Zwischen Fakten und Emotionen

Die Klimakrise bringt so manche Individuen an ihre psychischen Belastungsgrenzen. Aber wie viel Krise verträgt der Mensch? Die Psychologin Anika Heck klärt über versteckte Wirkungen und Folgen des menschengemachten Klimawandels auf. Und Michael Lohmeyer von der „Presse“ gewährt Einblicke in die Denk- und Arbeitsweise eines Journalisten im Tagesgeschäft. Die zentrale Frage: Hat die Klimakrise in unser aller Köpfe noch Platz – und sind sich Psycholog:innen und Journalist:innen in ihrer Antwort einig?

von NICO BRANDSTETTER

15. September 2023, 17:30 Uhr im sechsten Wiener Gemeindebezirk. Ein spätsommerlicher Tag auf der Mariahilfer Straße. Am Westbahnhof startend tragen einen die Beine in nur 25 Minuten bis ans Ende der bekannten Shoppingmeile. Dort angekommen bestaunt man das bunte Treiben der gerade stattfindenden Vienna Fashion Week. Doch der Trubel wird schnell übertönt. Zig Menschen kleben, stehen und schreien lauthals an der Kreuzung zum Museumsplatz. Es sind friedlich demonstrierende Klimaaktivist:innen. Wer nicht in einem Fahrzeug gefangen sitzt, reagiert schnell: Die Gäste der Fashion Week verschwinden in den Gemäuern des Museumsquartiers und die Einkaufsbummler bringen ihre Einkäufe in Sicherheit. Was bleibt, ist die Schlagzeile in der Zeitung des folgenden Tages … 

Ich will das nicht sehen … 

Die „Flucht“ der Menschen am Museumsplatz kann gleichgesetzt werden mit dem Flüchten der Rezipient:innen vor der Berichterstattung. Es ist ein Bewältigungsmodus, welcher dem einzelnen dienlich ist, um die vorherrschende Krise zu verarbeiten. Die deutsche Psychologin Anika Heck beobachtet diesen Zustand immer öfter. Seit 2021 ist sie Teil der Psychologists & Psychotherapists For Future im Nachbarland. In dieser Zeit hat sie ihren Praxisbetrieb eingeschränkt, um sich stärker in der Klimaschutzbewegung engagieren zu können. Sie beschreibt, dass der Mensch eigentlich nicht für solch komplexe Bedrohungen wie den Klimawandel gemacht sei und dass viele aufgrund der Überforderung scheinbar in Lähmung verfallen. Irgendwann reagieren die Menschen mit dem Gefühl von Hilflosigkeit und Machtlosigkeit, sie schalten die Nachrichten einfach nicht mehr ein. In anderen Fällen wenden sie sich alternativen medialen Kanälen zu, die ihrem Weltbild eher entgegenkommen, so Heck. Die Leugnung des Klimawandels oder die Relativierung wissenschaftlicher Fakten sind dann nicht mehr weit entfernt. Genau hier liegt das Problem: Wenn sich weite Teile der Gesellschaft vor der Realität verschließen, kostet das mit Blick auf den notwendigen Umbau der Wirtschaft in Richtung Klimaneutralität unheimlich viel Zeit. „Wenn irgendwann die Erkenntnis kommt, werden sich viele mit Schuld und Reue konfrontiert sehen und sich im Zweifelsfall noch hilfloser fühlen, als sie es jetzt schon tun,“ schildert die Psychologin die absehbaren Folgen des Phänomens. Michael Lohmeyer – seit 1989 Redakteur der Tageszeitung „Die Presse“ und einer der profiliertesten Umweltjournalisten im Land - bestätigt die Sichtweise der Psychologin. Er erklärt die Ignoranz gegenüber dem Klimawandel mit dem Umstand, dass speziell im Bereich Klima Ursachen und Wirkung oft sehr weit auseinanderlägen: „Das, was wir heute tun, wird sich erst in den nächsten Jahrzehnten niederschlagen und dieser Zeithorizont überfordert die Menschen.“ Diese ungemütliche Wahrheit dennoch zu übermitteln, gestalte sich für den Journalismus wiederum außerordentlich schwierig. 

Krisenhafte Harmlosigkeit 

Die meisten Krisen stoßen bei Medienkonsumenten auf eine gewisse innere Abwehrhaltung. Harte Tatsachen so zu verpacken, dass sie der Empfänger nicht unmittelbar zurückweist, erfordert also Geschick. Eine Fähigkeit, die Michael Lohmeyer in den vergangenen 40 Jahren als Journalist immer wieder unter Beweis stellen musste. Er sagt, dass das Thema Klima durchaus wichtig sei, es sei aber auch ein Thema unter vielen anderen und unterliege demnach einer gewissen Gesetzmäßigkeit. Für die Abbildung des Klimawandels findet Lohmeyer eine klare Beschreibung. „Natürlich schafft es das Ungewöhnliche eher auf das Titelblatt als die Norm“, konstatiert der Journalist. Also komme man um Katastrophen in den Schlagzeilen oder allgemein negativ anmutender Berichterstattung nur schwer herum. Der Umweltjournalist hat seit den 1980er Jahren die Klimaberichterstattung erlebt und mitgestaltet. Seiner Wahrnehmung nach war der erste große Hype dem Waldsterben zuzuschreiben. Danach sei in einer gewissen Regelmäßigkeit immer wieder berichtet worden, aber in geringerem Ausmaß als heute. Diesen Wandel des Klimajournalismus sieht Lohmeyer positiv. Verglichen mit den vergangenen zehn Jahren sei die Fülle und vor allem die Breite der Berichterstattung über den Klimawandel enorm gestiegen. Ein Punkt, bei dem die deutsche Psychologin Heck allerdings nur bedingt mitzieht. Trotz eines höheren Ausmaßes an Berichterstattung würden empirische Untersuchungen zeigen, dass insgesamt noch zu wenig über den Klimawandel und dessen Zusammenhänge berichtet werde. Laut Heck war das Credo der Medien für lange Zeit, „bloß keine Panik zu verbreiten. Aufgrund dessen wurden viele Dinge auch eher abgemildert beschrieben.“ Ihrem Gefühl nach seien viele Medienhäuser mit der Darstellung des Klimawandels ein Stück weit überfordert. Problematisch sei auch, dass die aktuellen Krisen in Form einer Auflistung präsentiert werden: Preisanstiege, Klimawandel, Konflikt im Nahen Osten, Ukraine-Krieg. In dieser Aufzählung wirke der Klimawandel wie eine von vielen kleinen Krisen. „Dabei kommt zu kurz, dass faktisch unsere gesamte Lebensgrundlage bedroht ist und nicht nur einzelne Bereiche“, so Heck. 

Nicht in diesem Ton 

Hat man in den vergangenen Jahren regelmäßig Medien rezipiert, fällt einem auf, dass sich das Vokabular des Klimajournalismus verändert hat. Anfangs war es der bloße Klimawandel, der heute schnell zur Klimakrise umformuliert wird. In vielen Fällen sind die Beschreibungen der Sachlage deutlicher und ernster geworden. Michael Lohmeyer führt das übrigens auch auf eine Vielzahl von Kampagnen zurück, die in den vergangenen Jahrzehnten mit sehr hohen Etats ausgestattet gewesen wären. So seien bestimmte Begriffe in die breite Öffentlichkeit gebracht und salonfähig gemacht worden. Er ergänzt, dass das Wort Klimawandel erstmal harmlos und sehr natürlich klinge. Dabei lässt sich hinterfragen, ob in Anbetracht der drastischen Lage nicht doch deutlichere Worte gefunden werden sollten. Anika Heck behauptet hier: Ja! Forschung und Medien hätten den Menschen in vergangenen Jahren womöglich zu wenig zugemutet. Es sei an der Zeit, härtere Fakten und härtere Begrifflichkeiten zuzulassen und damit vielleicht auch ein wenig mehr berechtigte Angst. Heck: „Wenn ein Arzt eine schreckliche Diagnose überbringen muss, dann würden die meisten doch lieber die unverblümte Wahrheit wissen, wenn sie die Wahl hätten.“  

Wer beginnt? 

Viele Menschen fühlen sich nicht in der Pflicht, etwas in ihrem Leben zu ändern. Ein Argument, das oft als rhetorisches Schutzschild verwendet wird, lautet dann: „Die da Oben müssen es richten!“ Beide Experten – Heck wie Lohmeyer – sind sich einig, dass sich die wirksamen Hebel tatsächlich aufseiten der Politik befinden. Doch gleichzeitig könne man es sich nicht leisten zuzuwarten. Ein jeder müsse den Anfang bei sich selbst machen und seine täglichen Gewohnheiten in Frage stellen beziehungsweise diese teils auch aufgeben. Und: Wenn sich der einzelne zu unwichtig fühle, dann helfe es, sich bewusst zu machen, dass wir in einer stabilen Demokratie von rund neun Millionen Individuen leben. Schließen sich alle zusammen und verfolgen das gleiche Ziel, dann entstünden sogar riesige Effekte. Oder wie Anika Heck es formuliert: „Diese Verantwortung darf keinen Bereich der Gesellschaft ausschließen. Die Politiker:innen müssen auf politischer Ebene aktiv werden, die Unternehmen auf der Wirtschaftsebene und die Individuen sollten es auf der individuellen Ebene tun. Jeder Einzelne darf und muss sich mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen. Dabei zu unterstützen, wird weiterhin die Aufgabe der Medien sein.“

Nico Brandstetter | Copyright: Julius Nagel