Islamistischer Terrorismus in fiktionalen TV-Serien

https://pixabay.com/de/scharf-fernsehen-tv-jahrgang-wand-1844964/ von Pexels
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SUMO sprach mit Jan Sändig, Politikwissenschaftler der Universität Tübingen, über die Politikvermittlung durch Unterhaltungsformate und die Darstellung von islamistischem Terrorismus und seinen Entstehungsursachen in der fiktionalen TV- Serie „Family Guy“.

In der heutigen Gesellschaft ist die politische Realität zu einer Medienrealität geworden und diese Medienrealität gehorcht weitgehend den Gesetzen des Unterhaltungsmarktes, konstatierte Univ.- Prof. Andreas Dörner bereits 1999. Dieser Logik unterliegt umgekehrt auch die Film- und Fernsehbranche, so dienen ihr politische Themen als Stoff für fiktionale Unterhaltungsformate. Konstruierte politische Geschichten knüpfen an reale Ereignisse an, so David Bosshart (2000), wodurch es zur Politikvermittlung während der Rezeption kommt. Beeinflusst werden dadurch das Wissen und die Ansichten der ZuschauerInnen, ohne dass es den RezipientInnen unmittelbar bewusst ist oder sie dies gefordert hätten, erkärt Jan Sändig im SUMO-Interview.

 

Geisteskranke TerroristInnen und religiöse FanatikerInnen

Fiktionale Unterhaltungsformen wie die Fernsehserie „Family Guy“, die seit knapp 20 Jahren eine hohe Einschaltquote aufweist, haben einen bedeutsamen Einfluss auf öffentliche Meinungsbildungsprozesse und damit indirekt auch auf staatliche Politiken. Das kann zu Chancen, aber auch Gefahren für die politische Kommunikation führen. Laut Sändig stellt „Family Guy“ die TerroristInnen fast durchgehend als geisteskranke, religiöse FanatikerInnen in einem globalen „Kampf der Kulturen“ dar. Dies entspricht den verbreiteten Ansichten der US-Bevölkerung nach 9/11, weicht aber von den zentralen Erkenntnissen der Terrorismusforschung ab. So besteht eine der zentralen Motivationen islamistischer TerroristInnen in der als Besatzung wahrgenommenen US-Außenpolitik in der arabischen Welt: „Ihre Gewalt ist allen voran eine Antwort auf wirtschaftliche und soziale Missstände sowie politische Bedingungen, die als Benachteiligung, Fremdherrschaft und Erniedrigung wahrgenommen werden“, so Sändig. „Family Guy“ kritisiert die amerikanische Außenpolitik zwar immer wieder, doch stellt die Serie kaum eine Verknüpfung zwischen der US-Außenpolitik und der Entstehung von Terrorismus her. Aufgrund der breiten öffentlichen Rezeption kann dies durchaus zu Problemen führen: „So reproduziert „Family Guy“ bestehende simple, aber weitverbreitete Annahmen über den Terrorismus, die auch realen und teilweise kontraproduktiven Politiken der Terrorismusbekämpfung zugrunde liegen. Diese werden folglich nicht hinterfragt, sondern stabilisiert“, erklärt der Tübinger Politikwissenschaftler.

 

Aufarbeitung von 9/11 durch „Family Guy“?

Jan Sändig erläutert, dass im Grunde jede Beschäftigung mit 9/11 eine Form der Aufarbeitung sei, eine substanzielle Aufarbeitung jedoch immer auch Versöhnung und Selbsthinterfragung beinhalten muss: „Das heißt nicht, dass die US-Öffentlichkeit und Al-Qaida zu Freunden werden müssen. Im Sinne kritischer Theorien aus der Politikwissenschaft ist es aber nötig, die eigenen Positionen und Handlungen kritisch zu betrachten“, begründet Sändig. Doch eine solche kritische Aufarbeitung bleibt bei der Terrorismusdarstellung in „Family Guy“ weitgehend aus: „Die Serie hinterfragt zwar die pauschale Stigmatisierung von Einwanderern als Terroristen, wobei es sich zweifelsohne um einen zentralen und hochproblematischen Aspekt der Post-9/11-Wahrnehmungen in den USA handelt. Auch begegnet die Serie dem Thema des Terrorismus mit Humor, was im aufgeheizten politischen Diskurs an sich schon eine wertvolle Ergänzung bedeutet. Es fehlt jedoch eine kritische Auseinandersetzung dahingehend, ob die US-Außenpolitik zu den Anschlägen vom 11. September beigetragen hat“, betont Sändig.

 

Die Erkenntnisse der Terrorismusforschung

Wie sehr unterscheidet sich die Wahrnehmung des Terrorismus in den USA von den Erkenntnissen der Terrorismusforschung? „Sie unterscheidet sich stark, denn die öffentliche Meinung tendiert zu einfachen, teilweise einseitigen, oftmals stereotypen und womöglich sogar ungerechtfertigten Ansichten. Die Wissenschaft hingegen sucht nach objektiven Wahrheiten, die in der Regel in komplexeren Antworten bestehen. Diese wiederum der Öffentlichkeit zu vermitteln, gestaltet sich oft schwierig “, so der Experte. Genau vor diesem Hintergrund findet der Politikwissenschaftler populärkulturelle Formate so interessant. Denn diese haben aufgrund des Massenpublikums die Möglichkeit zu beeinflussen, worüber Menschen denken. Dadurch können öffentliche Ansichten kritisch hinterfragt werden und für alternative Interpretationen und Politiken die Augen geöffnet werden, erklärt Sändig.

 

Abschließend erwähnt der Politikwissenschaftler, dass er sich aufgrund seiner persönlichen Präferenzen und der hohen Zahl von Szenen mit Terrorismusbezug für „Family Guy“ als Gegenstand seiner Untersuchung entschieden habe. Zudem scheint „Family Guy“ anlässlich seines brachialen und bösen Charakters im gegenwärtigen politischen Klima der USA auch zeitgemäßer als zum Beispiel „Die Simpsons“: „Zugespitzt gesagt ist Donald Trump eher ein Peter Griffin als ein Homer Simpson“, so Sändig.

 

Den Aufsatz „9/11 und die Ursachen von Terrorismus in der animierten TV-Serie Family Guy“ gibt es zum Nachlesen unter folgendem Link:

https://doi.org/10.1007/978-3-658-07206-3_7