Bildungskanäle: Hochschulen setzen auf individuelles Lernen

Lerninhalte immer dann vermittelt bekommen, wenn es das persönliche Zeitmanagement zulässt? Universitäten bieten dies vermehrtin Form von Bildungskanälen ­– StudentInnen profitieren davon. Sylvia Lingo (Univ. Wien), Univ.-Prof. Werner Lenz und Martin Ebner (TU Graz) sprachen mit SUMO über die Hintergründe und das Ausmaß von Lernvideos an österreichischen Hochschulen.

Eine Innovation der letzten Jahre?

Der Bildungswissenschaftler und Universitätsprofessor Werner Lenz stellt fest, dass Live-Streamings direkt aus dem Hörsaal bereits vor Zeiten durchgeführt wurden. Die Neuerung, StudentInnen auch außerhalb der Universitätsräumlichkeiten direkt erreichen zu können, öffnete eine Vielzahl an Kommunikationswegen. Mehr und mehr wurden,ergänzend zu Live-Streamings der Lehrveranstaltungen, Lernvideos und eigene Kanäle dafür von den Universitäten selbst erstellt. Dass das Interesse junger Menschen an Videos heute noch sehr groß ist, zeigt die Jim-Studie 2017. Dieser zu Folge nutzen rund 88% der Jugendlichen „YouTube“ mehrmals pro Woche. Dort werden nicht nur Musikvideos, Beauty-Tipps und Tutorial rezipiert –knapp 17% der Jugendlichen sehen sich täglich oder mehrmals pro Woche Bildungskanäle und andere Lernvideos an.

Die richtige Balance

Diese Zahlen verwundern Sylvia Lingo vom „Center of Teaching and Learning“ der Universität Wien überhaupt nicht. Laut ihr hat sich gezeigt, dass Videos eine stark motivierende Wirkung auf Studierende haben.Um diese angemessen nutzen zu können und Studierende in ihrer Selbstlernphase zu fördern, bietet es sich an, unter der Vielzahl an didaktischer Methoden auch Videos in Lehreinheiten anzuwenden. Vermehrt zum Einsatz kommen diese unter anderem bei der steigenden Zahl der „Flipped-Classroom“-Lehrveranstaltungen. Bei diesem Konzept steht der traditionelle Unterricht – wie der Name schon sagt – Kopf. Die Vermischung von Online- und Präsenzphasen sind in der Lehre schon lange unter dem Begriff „Blended Learning“ bekannt. „FlippedClassroom“ geht allerdings noch einen Schritt weiter: Zumal das traditionelle Unterrichtsmodell vorsieht, während der Lehreinheiten das Wissen zu vermitteln, welches im Nachhinein Zuhause geübt und gefestigt wird, dreht „FlippedClassroom“ dies einfach um. Bereits vor der Präsenzeinheit an der Universität informieren sich StudentInnen mittels Videos und anderer Lernmittel über das Thema und kommen vorbereitet in die Präsenz. Dort kann die Zeit mit den ProfessorInnen für Fragen sowie Vertiefung und Festigung des Wissens genutzt werden. Doch auch in dieser Phase werden Videos gerne zum besseren Verständnis genutzt. „Bring YourOwn Device“ (BYOD) heißt das Prinzip, bei dem die eigenen Laptops, Tablets und Co. der StudentInnen auch während der Präsenzphasen zum Einsatz kommen. Sylvia Lingo erklärt weiter, dass Videos in der Freizeitgestaltung junger Menschen einen großen Platz einnehmen. Jeder bildet sich selbst weiter, schaut sich Videos an, vielleicht wie ein Motor auseinandergebaut oder eine Frisur gebunden wird. Die Expertin empfindet es als sinnvoll, diesen Trend auch in der Lehre nutzbar zu machen.

Lernvideos sind wie Freibier…

…in Maßen eine große Freude. Gemeint seien damit nicht die Maße auf dem Oktoberfest, wie Werner Lenz betont, sondern die richtige Dosis für den individuellen Lernerfolg. Die bildenden Aspekte der Hochschulen zielen unter anderem auf eigenständiges Urteilen, Nachdenken und auf das selbstständige Erarbeiten von Wissen ab. Diese essentiellen Fertigkeiten und mehr gingen durch das bloße Erfassen der Inhalte der Videos verloren. Was bleibt, ist das kritiklose Lernen sowie die alleinige Vermittlung von Wissen. Lernvideos können durchaus unterstützend wirken, wie bei „FlippedClassrooms“ oder anderen „Blended Learning“-Konzeptendeutlich wird, doch sollte die Selbstständigkeit der Studierenden geachtet werden, ist es von großer Relevanz, diese nicht mit derartigen Videos zu überschwemmen.

Universitäten zeigen sich bemüht

Da Lernvideos dabei helfen, verschiedene Aufnahmekanäle der Studierenden anzusprechen und so den Lernerfolg steigern können, springen auch die großen Universitäten und Fachhochschulen Österreichs auf diesen Zug auf, öffnen Bildungskanäle und produzieren Lernvideos zum Teil selbst. Martin Ebner von der Technischen Universität Graz berichtet, dass sich dort ein eigenes Videoteam mit der Produktion von Lernvideos beschäftigt und Inhalte für sämtliche von ihnen zu bedienende Bildungskanäle entwickelt. Der in der Öffentlichkeit wohl bekannteste dieser Bildungskanäle ist „iMooX“.  Dabei handelt es sich um ein Kooperationsprogramm der Universität Graz sowie der Technischen Universität Graz und bietet Bildung für alle. Internet-Kurse zu diversen Themengebieten sind in Form sogenannter „Massive Open Online Courses“ (MOOCs) verfügbar und werden stetig ergänzt. Sämtliche Kurse sind stark videobasiert und als freie Bildungsressourcen definiert. Demnach können diese Inhalte ohne urheberrechtliche Probleme überall gezeigt und verwendet werden, so Ebner.

Für die Studierenden der TU Graz gibt es zusätzlich die Videoplattform „TUbe.tugraz.at“, auf der sämtliche Videos aus Lehre und Forschung sowie der Events zur Verfügung gestellt werden. Eine Videoplattform dieser Art gibt es ebenso an der Universität Wien und an anderen Hochschulen. Neben den eigenen Bildungskanälen sind Universitätenund Fachhochschulen bemüht zudem„YouTube“-Channels verschiedenster Art zu führen. Auch die Fachhochschule St.Pölten unterhält einen solchen Kanal, wie sie ebenso stark „Blended Learning“ und ähnliche Didaktik-Methodeneinsetzt. Für solch innovative Konzepte ist mit SKILL auch eine eigene Abteilung installiert.

Finanzierung, Paywall und Co.

Doch wer bezahlt all das? Martin Ebner erklärt, dass die hausinternen Seiten ­– also im Falle der TU Graz „TUbe.tugraz.at“ – sowie die „YouTube“-Kanäle von den Universitäten selbst finanziert werden. Die zur Verfügung stehenden Gelder werden im Sinne der Lehre angelegt. Diese Kanäle werden explizit als „open access“ geführt – eine Paywall ist also nicht vorgesehen. Den StudentInnen soll mit ihren Anmeldedaten der jeweiligen Universität ein freier Zugang zu den Bildungskanälen gewährt werden. Eine Ausnahme stellen lediglich diverse kostenpflichtige Master- und Weiterbildungslehrgänge dar, bei denen bereits für den Lehrgang und somit auch für den Zugang der Bildungskanäle bezahlt wurde. Anders sieht dies bei großen öffentlichen Kanälen wie „iMooX“ aus. Diese „open online courses“ werden meist durch Projekte finanziert.Öffentliche Geldgeber oder Industriepartner stellen zur Veröffentlichung eines Kurses finanzielle Mittel zur Verfügung. Im Rahmen dessen können die Videos dann gedreht und der Bildungskanal mit Inhalten gefüllt werden.

Quelle: Pixabay

Kein Ende in Sicht

Trotz des bereits weit gefächerten Angebots an Bildungskanälen der österreichischen Universitäten sehen alle drei ExpertInnen noch großes Ausbaupotential. Aus didaktischer Sicht ist im Bereich der digitalen Medien nach oben hin immer Luft, erklärt Sylvia Lingo. Es wird ständig an neuen Lehrmethoden und Modellen gearbeitet, auch im technischen Bereich wird aus dem Vollen geschöpft. Die Videoabteilungen ersticken an Arbeit ­– jede/r möchte Lernvideos zu den unterschiedlichsten Themen haben. Ein Ausbau ist hier von inhaltlicher Natur, betont Martin Ebner. Auch Werner Lenz sieht in Bildungskanälen noch großes Potential und glaubt an weitere Veränderungen und vielleicht auch Überraschungen in diesem Bereich.

AUTORIN

Hannah-Laura Schreier