Videokanäle für Silver Surfer

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Videokanäle und Streamingdienste speziell für die Alterskohorte 60+? Inwiefern diese zum Einsatz kommen und auf welche speziellen Bedürfnisse dabei geachtet werden muss, erklären Matthias Lorenz und Ingrid Korosec im SUMO-Experteninterview.

Wer sind die Silver Surfer?

Abgeleitet von dem silbergrauen Haar werden Menschen, die über 59 Jahre alt sind und das Internet nutzen von Marketers als Silver Surfer bezeichnet. Das Interesse dieser Alterskohorte an Computern, dem Internet und dessen Inhalt steigt rapide an und die Wirtschaft zeigt sich interessiert. Die im deutschsprachigen Raum auch als „Best Agers“ bezeichnete Zielgruppe ist für den Markt besonders interessant – sofern sie genug verdient. Laut – pauschalierender – Verbraucheranalyse konsumiert sie gerne, ist aktiv, hat Geld und ist vor allem bereit dieses auszugeben. Ein Wissen, das nicht nur von sozialen Netzwerken, sondern auch von Videodiensten genutzt werden kann.

Total vernetzt – Silver Surfer holen auf

Wie Matthias Lorenz –  verantwortlicher Director für Transformation, Market und Corporate Functions bei A1– erklärt, herrscht bei den SeniorInnen durchaus eine große Bereitschaft, sich mit dem Internet und Social Media auseinanderzusetzen. Die von A1 angebotenen Internetkurse werden gut besucht, was eine große Nachfrage sowie eine wirtschaftliche Relevanz bestätigt. Dennoch hat Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Staaten noch großes Nachholpotential. Im Vergleich zu Holland, Dänemark, Belgien, Deutschland und der Schweiz nutzen hier zu Lande nur sehr wenige Menschen ab dem 60. Lebensjahr das Internet regelmäßig, so Lorenz. Das Potential diesen Rückstand aufzuholen sieht Lorenz durchaus, allerdings sei es bis dorthin noch ein langer Weg. Die größte Herausforderung bestehe darin, SeniorInnen die Hemmungen, mit dem Internet in Kontakt zu kommen zu nehmen. Ist dieser Schritt getan, sieht Lorenz keinen Grund, warum nicht auch Video- und Streamingdienste speziell für Best Agers Anklang finden sollten. Ingrid Korosec – Präsidentin des Österreichischen Seniorenbundes – kann diesbezüglich bereits eine Besserung erkennen und glaubt, dass viele SeniorInnen diese Hemmungen bereits abbauen und „YouTube“ schon jetzt für die verschiedensten Alltagssituationen nutzen. Zudem hänge die Intensität der Nutzung stark vom Umfeld ab. „Wenn man nicht anders mit den Enkeln kommunizieren kann als über Skype zum Beispiel, dann wird man sich eher damit beschäftigen. Ich habe schon oft gehört, dass durch solche Notwendigkeiten das Interesse geweckt wurde und sich wahre ExpertInnen in der digitalen Welt entwickelt haben“, so Korosec.

Der Austrian Internet Monitor Erhebung (AIM) zufolge nutzten im Jahr 2017 über zwei Drittel der 70- bis 78-jährigen ÖsterreicherInnen das Internet ­– 68% davon nutzen auch „YouTube“. Bei den 50- bis 59-Jährigen sind es sogar 89%, die im Internet surfen.

SeniorInnen surfen anders

Neben der meist sehr hohen Hemmschwelle, die SeniorInnen dem Internet gegenüber haben, scheitert dessen Nutzung häufig auch an der technischen Ausstattung, meint Lorenz. Ist diese allerdings gegeben, beschäftigen sich Silver Surfer meist mit den klassischen Funktionen: Es werden E-Mails verfasst und einfache Recherchen getätigt. Video- und Streamingdienste werden verhältnismäßig weniger genutzt. Bewegtbild wird prinzipiell eher linear über das Fernsehgerät rezipiert, wobei in den letzten Jahren ein Anstieg vor allem in der Nutzung der Mediatheken lokaler Fernsehsender zu erkennen ist. Das Interesse an der Informationsgewinnung mittels des Internet ist bei Best Agers jedoch sehr groß. Diese Tatsachen stellt eine gute Grundlage dafür dar, dass auch Videodienste von SeniorInnen künftig vermehrt genutzt werden könnten.

Content is King

Laut Statistik Austria leben in Österreich rund eine Millionen Menschen im Alter zwischen 60 und 70 Jahren. Dies ist eine relativ große Grundmenge, die auch mittels Videos und Streamingdienste erreicht werden kann. Die Basis für diese vermehrte Videonutzung wären natürlich Inhalte, die an die Bedürfnisse der potentiellen Zielgruppe – der Silver Surfer – angepasst seien, so Lorenz. SeniorInnen hätten großes Interesse an Themen, die die Freizeitgestaltung betreffen. Videos, die Tipps zu beliebten Hobbies wie Modelleisenbahnen oder Gartenarbeiten liefern seien klar im Vorteil. Aber auch Gesundheitsratgeber, Koch- und Ernährungsvideos oder Videos zu beliebten Reisezielen kommen gut an. Das nächste große Interesse der österreichischen SeniorInnen liegt im Bereich der Nachrichten: Lokal-, Sport- aber auch internationale Nachrichten finden hohen Anklang. Korosec warnt jedoch vor einer Schubladisierung der gesamten Generation. Wichtig sei, dass auch ältere Menschen einen unkomplizierten und kostengünstigen Zugang zum Internet und somit auch zu „YouTube“ mit zahlreichen interessanten Videos haben.

Macht man sich auf „YouTube“ aktuell jedoch selbst auf die Suche nach Kanälen für die Alterskohorte 60+, findet man hauptsächlich Videos für Gymnastik oder einen gesunden Lebensstil.

Es geht auch anders herum

Prinzipiell haben SeniorInnen eine wesentlich geringere Bereitschaft, Inhalte und vor allem private Bilder oder Aufnahmen zu teilen. Aus diesem Grund sind die österreichischen Best Agers auch nur gering auf sozialen Netzwerken vertreten, erklärt Lorenz. Doch dass SeniorInnen Videos und Kanäle auf „YouTube“ nicht nur rezipieren, sondern auch erfolgreich selbst produzieren können, beweist Greta Silver. Mit 66 Jahren startet die deutsche Seniorin ihren „YouTube“-Kanal „Zu jung fürs Alter“ und verfolgt seitdem das Ziel, Lebensfreude und Leichtigkeit im Leben zu verbreiten. In ihren drei Minuten langen Videos beschäftigt sie sich mit „Allerweltthemen“ wie „Abnehmen in kurzer Zeit“, „Wohnung entrümpeln befreit“ oder Tipps für einen entspannten und befreiten Lebensalltag. Die Grundidee, Lebensfreude zu verteilen und Menschen an ihrer positiven Energie teilhaben zu lassen ist von Erfolg gekrönt: In den letzten drei Jahren hat Greta Silver mit über 300 Videos 11.136 AbonnentInnen gewinnen können und zählt bis zu 200.000 Aufrufe pro Video. Auch Korosec kennt zahlreiche „YouTube“-Kanäle oder Blogs von und für die älteren Zielgruppen. Das wundert sie nicht: ­­Die eigene Altersgruppe sei am einfachsten zu unterhalten, da die Lebensrealität keine unbekannte sein. Diese Alterskohorte hat außerdem zumeist die Zeit, sich derartigen Projekten zu widmen – und sobald das notwendige Know How bei den Best Agers weit verbreitet ist, steht dem nichts mehr im Wege.

Was die Zukunft bringt

Lorenz und Korosec sind sich einig, dass sich im Bereich der Video- und Streamingdienste für Silver Surfer kontinuierlich Veränderungen ergeben werden. SeniorInnen sind keine konstante Einheit – schon jetzt ist zu sehen, dass 50- bis 60-jährige ÖsterreicherInnen diese Dienste ganz anders nutzen als die 60- bis 70-jährige.

Von Hannah-Laura Schreier

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