
Neu in der Stadt
Text: Mohit Gosain | Do 18. Nov 2010
„Ja, da sind Sie richtig“, höre ich noch immer den sehr höflichen Hausmeister vor mir sagen, als er einen Schlüssel aus seinem Büro holt und mir deutet, ihm zum Aufzug zu folgen. In meiner bisherigen Heimat Wien habe ich gelernt grundsätzlich nicht davon auszugehen, dass fremde Menschen so höflich sind.
Wir fahren in den zweiten Stock und biegen nach links ein. Da ist es schon, mein neues „home sweet home“ für die hoffentlich nächsten drei Jahre.
Von der Umzug-in-eine-fremde-Stadt-Panik zum Zigarettenpackerl Marathon
Klein, kalt und alles andere als gemütlich - mein erster Eindruck von den vier Wänden, die mir in naher Zukunft Schutz, Wärme, Platz zum Lernen und natürlich Platz zum Feiern bieten sollen. Immerhin bin ich bald Student, da soll ja nichts zu kurz kommen. Und aus den amerikanischen Filmen weiß ich natürlich, dass sich Partys mit einem erfolgreichen Studienabgang sehr wohl vereinbaren lassen. Allerdings weiß ich auch, dass ich immer zu schnell meinem Fernseher vertraue - immerhin warte ich seit drei Jahren auf die Wirkung von Clearasil: 3 Tage und weg sind sie…
Zwei Wochen später ist das Zimmer eingerichtet, ich bin eingezogen und habe den ersten Studientag überstanden. Jetzt kann ich nur noch warten. Fernseher und Internetzugang werde ich erst in den nächsten Tagen bekommen, doch auch das ist kein Problem, denn in den ersten Tagen, an denen so viele Studenten aufeinander treffen, muss doch irgendwo etwas los sein, da wird mich schon jemand unterhalten. Davon bin ich überzeugt.
Davon war ich überzeugt, denn spätestens nachdem ich eine Stunde lang im Bett liegend die Decke betrachtet habe, erlebe ich einen ersten Aha-Effekt: Ich habe tatsächlich Familie und Freunde in Wien zurückgelassen, um in dieser fremden Stadt zu studieren. Noch dazu ein Fach, das ganz sicher alle besser können als ich. Apropos alle, wo sind die denn alle? Ein Blick aus dem Fenster sagt mir, dass diese Stadt womöglich leergefegt sein muss. Ich glaube, die Nervosität überkommt mich, denn ich ziehe meine Schuhe, mein neues FH-T-Shirt und meine Jacke an und spreche mit meinem WG-Mitbewohner. Der ist übrigens auch für mich als Wiener ungewöhnlich nett. Wir beschließen das zu tun, was der Mann im 21. Jahrhundert nun einmal tun muss um Kontakte zu knüpfen: Wir gehen eine rauchen.
Am nächsten Morgen der erste Schock: noch 20 Minuten bis zum Unterrichtsbeginn! Schnell duschen, Milch trinken, zum Essen gibt es eh nichts, Zähne putzen, noch einmal Milch trinken und nix wie hin zur FH.
Die erste Umzug-in-eine-fremde-Stadt-Panik kombiniert mit von-Wien-nach-St.Pölten-Panik ist erst einmal überwunden. Immerhin hat sich das „eine-rauchen-gehen“ letzten Abend zu einem Zigarettenpackerl Marathon entwickelt und schon hatte ich eine Menge an Gleichgesinnten kennen gelernt. Ein halbes Dutzend Leute, die das gleiche Ziel haben wie ich, die Studentenjahre aus den amerikanischen Filmen selbst zu erleben. Der Start ist schon ziemlich positiv verlaufen und ich bin neugierig, wie denn die nahe Zukunft wohl aussieht.
Jetzt heißt es aber erst noch schnell eine Semmel aus dem Automaten kaufen, denn meine Fahne will keiner riechen, um dann in den Unterricht gehen zu können. Obwohl, in welchen Raum muss ich schnell nochmal?
Bild: FH St. Pölten
