Wie soziale Medien die Kommunikation über sexuelle und andere Gewalt verändern

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Soziale Netzwerke revolutionierten die Debatten über sexuelle Belästigung und Gewalt.  SUMO sprach mit Alexandra Wachter,  Moderatorin und Reporterin bei „ProSiebenSat.1 PULS4“, und Simon Bertsch, Gründer der SEO- und Online Marketing-Agentur SIBERCON. 

 

Die Einführung sozialer Medien erlaubte es seinen NutzerInnen, offen, publik, meist unwiderruflich die eigene Meinung kundzutun und diese mit anderen zu teilen. Denn, wie die zeitgenössische Floskel bestätigt: Was einmal im Netz ist, das bleibt auch dort. Zwar konnte man früher in Foren miteinander diskutieren, dies aber meist anonym und mit geringerem Verbreitungsausmaß. Die Dimensionen, die Aussagen in sozialen Medien einnehmen, können maßlos sein und tausendfach geteilt, retweeted etc. werden.
Alexandra Wachter meint, dass wir durch den Verbreitungseffekt viel mehr Informationen verarbeiten müssen als früher. Für sie ergeben sich dadurch zwei Ausformungen: Einerseits können durch die unterschiedlichen Erzählungen, Kommentare und Postings Eindrücke entstehen, die sich dann mit Zahlen und Fakten kaum belegen ließen. Andererseits biete diese schnelle und offene Kommunikation die Chance, dass gesellschaftliche Probleme an die Oberfläche kommen, die vorher keinen Raum gefunden haben und nicht laut genug gehört wurden. „Ganz grundsätzlich muss man meiner Meinung nach aber sehr wachsam bleiben und sich selbst kontrollieren. Sprich, nicht nur auf Twitter und Facebook Meinungen und Erfahrungen nachlesen, sondern auch gezielt Online-Plattformen etablierter Medien konsumieren, um ein vollständiges Gesamtbild zu einem Thema zu erhalten.“ 

 

Ermöglichen Facebook, Twitter und Co. mehr Offenheit? 

Soziale Netzwerke können den Kommunikationshorizont der NutzerInnen erweitern. Dies zeigt etwa die #MeToo-Kampagne, die für viele Posts über sexuelle Belästigung gesorgt hat. Die Plattformen ermöglichen dem einzelnen User/der einzelnen Userin ein breiteres Spektrum an Offenheit, um über Tabuthemen wie Gewalt, Belästigung oder Missbrauch zu sprechen. Alexandra Wachter stimmt zu, dass Social Media diesbezüglich für mehr Offenheit sorgen, denn die Betroffenen können ohne jegliche Barriere und zu jedem Zeitpunkt darüber sprechen und werden auch gehört. Dies sei einerseits gut, da die Menschen dadurch offener werden, andererseits könne es auch ein gewisses Risiko für RezipientInnen bewirken, da das Geschriebene nicht den „Check, Re-Check, Double-Check“-Filter von JournalistInnen durchlaufe. Damit es für Betroffene überhaupt so weit kommt, öffentlich solch persönliche Erfahrungen kundzutun, benötigt es jedoch sowohl Mut und Stärke, als auch Bewusstsein für das Ausmaß, das ein Post, ein Kommentar oder ein Share einnehmen kann. Simon Bertsch nach sorgen soziale Medien zwar für mehr Bewusstsein, ist jedoch der Meinung, dass solch sensible Themen aber eher im privaten Kreise besprochen werden, denn wenn Betroffene darüber nicht anonym kommunizieren können, dann werden sie dies wahrscheinlich auch nicht in sozialen Medien tun.  

Bewegungen wie #MeToo, die sich viral so rasant verbreiten, ziehen auch an Regierungen nicht spurlos vorüber. Je nach Thema handle die Politik natürlich unterschiedlich, was schließlich auch von den jeweiligen politischen AkteurInnen, die darauf eingehen, abhängig sei. „Grundsätzlich kann man sagen, dass durch soziale Netzwerke eine zusätzliche Plattform für gesellschaftspolitische Debatten entstanden ist“, sagt PULS4-Journalistin Wachter. 

Simon Bertsch ergänzt, dass auch ein „Shitstorm“ ein gutes Mittel sei, um mediale wie politische Aufmerksamkeit zu erlangen: Kommentieren, teilen und kommunizieren viele Personen über ein Thema, werden diese meist auch gehört.
Nichtsdestotrotz findet die Kommunikation über Gewalt, sexuelle Belästigung und Missbrauch in sozialen Medien immer wieder auch negativen Anklang. „Trolls“, also (meist anonyme) UserInnen, die andere im Netz provozieren oder beleidigen, attackieren Frauen und Männer, die von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung berichten. Wachter stellt fest, dass dies vor allem gegenüber Frauen der gezielte Versuch sei, patriarchale Strukturen um jeden Preis zu erhalten und diesen das Recht abzusprechen, in der Öffentlichkeit über einen offensichtlichen Missstand zu sprechen. 

Wer bin ich, darüber zu urteilen? 

Zwar mögen Social Media als Sprachrohr fungieren, jedoch sei es laut Wachter wesentlich ist, zwischen einem richterlichen Urteil und jenem einer Social Media Community zu unterscheiden. Es gilt grundsätzlich für jeden Menschen die Unschuldsvermutung. Fakt ist, dass die Dunkelziffer von Gewalt und sexueller Belästigung weitaus höher ist und viele Fälle niemals angezeigt werden. Frauen und Männer, die Opfer von Gewalt oder Missbrauch sind, müssen folglich dringend dazu ermutigt werden, diese Fälle auch anzuzeigen. Sonja Aziz, im Bereich Opferschutz spezialisierte Rechtsanwaltsanwärterin, konstatierte dazu in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin profil“ im Dezember 2018: „Schätzungen zufolge wird nur jede zehnte Vergewaltigung angezeigt, in nur zehn Prozent der Verfahren kommt es zu einer Verurteilung. Es gibt also nur sehr wenige Täter, die wirklich Konsequenzen spüren.“ 

Bis dato gibt es in den meisten sozialen Medien geringe bis gar keine Einschränkungen. Die Betreiber benutzen lediglich Filter, die es NutzerInnen nicht erlauben, bestimmte Inhalte zu veröffentlichen. Alexandra Wachter hinterfragt beispielsweise auch die Reaktionszeit von Twitter“: „Jemand hat vor ein paar Monaten mein Konterfei als sein Profilbild verwendet. Ich habe es dann gemeldet und Twitter hat mir geschrieben, dass hier kein Verstoß gegen die TwitterRegeln vorliege. Twitter würde ‚bei Auseinandersetzungen’ nicht vermitteln. Das Unternehmen entzieht sich also seiner Verantwortung. Nachdem ich mich an den Internet-Ombudsmann gewendet habe und viele UserInnen das Profil gemeldet haben, hat Twitter dann doch reagiert und das Profil gesperrt. Die Reaktion des Konzerns zeigt dennoch, wie Verantwortungen einfach abgeschoben werden und zwar auf vielerlei Ebenen.“ 

 

Von Marlene Lampl