Journalismus: Print versus Video

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Was unterscheidet das „Handwerk“ von Print-und Video-JournalistInnen? SUMO hat Robert Misik (Video-Blogger „FS-Misik“ auf „derstandard.at“, Autor und Publizist) und Benedikt Narodoslawsky (Redakteur bei „Falter“) zu ihren Tätigkeiten befragt.

 

Mit breiter Zugänglichkeit des Internet und der ansteigenden Alltagspräsenz von sozialen Netzwerken haben sich auch im Journalismus neue, erweiterte Formen entwickelt. Jede/r mit funktionierendem Internetanschluss hat die Möglichkeit, online journalistisch tätig zu werden und der Öffentlichkeit Informationen zu liefern. Auf Videoplattformen wie „YouTube“ und Co. drängt sich seit geraumer Zeit das Format des Vlogs ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wie aus der genannten Studie von Andreas Gebesmair, Leiter des Instituts für Medienwirtschaft und Professor an der FH St.Pölten, hervorgeht. Vlog bedeutet Video-Blog, also zumeist das periodische Berichten über das eigene Leben und die eigenen Meinungen. Dies ist per se noch kein Journalismus in der gängigen Definition: nämlich die hauptberufliche „Erarbeitung bzw. Verbreitung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Medien mittels Wort, Bild, Ton oder Kombinationen dieser Darstellungsmittel“, so der deutsche Journalistenverband.

 

Themenfindung und Recherche

Egal ob Video-oder Print-Journalismus, das Erstellen eines Beitrages beginnt bei der Themenfindung. Doch dabei bestehen bereits Unterschiede, wie Robert Misik, Ersteller des Video-Kommentars „FS-Misik“ auf „derstandard.at“ und Benedikt Narodoslawsky, Redakteur bei „Falter“ berichten. Für seinen wöchentlichen Video-Blog – mittlerweile 567 Folgen (Stand: September 2018)- verfolgt Robert Misik das politische sowie gesellschaftliche Geschehen und befasst sich dabei hauptsächlich mit Themen, welche seiner Expertise entsprechen. Im Print-Journalismus beginnt die Themenfindung zumeist in der Redaktion. Entweder wird durch ein Brainstorming ein passendes Thema gesucht, oder man lässt sich von Geschehnissen, Beobachtungen und dem eigenen Freundeskreis inspirieren. „Alles was mich persönlich fesselt, kann eine Geschichte sein“, erklärt Narodoslawsky. Bei der Themenauswahl treten weitere Unterschiede hervor. Im Video-Blog, der in Misiks Fall in kompletter Eigenleistung entsteht, ist die Themenwahl äußerst frei. Im Vergleich dazu muss sich in der „Falter“-Redaktion das Thema vorher in einigen Punkten behaupten, bevor es zu einer Freigabe kommt. Bereits bei der Themenfindung gilt es, die zugehörige Ressort-Passung zu bedenken. Dennoch muss dieses Thema in der Redaktionssitzung bestmöglich verkauft werden. Die endgültige Entscheidung über die Wahl liegt bei der Chefredaktion, wobei davor bereits KollegInnen ihre Meinung Kund getan haben. Denn wenn man schon an der Überzeugung der KollegInnen scheitert, liegen die Chancen schlecht, dass die Leserschaft von der Thematik mitgerissen wird, so Narodoslawsky.

Nach der Freigabe beginnt die wirkliche Arbeit. Zuallererst muss man sich entscheiden, wie man die Geschichte aufbereiten möchte und abgestimmt darauf sowie gemessen am eigenen Fachwissen zu der Thematik, den Umfang der Recherchearbeit anpassen. Misik hingegen betreibt nur wenig Recherche ausschließlich für den Vlog, da es sich grundsätzlich um ein Meinungsformat handelt. Dabei publiziert er einen Kommentar zu Thematiken, über die er entweder für andere Projekte bereits recherchiert hat oder über ausreichend Fachwissen verfügt. Die einzige im SUMO-Interview erwähnte Ausnahme bezieht sich auf wochenaktuelle Themen, wofür die Meldungslage von hoher Bedeutung ist.

 

Gestaltung und Bearbeitung der Inhalte

Hierbei differieren die journalistischen Spektren am stärksten. „FS-Misik“ ist eine „One-Man-Show“, bei der Misik die komplette Produktion abwickelt, beginnend bei der Konzeption, über das Schreiben des Skripts bis zum Drehen und Schneiden des Videos. Der einzige Schritt, der in diesem Prozess von einem Dritten übernommen wird, ist das Veröffentlichen auf der Startseite von „derstandard.at“ durch den Chef vom Dienst. Bezüglich der Freigabe der Inhalte hat Misik vollkommene Freiheit, da er das Video als Endfassung bereitstellt und somit nachträgliche Änderungen eher schwierig sind. Diese werden nur im äußersten Notfall getätigt, wenn beispielsweise problematische Formulierungen im Video vorkommen, was Misik nur zweimal in zehn Jahren passiert ist und mit einer Überarbeitung des Schnittes gelöst wurde.

In Narodoslawskys Redaktion dagegen gibt es eine klare Rollenverteilung. Grundsätzlich macht jede/r seinen/ihren Job und trägt mit ihren beziehungsweise seinen Stärken zum Endprodukt, das aus tief recherchierten, inhaltlich korrekten, spannenden Artikeln besteht, bei. Vor der Freigabe der Story läuft diese durch: Erstkontrolle und Verständlichkeitstest, Prüfung durch die Chefredaktion, zweimalige Lektorats-Kontrolle und anschließend Freigabe durch den/die ChefIn vom Dienst. Parallel zu diesem Prozess werden beim Bearbeiten eventuelle Fehler oder problematische Stellen identifiziert, die durch den/die AutorIn laufend überarbeitet werden. Abdiesem aufwändigen Prozess ist der Komplett-Ausfall eines Artikels eher unwahrscheinlich.

Das Risiko ist bei der Ein-Mann-Produktion von Robert Misik diesbezüglich deutlich höher. Obwohl dieses Video-Format grundsätzlich überall umsetzbar und zeitunabhängig ist, da man solche Beiträge länger im Vorhinein drehen kann, sei die Verlässlichkeit der wöchentlichen Erscheinung für die User-Community sehr bedeutsam, so Misik.

 

Journalistische Berufsethik und Glaubwürdigkeit

In Sachen der Berufsethik und der Verinnerlichung des Ehrenkodex für die österreichische Presse sind sich beide Journalisten einig. Vernunft, Erfahrung und Routine helfen dabei, laut Narodoslawsky dient auch die Feedback-Schleife als ein Kontrollmittel.

Hinsichtlich der Ansprüche der RezipientInnen stimmt die Meinung der Interviewten mit den Ergebnissen einer Studie über die Glaubwürdigkeit, Authentizität und Nähe der Kreativen auf „YouTube“ überein. Diese Studie wurde von iconkids & youth im Auftrag von „Google“ im Oktober 2015 durchgeführt und besagt, dass Kreative auf „YouTube“ als besonders zugänglich, authentisch und glaubwürdig gesehen werden. Robert Misik: „Mit Video baut man eine Nähe auf, die der Text nie hat.“ Und: Videojournalismus sei viel polarisierender, da man die Person direkt vor Augen hat. Durch diese künstliche Nähe über das Bewegtbild kann der Inhalt authentischer wirken und stärkere Emotionen hervorrufen, die in Form von Print-Journalismus sehr schwer zu erreichen sind, konstatiert auch Narodoslawsky.

 

Konkurrenz oder natürliche Weiterentwicklung

Narodoslawsky gibt zu bedenken, dass es sich grundsätzlich um zwei verschiedene Medien handelt, die auch unterschiedlich wirken. Jedoch befinden sich beide permanent im Kampf um Aufmerksamkeit und somit sei jegliche journalistische Gattung eine Konkurrenz. Aufgrund der Konvergenz der Mediengattungen sei es wichtig, so Misik, diese neuen Technologien zu beherrschen, um weiterführende Möglichkeiten wahrnehmen zu können. Es war die Jahrtausendwende, als es ihm, dem freien Journalisten, klar wurde, dass er sich mit neuen Technologien vertraut machen muss, um konkurrenzfähig zu bleiben. Und es gelang: Misik schreibt und bloggt regelmäßig für Tages-und Wochenzeitungen, der Video-Blog des prononcierten Linken erhielt dieses Jahr durchschnittlich um die 3.700 Aufrufe.

 

Autorin: Bettina Berger

 

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