Minister Töchterle im SUMO-Interview
Text: Nadine Mittermüller | Mi 07. Dez 2011
Bundesminister für Wissenschaft und Forschung: FH St. Pölten ist eine Erfolgsgeschichte. In kurzer Zeit erreichte sie ein hohes Niveau in Wissenschaft und Lehre. Studiengebühren sind für den Erfolg von Hochschulen und Studenten aber kein Hindernis. Darum sollte es ein neues Modell dafür geben.
SUMO: Die FH St. Pölten feiert dieses Jahr ihren 15. „Geburtstag“. Zu Beginn war die FH St. Pölten eine Hochschule mit sehr wenigen Studierenden. Heute sind es bereits über 1.500 in 16 unterschiedlichen Studiengängen. War diese Entwicklung vorhersehbar?
Die österreichischen Fachhochschulen haben sich seit den ersten Gründungen vor 15 Jahren zu ausgesprochen hochwertigen und leistungsfähigen Einrichtungen entwickelt, die heute aus der Hochschullandschaft nicht mehr wegzudenken sind. Dies gilt insbesondere auch für die FH St. Pölten, die sich als wesentliche regionale Innovationstreiberin und zugleich auch als Standortmotor für die Landeshauptstadt St. Pölten und ganz Niederösterreich entwickelt hat. Gab es vor dem Start der Fachhochschulen und während deren Startphase noch viele skeptische und kritische Stimmen, hat sich die Entscheidung für diesen Typus von Hochschule heute klar durchgesetzt. Die erfreuliche Entwicklung der Studierendenzahlen, die im Vergleich zu den Universitäten deutlich höhere Absolventenquote und die starke Nachfrage am Arbeitsmarkt belegen dies eindrucksvoll. In diesem Sinn ist die FH St. Pölten eine Erfolgsgeschichte mit Zukunft.
SUMO: Was waren Ihrer Meinung nach die Gründe für diese rasante Weiterentwicklung?
Zur positiven Entwicklung hat mit Sicherheit auch der Bedarf der Wirtschaft und Industrie an gut ausgebildeten Fachkräften beigetragen. Die Ausrichtung auf eine qualitätsvolle akademische Ausbildung mit starkem Praxisbezug war und ist darauf die richtige Antwort. Zudem haben Fachhochschulen von Beginn an von besseren Rahmenbedingungen im Vergleich zu den Universitäten profitiert. Die Möglichkeit, Studierende in einem objektiven Aufnahmeverfahren auszuwählen und moderate und sozial verträgliche Studienbeiträge einzuheben, hat wesentlich dazu beigetragen, dass FH-Studierende schneller studieren, ihr Studium meist auch abschließen und daher rascher ins Berufsleben einsteigen. Darüber hinaus ist auch die soziale Durchmischung nachweislich besser als an den Universitäten.
SUMO: Wie denken Sie, sieht die Zukunft der FH St. Pölten aus?
Die FH St. Pölten tritt nach einer starken Periode des Wachstums nun in eine Phase der Qualitätssicherung ein. Dies erachte ich als strategisch richtigen Schritt zur Wahrung des hohen Niveaus von Wissenschaft und Lehre. Da die Fachhochschulen ohne Zweifel eine Wachstumsbranche sind, wird auch die FH St. Pölten in Qualität und Quantität weiter wachsen. Dabei muss eine Einrichtung für sich immer entscheiden, welche Positionierung sie in Zukunft einnehmen möchte. Baut sie vorhandene Stärkefelder weiter aus oder widmet sie sich neuen Richtungen und Schwerpunkten? Fachhochschulen profitieren dabei auch davon, sehr flexibel und rasch auf veränderte Rahmenbedingungen, wie etwa speziellen Nachfragesituationen seitens der Abnehmer in Wirtschaft und Industrie, reagieren und diese in ihrem Studienangebot inhaltlich integrieren zu können.
SUMO: Ein großes Thema in den Medien waren in den vergangenen Wochen wieder die Studiengebühren. An der FH St. Pölten müssen die Studierenden diese Gebühr bezahlen, an anderen Fachhochschulen und an allen Universitäten gib es aber keine Studiengebühren. Was halten Sie von einer Regelung, laut der die Fachhochschulen und Universitäten selbst entscheiden dürfen, ob sie Studiengebühren verlangen oder nicht?
Fakt ist, dass nach dem Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes dringender Handlungsbedarf besteht. Das von mir bereits präsentierte Studienbeitragsmodell sieht vor, dass die Universitäten selbst entscheiden können, ob sie Beiträge einheben oder nicht. Dabei gilt eine Bandbreite bis zu 500 Euro pro Semester. Darüber hinaus sind zahlreiche soziale Komponenten vorgesehen, denn kein junger Mensch soll aus sozialen Gründen am Studieren gehindert werden. Eine dieser Maßnahmen ist etwa die Möglichkeit der zinsfreien Stundung von Studienbeiträgen. Auf diesem Wege müssen Beiträge durch Studierende erst beglichen werden, wenn sie selbst im Berufsleben stehen und Geld verdienen.
Ich halte sehr viel vom Ansatz, dass Universitäten und Fachhochschulen im Zuge der Autonomie selbstständig entscheiden können. Wichtig ist, dass die Mittel an den Einrichtungen verbleiben und dort für leistungs- und qualitätssteigernde sowie für sozial ausgleichende Maßnahmen verwendet werden. Das Beispiel Fachhochschulen zeigt, dass Studienbeiträge weder die soziale Selektion verschärft, noch die Studierendenzahlen nach unten gedrückt haben; erfreulicherweise ist das Gegenteil der Fall.
SUMO: Wenn Sie auf Ihre eigene Studienzeit zurückblicken – welche Veränderungen zum damaligen System würden Sie wieder rückgängig machen?
Den gewissen Trend hin zur Verschulung des Studierens und die Fokussierung der Leistungsbeurteilung auf Stundenzahlen habe ich stets mit einen gewissen Skepsis betrachtet. Auch die Bologna-Architektur ist auf diesem Prinzip errichtet und hat daher auch ihre Schwächen. Zugleich haben sich bis heute auch die Bedeutung der internationalen Vergleichbarkeit und die Förderung der persönlichen Mobilität stark verändert. Aus dieser Sicht liegt im neuen System natürlich auch eine Logik, die nachvollziehbar und positiv ist. Eines ist mir dennoch wichtig: Es braucht beides – Wissen um des Wissens willen und Wissen um der Anwendung willen. Hier gilt es, in unserem Bildungssystem stets die Balance zu wahren und beides zu berücksichtigen.
SUMO: Was ist Ihnen von ihrer eigenen Studienzeit am besten in Erinnerung geblieben?
Das Klima des Dialogs, des Diskurses und die hohe Diskussions- und Gesprächskultur, sich Themen konstruktiv und kritisch zu stellen. Ich habe diese Atmosphäre und auch die Art des zwischenmenschlichen Umgangs auf dieser Basis immer sehr genossen. Ein wissenschaftlicher Konflikt unterscheidet sich in vielem von einer politischen Auseinandersetzung, doch beide sind wichtig, um Weiterentwicklung und Verbesserung zu erreichen.
von Nadine Mittermüller
