wird „Strategic Framing“ genannt: Hierbei wird versucht, die eigens gesetzten Bezugsrahmen erfolgreich in Medien zu lancieren. Auch Scherndl ist der Meinung, dass Framing am häufigsten in politischen Kontexten vorkomme. „Je nachdem aus welcher Richtung über Migration gesprochen wird, wird es mit ‚kultureller Vielfalt’ oder mit ‚Terrorismus’ gleichgesetzt.“ Auch Unternehmen oder Protestgruppen bedienen sich strategischer Bezugsrahmen. 

Durch den Kommunikationserlass des Bundesministeriums für Inneres, welcher mit 1. Mai 2019 in Kraft trat, werden sowohl das BMI als auch die nachgeordneten Behörden und Dienstellen zur „[…] Nennung der Staatsbürgerschaft bzw. Herkunft von Verdächtigen bzw. Opfern von Straftaten [, denn diese] soll etwa nur dann unterbleiben, wenn dadurch eindeutige Rückschlüsse auf konkrete Personen gezogen werden können.. Diese Anführung des Herkunftslandes von Verdächtigen oder Opfern von Kriminalität könnte nun zum einen dazu beitragen, dass der Frame der “Ausländer-Kriminalität“ immer weiter zunimmt. Andererseits könnte dieser Kommunikationserlass auch das genau Gegenteil davon bezwecken, denn in Folge dessen wird auch die österreichische Staatsbürgerschaft eines Täters oder eines Opfers genannt und somit der Frame der “Ausländer-Kriminalität“ neutralisiert. Allerdings steigt auch weiterhin die Anzahl jener Artikel, welche Nähe zwischen Asylwerbern und Kriminalität herstellen. Im Jahr 2019 machen dies sieben Prozent aller Artikel. Fritz Hausjell, Stellvertretender Institutsvorstand des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft meint dazu: „Ich hoffe, das ist nicht das Ergebnis der Informationspolitik des Innenministeriums.“. 

Die dritte und letzte Ebene, auf der Frames eingesetzt werden, ist von JournalistInnen direkt. Neben der nie zu 100 Prozent objektiven Selektion und Aufbereitung von Informationen und den Quellen der BeitragsverfasserInnen, die bereits Frames enthalten können, setzen hier JournalistInnen selbst, oftmals ganz bewusst, bestimmte Interpretations- und Deutungsrahmen für ihre RezipientInnen. Dies erfolgt zum Beispiel durch die gezielte Auswahl bestimmter Worte oder Phrasen, wie zum Beispiel „Das Glas ist halb voll“ versus „Das Glas ist halb leer“. In beiden Fällen ist das Glas zu Hälfte gefüllt, jedoch wird es in einem Fall als positiv und im anderen Fall als negativ interpretiert. Gebhart meint dazu, dass ein/e Journalist/in immer versuche, einen Bericht so neutral wie möglich zu verfassen, das jedoch nie ganz sauber gelingen könneScherndl ist ebenfalls der Auffassung, dass durch JournalistInnen Frames gesetzt werden, jedoch glaubt sie, dass dies vor allem unterbewusst gescheheSie hält Frames erst dann für problematisch, sobald sie zu Schemata werden. Was alle diese drei Ebenen des Framing gemeinsam haben? Sie prägen maßgeblich die öffentliche Meinung 

Die Macht des Framing 

Bereits 1981 wurde das kommunikationswissenschaftliche Phänomen „Framing“ durch die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky untersucht. Sie baten ihre ProbrandInnen um ihre Einschätzung zu einer Geschichte, die sie ihnen vorlegten. Folgender Sachverhalt sollte durch die Versuchspersonen beurteilt werden:  

„Stellen Sie sich vor, die USA bereiten sich auf den Ausbruch einer […] Erkrankung vor, die unbehandelt 600 Menschen töten wird. Zwei alternative Programme zur Bekämpfung der Krankheit wurden vorgeschlagen. […] Durch Programm A würden 200 Personen gerettet. Bei Programm B gäbe es eine 1/3-Wahrscheinlichkeit, dass alle 600 Menschen gerettet werden, und eine 2/3-Wahrscheinlichkeit, dass niemand gerettet wird. Welches der beiden Programme würden Sie bevorzugen?“ Hierbei entschieden sich 72% der ProbandInnen dafür, mit Hilfe das Programms A 200 Personen zu retten. Eine weitere Gruppe von Testpersonen sollte nun erneut die Geschichte einschätzen, allerdings aus einem anderen Blickwinkel: 

„Durch Programm C würden 400 Menschen sterben. Bei Programm D gibt es eine 1/3- Wahrscheinlichkeit, dass niemand stirbt, und eine 2/3-Wahrscheinlichkeit, dass 600 Menschen sterben werden.“ Nun entschieden sich 22% der Probandinnen dafür, Programm C umzusetzen und somit 400 Menschen sterben zu lassen. Vergleicht man nun beide Geschichten miteinander, so stellt man fest, dass sowohl bei Programm A im ersten Versuch als auch bei Programm C im zweiten Versuch 200 Menschen gerettet und 400 Menschen sterben würden. In Programm B und Programm D wiederrum leben mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/3 alle Betroffenen weiter, jedoch beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass alle Erkrankten sterben in beiden Fällen 2/3.  

Ein ähnliches Phänomen beobachteten Adam Simson und Jennifer Jerit im Jahr 2007 in einem Experiment, welches sie im „Journal of Communications“ veröffentlichen. Sie untersuchten das Thema „Abtreibungsverbot“ und die damit verbundene Wortwahl der JournalistInnen und PolitikerInnen in den USA. Dadurch fanden die beiden heraus, dass AbtreibungsbefürworterInnen ausschließlich das Wort „Fötus“ und AbtreibungsgegnerInnen im selben Zusammenhang „Baby“ verwendeten. Während dieser Begriff das Bild von einem Kind mit Gesicht und Händen in den Köpfen der Menschen hervorruft, denken die Meisten beim Begriff „Fötus“ an einen ZellhaufenAus diesem Grund passten Menschen, die Berichte lasen, in denen ausschließlich eines der beiden Worte vorkam ihre Meinung auch dieser politischen Position an.  

Framing in österreichischen Medien 

Gebhart ist davon überzeugt, dass die meisten Medien darauf bedacht seien, alle ihre Informationen so neutral wie möglich weiterzugeben, also wie RedakteurInnen glauben, dass sich ein Sachverhalt darstelle. Sie versuchen also „das Bild so zu zeichnen, wie die RedakteurInnen eben glauben, dass es ist.“ Während Qualitätszeitungen sich in ihrer Art und Weise Fakten zu präsentieren neutraler verhalten, beobachtet Gebhart, wie im Boulevard vermehrt versucht wird, die Inhalte von Artikeln in eine bestimmte Richtung zu lenken. Scherndl konstatiert, dass dies vorrangig aus dem Grund der Vereinfachung passiere: „Die Welt ist voller komplexer Sachverhalte, die kein Medium in ihrer ganzen, umfassenden Kompliziertheit präsentieren kann“. Diese Boulevard-Medien kennen laut Gebhart ihre LeserInnen sehr genau und versuchen ihre Geschichten auf deren Denkweise hin zu gestalten. Sie wollen eine größere Aufmerksamkeit innerhalb der Zielgruppe generieren, indem sie deren Denkweise weiter untermauern. Scherndl sieht diese Vorgehensweise als ökonomisch sinnvoll, „denn die Menschen lesen gerne, was sie in ihrer Meinung bestätigt.“ Sie betontdass sie beim „Standard“ versucht, Inhalte für die LeserInnen aufzubreiten, ihnen aber das Angebot geben will,  über den Tellerrand hinauszublicken. Deutungsstrategien sind also auch vom einzelnen Medium abhängig.