Cory Doctorow: Little Brother
Text: Nadine Mittermüller | Di 20. Sep 2011
Der Blogger und Science-Fiction Autor Cory Doctorow erschafft in seinem Roman „Little Brother“ eine fiktive Welt, der unsere in einiger Zeit ähneln könnte. Den Leser erwartet eine spannende Reise in ein San Francisco, das sich nach Terroranschlägen zunehmend in einen Überwachungsstaat verwandelt.
Der 17-jährige Marcus alias w1n5t0n (Winston) schleicht sich aus der Schule, um mit seinen Freunden Van, Darryl und Jolu an einem Alternate Reality Game teilzunehmen. Auf dem Weg zu einer U-Bahnstation werden sie Zeugen eines verheerenden Terroranschlages. Und ehe sie sich versehen, finden sie sich als Terrorverdächtige in einem Gefängnis-Lkw der Heimatschutzbehörde wieder.
Horrorgefängnis: Guantánamo-in-der-Bay
Ohne ersichtlichen Grund wird Marcus als Terrorverdächtiger eingestuft. Es folgen nie enden wollende Verhöre und qualvolle Zermürbungspraktiken, die er bislang nur vom Hörensagen kannte. Aber auch diese können einen unbescholtenen Schüler, der einfach zur falschen Zeit am falschen Ort war, nicht zum Verbrecher werden lassen. Er wird zum Stillschweigen verpflichtet und nach ein paar Tagen wieder freigelassen.
Gegenschlag oder Kapitulation?
In seiner wiedererlangten Freiheit muss Marcus entsetzt feststellen, dass die Heimatschutzbehörde während seiner eigentlich doch sehr kurzen Haft die Rechte der Menschen in San Francisco beschnitten hat. Aus einer freien und pulsierenden Metropole ist eine Überwachungsstadt geworden. Jede Bewegung der Menschen und jegliche Kommunikation wird überwacht. Er beschließt, sich dagegen aufzulehnen. Seinen Online-Namen w1n5t0n, den er im Verhör verraten hatte, ändert er in M1k3y (Mikey). Er gründet ein Kommunikationsnetzwerk Xnet, das von der Behörde nicht überwacht werden kann, weil er spezielle Verschlüsselungscodes benutzt. Schnell findet M1k3y viele Anhänger. Sein Kampf gegen die Überwachung hat begonnen. Wird er etwas an der Situation ändern können?
In seinem bereits vierten Werk zeigt Cory Doctorow beängstigende Entwicklungen auf. Auch in Europa werden im Zeichen des Terror- und Bürgerschutzes immer wieder Gesetze erlassen, die die Bürger überwachen sollen. Beispielsweise erlaubt es das Sicherheitspolizeigesetz (SPG), dass die Polizei etwa Handystandortdaten bei Verdacht auf Gefährdung des Lebens einer Person ohne gerichtliche Genehmigung einholt. Cory Doctorow greift dieses in den letzten Jahren immer wieder diskutiertes Thema in seinem Roman auf und verpackt es in eine spannende Story rund um den 17-jährigen Marcus. Dem Autor gelingt es, die Leser durch spannende Wendungen der Handlung in seinen Bann zu ziehen. Langsam aber sicher wird man als Leser Teil der Geschichte und kann nicht anders, als mit Marcus mitzufiebern. In keinem Moment bricht die Spannung und die Leser sind bis zur letzten Seite gespannt, was passieren wird. Auch Freunde der Kryptografie kommen beim Lesen auf ihre Kosten, denn Doctorow baut gekonnt Erklärungen zu Begriffen und Funktionsweisen der Kryptografie in die Handlung ein und vermittelt dem Leser so zusätzlich hilfreiches Wissen.
- Erschienen: März 2010 (3. Auflage)
- Verlag: rororo (Originalausgabe erschien 2008 bei Tom Doherty Associates LLC)
- Seiten: 496
- Preis: 14,99 Euro
Cory Doctorow veröffentlichte „Little Brother“ unter einer Creative Commons Lizenz. Die deutsche Übersetzung findest du als pdf hier.
