„Richter Alexander Hold“ – Was steckt hinter den Kulissen der Gerichtsshow?

Zwar ist die pseudo-dokumentarische Gerichtsshow schon seit 2013 abgedreht, doch werden Wiederholungen nach wie vor via „Sat1Gold“ ausgestrahlt. SUMO sprach mit drei DarstellerInnen: Alexander Hold, Isabella Kirkitadse und Alexander Stevens. 

Es ist in jeder Folge dasselbe Schema: Tagtäglich sitzt der Richter in gleicher Robe sowie Kulisse und verhandelt nach dem üblichen Ritual des Strafprozesses die Fälle, die ihm jeden Tag aufs Neue aufgetischt werden. Mag eintönig klingen, ist es aber keineswegs – denn die Pseudo-Gerichtsshow zeichnet sich seit nun schon über 20 Jahren durch anhaltenden Erfolg aus. Generell erlebte das Genre bereits im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen der 1970er, aber auch später bei den privaten Sendern (etwa „Richterin Barbara Salesch“, Sat.1, oder „Das Jugendgericht“; RTL) Hochblüten.  

 

Der echte Beruf in fiktiver Maske 

Auf Seiten der ZuseherInnen bleibt die Serie ein spannendes Fernseherlebnis. Doch was die Wenigsten wissen: Die DarstellerInnen der juristischen Rollen üben diese auch im echten Leben aus. So ist Hold auch off-screen Richter und verhandelt Straffälle,  die Staats– bzw. Rechtsanwälte und -innen sind in der Realität ebenfalls Rechtsanwälte. Wie ist es für sie, den echten Beruf auch in fiktiver Rolle zu spielen? „Der Unterschied ist gar nicht so groß, da ich auch im Fernsehen in völlig richterlicher Unabhängigkeit agiert habe. Das heißt, ich habe selbst die Fälle, mit Ausnahme von Formalia juristisch sauber nach der Strafprozessordnung vorbereitet. Völlig frei im Ablauf führte ich die Verhandlungen nach eigenem Gutdünken und habe schließlich die Entscheidung am Ende so getroffen, wie ich es auch bei der Justiz getan hätte. Tatsächlich habe ich die Entscheidungen für mich selbst erst nach den Plädoyers getroffen – so wie es in der Realität im Gerichtssaal abläuft. Ich habe also genauso als Jurist gehandelt wie bei der Justiz, nur über fiktive statt über echte Fälle“, so Hold. 

Alexander Stevens, der als Anwalt in der Serie tätig war, entgegnet auf die Frage, dass es – unabhängig vom Beruf – für viele sicher nicht so einfach sei, den Beruf auch vor laufender Kamera darzustellen. Deshalb war es auch für die Casting-Abteilung schwierig, die Rollen richtig zu besetzen, da das Cast die Rolle schließlich authentisch verkörpern muss. Dank medialen Vorerfahrungen war es für Stevens aber kein Problem, seine Rolle lebensnah auszuüben. 

 

Mehr Reality als Scripted 

Wie es in vielen TV-Serien üblich ist, liegt den SchauspielerInnen ein Drehbuch vor, an das sie sich zu halten haben. Ganz so streng lief es bei Richter Alexander Hold jedoch nicht ab. „Im Laufe der zwölf Jahre haben wir immer wieder neue Wege ausprobiert, in welcher den DarstellerInnen die Tiefe und Genauigkeit der Aussagen vorgegeben waren. Eines blieb jedoch immer gleich: Ich habe die Verhandlung unabhängig geführt, mit eigenen Worten gesprochen und immer wieder spontan zusätzliche Fragen gestellt, was auch für meine KollegInnen, die Staatsanwälte und -innen und VerteidigerInnen galt“, sagt Hold. „Das Drehbuch diente vor allem zur Orientierung für SchauspielerInnen und KomparsInnen, damit sie wissen, wann ihr Einsatz ist“, bestätigt Stevens. Auch Plädoyers, Urteile und Urteilsbegründungen durften völlig frei gehalten und nach eigenem juristischen Background selbst bestimmt werden, ohne sich an Vorgaben oder ein Skript halten zu müssen.
Isabella Kirkitadse, die von 2006 bis 2012 ebenfalls in der Verteidigerrolle zu sehen war, meint, dass es bewusst vom Sender so gewollt war, dass Richter sowie Anwälte/innen nicht nur strikt Drehbücher auswendig lernen, sondern auch juristische Eigenleistung einbringen. Die Fälle wurden schließlich vor Drehbeginn nochmals besprochen, jede/r Jurist/in hat ein individuelles Resümee gezogen und dieses dann im Plädoyer verarbeitet. 

 

Hinter den Kulissen des Quotenbooms 

Insgesamt 2.038 Episoden mit einer Sendungslänge von 60 Minuten in 12 Staffeln wurden produziert. Laut dem Quotencheck auf www.quotenmeter.de beliefen sich die Einschaltquoten dabei durchschnittlich auf 19,1% und lagen damit deutlich über dem Sat.1-Sendeschnitt von 10,2%. Warum die Quoten nach wie vor stark seien, liege laut Stevens an drei verschiedenen Gründen: Zum ersten daran, dass Gerichtsverhandlungen in Deutschland und Österreich für das Fernsehen nicht öffentlich zugänglich sind – deshalb auch das stete Bedürfnis. Zweitens, das Interesse an juristischen Alltagsthemen, was wie juristisch gehandhabt und bestraft wird. Und letztlich erwähnt Stevens den Emotionalisierungsfaktor, auf welchen oftmals im TV und in Boulevardmedien zurückgegriffen wird, indem sich viele ZuseherInnen gerne am Leid anderer ergötzen. 

Kirkitadse meint, dass der Hype auch daran lag, dass die Sendung einen besonderen Charakter habe, relativ authentisch und kaum fake sei, was den Strafprozess betreffe. Aus diesem Grund wurden die Rollen auch an echte JuristInnen vergeben und nicht an SchauspielerInnen. „Die Leute finden die Geschichten spannend, die Auflösung kommt ja eher erst zum Schluss. Interessant wird es wahrscheinlich auch für die ZuschauerInnen sein, Strafverhandlungen zu sehen, ohne selbst direkt im Gerichtssaal anwesend zu sein. Man fragt sich als Zuseher/in, was das Urteil sein wird, wie die TäterInnen überführt werden und was die Begründung für jenes Urteil, die Haft- oder Geldstrafe ist. Um die Serie noch realistischer zu gestalten, wurde im Laufe der Dreharbeiten auch das Format noch näher an die Realität angepasst. Zu Beginn war schlichtweg der reine Gerichtssaal zu sehen, wo täglich Delikte und Straftaten verhandelt wurden. Nach einiger Zeit wurde die Show so adaptiert, dass auch die Welt außerhalb des Gerichts Teil der Sendung war. So fügte der Sender Außendrehs hinzu, in denen vor Ort Besichtigungen und Ermittlungen durchgeführt wurden. Dabei wurde auch Wert daraufgelegt, die Ermittlertätigkeit des Staatsanwalts bzw. der Staatsanwältin und der Polizei näher ins Licht zu rücken.
„Wichtig für den andauernden Erfolg ist es natürlich, jeden Tag eine spannende Geschichte zu erzählen. Das Besondere aber am Format der Serie ist, anders als bei einem Krimi, dass es nicht nur um die Frage geht, wer Täter/in ist, sondern vielmehr um die spannende Frage, was die gerechte Folge dieser Wahrheit ist“, konstatiert Hold. Selbstverständlich wollen ZuschauerInnen zu allererst gut unterhalten werden. Aber darin erschöpft sich deren Motivation nicht, wie zahlreiche Analysen zeigen. Eine Gerichtsverhandlung bietet ZuseherInnen die Möglichkeit, das eigene Wertesystem zu hinterfragen, mit dem anderer Menschen zu vergleichen und am Ende neu zu justieren. Alexander Hold dazu: Wir wissen, dass die Sendung in vielen Haushalten zu intensiven Diskussionen führt und zu Fragen wie zum Beispiel: Was ist eigentlich gerecht? Wie kann die Gesellschaft einer persönlichen Schuld begegnen? Wie kann man dem Opfer gerecht werden? Wer hat wann noch eine Chance verdient? Und das Beste: Es gibt da einen Richter, der am Ende mit seiner Entscheidung all diese Fragen verbindlich beantwortet und damit eben das Wertesystem justiert. Dass das den ZuschauerInnen sehr wichtig ist, wissen wir auch deshalb, weil anders als bei Krimis die Einschaltquoten gegen Ende der Sendung auch dann noch stabil bleiben, wenn der Täter gefunden ist. Die Zuschauer bleiben trotzdem bis zum Ende der Urteilsbegründung.“  

 

Überspitztheit oder Realität? 

Das in der Reality Show häufig vorkommende Geplänkel zwischen Justiz und Angeklagten spricht für sich und zeichnet die Gerichtsserie auch in gewissen Maßen aus. Für RezipientInnen kommen hier häufig Zweifel auf, ob jene Streitereien nicht zu überspitzt und realitätsfern dargestellt sind. Isabella Kirkitadse entgegnet darauf, dass die Palette, was an Straftaten begangen wird, so bunt sei, und die Beweggründe für die Begehung von Straftaten so vielfältig, sodass in der Serie hier nichts verzogen sei, sondern ganz im Gegenteil realistisch. „Von zehn Strafverhandlungen am Tag haben Sie mindestens eine, die in ähnlicher Qualität verläuft.“ 

Alexander Hold hingegen differenziert, dass in dem Format tendenziell häufiger Zuspitzungen vorkommen als im tatsächlichen Justizalltag, auch wenn er bereits die skurrilsten Dinge erlebt habe. Er fügt hinzu, dass die Sendung aufgrund der räumlichen Grenzen des Gerichtssaals und des engen Korsetts der Strafprozessordnung nur begrenzte Möglichkeiten der Spannung und Abwechslung zur Verfügung habe und deshalb fast als echtes Kammerspiel dargestellt werde. „Allerdings sind nur die Fälle erdacht. Der Ablauf und die Entscheidung entsprechen ja 1:1 der Realität. Dadurch ist das Format näher am Leben dran als so mancher Krimi und beispielsweise jede Arzt- oder Krankenhausserie.