„YouTube’ hat mir gezeigt, wer ich bin.“

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Soziale Netzwerke sind beliebt bei Jugendlichen und noch beliebter bei Menschen, die mit ihrer Gender Identity im Zwiespalt stehen. Jedoch ist wenig bekannt darüber, ob und wie soziale Netzwerke die Selbstentwicklung beeinflussen. SUMO sprach darüber mit dem „YouTuber“ Tom Henrik und einer Betroffenen aus der LGTBQ+ Community.

Betty (Name von der Redaktion geändert) umstreicht etwas nervös ihr Wasserglas. „Das erste Mal bin ich mit der LGBTQ+ Community in Kontakt gekommen, als ich angefangen habe, Videos zu dem Thema auf ‚YouTube’ zu schauen.“ Dort stieß sie auf das Coming Out-Video einer bisexuellen „YouTuberin“. „Irgendetwas faszinierte mich an dem Thema, ich kam nicht mehr weg davon und irgendwie fühlte sich alles, was sie sagte so richtig an.“

 

Vom Entdecken und Selbstfindung auf „YouTube“

Bettys Geschichte stellt hier keinen Einzelfall dar. Die Sozialwissenschaftlerinnen Shelley L. Craig und Lauren McInory fanden 2013 in einer US-zentrierten Studie heraus, dass die Nutzung sozialer Netzwerke oft entscheidend für die Selbstfindung von Jugendlichen hinsichtlich sexueller und Gender-Orientierung sei. Informationen zu den einzelnen Themen zu finden, gestalte sich online einfacher als offline. Die Onlinerecherche nach LGTBQ+ Themen berge zusätzlich auch weniger Risiken, denn durch die Anonymität sei man weniger angreifbar und verletzlich als im echten Leben. ProbandInnen beschrieben die Netzwerke als eine Art „virtuellen Spielplatz“, an dem man sich ohne Druck austoben könne, bis man wisse, wer man wirklich sei. Ein Grund, warum nicht wenige Menschen erst durch die Rezeption von Videos erkennen, dass sie Teil der LGBTQ+ Community sind, seien die Ähnlichkeiten, die sie zwischen ihnen selbst und „YouTubern“ sehen. Sie würden sich daraufhin bewusst werden, dass sie weder abnormal noch allein seien. Auch der Umgang mit der eigenen Sexualität und ihre Selbstakzeptanz würden so vereinfacht werden. Am Ende einer jeder solchen Entwicklung und Selbstfindung steht das Coming Out. Es komme nicht selten vor, dass Jugendliche zuerst online offen mit ihrer Sexualität umgingen, um schließlich erst später auch offline, im realen Leben zu ihrem wahrem Ich zu stehen.

 

Ein „Youtuber“ mit LGBTQ+ Hintergrund

Tom Henrik ist transgender und war früher biologisch gesehen eine Frau. Sein wahres Geschlecht, wie er selbst sagt, war aber immer schon männlich. Seine Geschichte weist Parallelen mit Bettys auf, denn „‚YouTube’ war eigentlich meine Hauptquelle“, erzählt er bei einer Tasse Kaffee. Zahlreiche Vlogger, die selbst transgender sind, „Woher-weiß-ich-dass-ich-trans-bin“-Videos und Videos mit Coming Out-Tipps halfen ihm auf seinem Weg.

Tom geht offen mit seiner Identität auf „YouTube“ um und thematisiert sie auch in seinen Videos. Geplant war das aber eigentlich nicht, seine „YouTube“-Karriere fing unverhofft an.  Anfangs veröffentlichte er Musikcovers auf „YouTube“, allerdings nicht mit dem Hintergedanken auf Erfolg und Ruhm, sondern um einen Überblick über die Videos zu behalten. Ein Lied, das Transgender-Themen behandelt brachte ihm allerdings einige Aufmerksamkeit. Daraufhin habe er sich dazu entschlossen, eigene Videos zur Thematik zu drehen, um der Community, die ihm selbst geholfen hatte, etwas zurückzugeben. Hinzu komme auch, dass es in Österreich nicht viele Trans-„Youtuber“ gebe. Er sehe einen positiven Mehrwert für die Individuen in der Community in seinem Tun.

 

Unterstützung und Halt online

Die genannte Studie konstatierte auch, dass es förderlich für Jugendliche sei, sich online miteinander auszutauschen. Die Geschichten Anderer und miteinander ähnliche Erlebnisse und Erfahrungen zu teilen, würden Halt geben und auch Sicherheit schaffen. Dies bestätigt auch Betty. „Ich weiß nicht, warum, aber es ist einfach leichter mit den Menschen online zu reden, vielleicht wegen der Anonymität. Außerdem ist es beruhigend zu hören, dass andere Menschen dasselbe durchmachen wie ich“, erzählt sie, mit einem schüchternen Lächeln. Auch Tom sieht einen positiven Nutzen in sozialen Netzwerken: „Gruppen und Plattformen helfen enorm, um Leute aus der LGTBQ+ Community kennenzulernen, weil jemanden aus diesem Kreis zu finden gestaltet sich, gerade oft am Land, relativ schwer.“ Aber man dürfe die Schattenseiten, wie Hasskommentare und negativen Einfluss nicht außer Acht lassen.

 

Trend zu LGTBQ+?

Die Markt- und Meinungsforschungagentur „Dalia Research GmbH“ mit Hauptsitz in Berlin untersuchte 2016 die Größe der LGBTQ+ Community in Europa. Es resultierte, dass mehr 14-29-Jährige nicht heterosexuell sind, als es in der Vergangenheit je der Fall war. Nicht wenige Stimmen verkünden, dass soziale Netzwerke einen Trend zu LGTBQ+ ausgelöst hätten und dahingehend manipulativ wirken könnten. Es existieren zwar Artikel, die dieses Argument untermauern, sich aber meist auf ominöse Studien berufen, die aber nie zitiert werden. Zusätzlich gibt es auch Behauptungen, dass es gerade einfach nur „in“ sei, der LGTBQ+ Community anzugehören.

Da Tom auch eine Gruppe von Jugendlichen leitet, die sich als Transgender identifizieren, kann er einen Einblick in diese Debatte bieten. Tom selbst positioniert sich gegenüber dem Thema zwiegespalten. „Einerseits denke ich mir, es outen sich sehr viele Trans-Personen, weil durch die vermehrte Präsenz in den Medien viele erst verstehen, dass sie selbst transgender sind, so wie das bei mir war. Es führt eben schon dazu, dass viele Leute zu einer Selbsterkenntnis kommen.“ Andererseits sehe er auch die negativen Seiten dieser verstärkten Präsenz. Besonders Prä- und Pubertierende seien empfänglicher für solche Themen. Oftmals würden die Jugendlichen mit ihrer eigenen Identität kämpfen, denn ihr Körper verändert sich und so auch die eigene Wahrnehmung ihrer selbst. Bekämen diese dann Informationen über die LGTBQ+ Community, zum Beispiel über Videos auf „YouTube“, passiere es schnell, dass sie sich mit den gezeigten Inhalten identifizieren. Daraus könne resultieren, dass sie glauben, etwas zu sein, was sie eigentlich gar nicht sind.

Tom ist heute glücklich mit sich selbst. Es war ein langwieriger und schwerer Weg, aber er bereut seine Entscheidung keinesfalls. Betty hat noch einen großen Meilenstein, den sie bewältigen möchte: Bis jetzt ginge sie nur online offen mit ihrer Sexualität um, nun aber plane sie, sich auch in der realen Welt zu outen.

Ob es den besagten Trend zu LGTBQ+ nun tatsächlich gibt oder nicht, muss erst noch erforscht werden. Jedoch ist es nicht die Quantität, die über Glück in der Selbstfindung entscheidet – es ist die Qualität eines selbstbestimmten, erfüllenden Lebens.

 

Von Janina Schmid

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