Stereotype in Kindermedien

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Verhalten sich Burschen und Mädchen unterschiedlich in Kindermedien? Welchen Einfluss haben fiktionale Figuren auf Kinder? Haben sich Programminhalte im Vergleich zur Kindheit der Eltern verändert? Zu diesen und anderen Fragen interviewte SUMO Kinder und Eltern.

„Heutzutage gibt es viel mehr schwachsinnige Sendungen im Fernsehen“, berichtete eine Mutter im SUMO-Interview. Doch wie steht es wirklich um die Qualität von Kindermedienformaten? Gerade das sollte eine zentrale Frage von Eltern und MacherInnen dieser Formate sein. Denn Kinder orientieren sich laut Studien oft an den Medien und finden Anhaltspunkte für die eigene Entwicklung. Wie sie und Eltern diese Entwicklung erleben, hat SUMO in Erfahrung gebracht.

Gleichberechtigung am heutigen Stand

Besorgniserregend sind die Ergebnisse der Studie „Is the future equal?“ („TELEVIZION“ 2017/2) von u.a. Elisabeth Prommer, die 2016 deutsche Kinderfernsehsender auf Geschlechtergerechtigkeit untersucht hat. Obwohl die Bevölkerung zur Hälfte aus Frauen besteht, kommen im Kinderfernsehen auf vier männliche Charaktere nur ein weiblicher. Besonders selten (19%) sind Frauen als Anführerinnen dargestellt. Männer übernehmen auch meistens die Rolle des Erklärers oder der Moderatoren, in diesem Feld können sich Frauen nur zu einem Drittel behaupten. Auch das Fantasiegenre besteht fast ausschließlich aus männlichen Figuren. Sogar Tiere werden eher männlich dargestellt, auf eine weibliche Tierfigur kommen neun männliche.

Besonders problematisch erscheint diese ungleiche Charakterisierung in Bezug auf die Vorbildfunktion für Kinder. Medienangebote und ihre ProtagonistInnen erklären Kindern die Welt, begleiten sie bei der eigenen Entwicklung und stellen Orientierung beim Finden der eigenen Identität dar. Wird dabei das eigene Geschlecht nur minimal oder gar nicht visualisiert, kann dies psychische Auswirkungen haben. Auch die Rolle, die das eigene Geschlecht spielt ist besonders wichtig. Wie die Ergebnisse zeigen, gibt es sehr wenige weibliche Führungspersonen in Kindersendungen, das könnte Mädchen entmutigen, später selbst führende Positionen anzustreben.

Informationslese im Weinviertel

Wo sonst die Weinreben gelesen werden, sucht SUMO nach neuen Erkenntnissen und Informationen von direkt Betroffenen. Dazu stehen drei Familien Rede und Antwort.

Der neunjährige Nicky* empfindet bei den von ihm genutzten Medienangeboten keinen großen Unterschied zwischen der realen und der fiktiven Welt. Die Figuren seien eigentlich ganz normal, aber manchmal verrückt. Auch im Verhalten der darin vorkommenden Mädchen könne er keine Unterschiede feststellen. Das wird von seiner Mutter Susi* bejaht, denn Mädchen seien genauso Superheldinnen wie die Burschen. Allgemein inspirierten ihn diejenigen Charaktere am meisten, die Superhelden helfen oder sportliche Höchstleistungen erbringen. Beispielsweise bei „YouTube“-Videos, in denen Parcours gemeistert werden frage er sich oft: „Wie kann so etwas gehen?“ Einflüsse fiktionaler Figuren werden gemeinsam mit Nicky besprochen, was vor allem gefährliche sportliche Herausforderungen betreffe. Ansonsten sei die Beeinflussung auf Nicky minimal und verändere sein Verhalten nicht.

Doch wie schaut’s bei AkademikerInnen aus? Zwei der drei befragten Elternteile verfügen über einen akademischen Abschluss, Internationale Betriebswirtschaftslehre bzw. Telekommunikation und Medien stellen die Fachbereiche dar.

Die weiblichen Lieblingsfiguren von Lena* (10 Jahre) seien oft mutig und abenteuerlustig, ihre männlichen Gegenstücke schusselig und unpünktlich. Gemein sei beiden Geschlechtern, dass sie lustig seien. Im Vergleich mit ihrer Klasse seien die Charaktere eher unrealistisch, weil keine Superhelden. Dennoch besitzen sie Sozialisationspotenzial: „Ich lerne von den Figuren, mich zu beherrschen, sich immer etwas sagen trauen, auch wenn man sich nicht traut, nicht gemein zu sein und anderen zu helfen“, führt Lena als Beispiele an. Ihre Mutter Melanie* beschreibt ihre Tochter als sehr selbstständig. „Sie sucht sich die Sachen selbst aus, die sie interessieren“. Zu diesen zählen vor allem Koch- und Sachsendungen, was das Entdecken geschlechtsbezogener Unterschiede schwierig mache. Der Einfluss von fiktionalen Figuren beschränke sich derzeit nur auf Schwärmereien für gutaussehende Charaktere wie etwa „Jacob“ aus dem Film „Twilight“.

Die zwölfjährige Maria* erkennt, dass es immer gewisse Charaktere gebe, die bestimmte Sachen gut könnten. Diese seien allerdings vom Geschlecht unabhängig. „Das finde ich schon gut, weil wenn sich immer nur ein Bub gut am Computer auskennt oder immer nur ein Mädchen gut tanzt, wär’s auch fad“, erzählt sie. Ihr sei auch bewusst, dass viele Handlungen nicht realistisch sein können. Überzeugt sagt sie: „Im echten Leben Detektiv spielen ist ein wenig schwierig.“ Als Vorbild sehe sie nur Figuren, die ihrem eigenen Leben ähnlich seien, wie eine extrem talentierte Tänzerin, die sie anspornt, besser zu werden. Mit ihren Eltern spreche sie auch nur über Dinge, die realitätsnah seien. Ihr Vater bestätigt, dass sie einschneidende Themen gemeinsam besprechen und fügt noch hinzu, dass Maria solche Gespräche auch mit guten Freunden der Eltern führe. Ihr Vater Johannes* konnte beobachten, dass mit dem fortschreitenden Alter der Zielgruppe von Büchern auch die Geschlechterbilder aufbrechen und modernere gezeigt werden. Als Maria jünger war, hätten die Geschichten auch einen größeren Einfluss auf sie gehabt. Ständige Wegbegleiter beschäftigen sie sehr, weil diese gemeinsam mit ihr aufwachsen und auch wichtigere Themen behandeln.

Erinnerungen, Maßnahmen, Meinungen

Bei der Frage nach Unterschieden zu Programmen der eigenen Kindheit verweisen alle befragten Eltern zuerst auf die technischen Neuerungen und das größere Angebot durch Streamingdienste und Co. Melanie sieht keine großen Unterschiede bei Liebesfilmen. Die Handlung sei großteils gleichgeblieben, nur die Menge des Angebots habe sich verändert. Johannes verweist auf verschiedene Rollenbilder, die jenen der eigenen Kindheit nicht ähnelten. Beispielsweise meint er: „Mädchen waren nicht wild und immer die Braven und haben nicht Fußball gespielt.“ Heute finde man neben mehr Brutalität und Freizügigkeit auch das Aufbrechen alter Stereotype im Fernsehprogramm. Susi hat bemerkt, dass es heutzutage viel mehr „schwachsinnige“ Programme ohne eine sinnhafte Geschichte im Hintergrund gebe. Solche Sendungen werden von ihrem Sohn aber auch nur als Zeitvertreib angesehen.

Einig sind sich die Eltern, was untypische Geschlechterbilder betrifft. Alle finden es wichtig, diese zu zeigen und den Kindern auch nicht zu verbieten. Susi etwa fragt: „Wenn sie es möchten, warum nicht?“ So sollen Burschen nicht nur am Baum kraxeln und Mädchen nicht nur mit Barbies spielen. Bei Melanies Familie sei es gar kein Kriterium und solle den Kindern selbst überlassen werden. Sie sehe darin aber auch einen Weg, sich von ihrer älteren Schwester abzugrenzen. Auch Johannes habe Maria nie darin eingeschränkt zu machen, was sie möchte. Im Gymnasium etwa hatte sie sich für technisches Werken und somit die Arbeit mit Werkzeugen entschieden. „Es ist falsch, wenn du einem Kind erzählst, wie es sein soll“, konstatiert er.

Gemeinsam haben auch alle Familien, dass es Regelungen für die Mediennutzung gibt. „Ohne Regeln würd’s nicht gehen“, weiß Melanie. Dabei kann sie auf die Unterstützung der älteren Tochter zählen, die gemeinsam mit den Eltern Sendungsinhalte und die Nutzungszeit ihrer kleinen Schwester kontrolliere. Susi geht die Problematik ähnlich an, bemerkt aber, dass im Winter mehr Fernsehen genutzt werde als im Sommer, wenn ihre Söhne draußen spielen. Johannes habe früher die Mediennutzung von Maria kontrolliert, stelle ihr allerdings jetzt frei, was sie sich ansieht. Vor allem weil die Familie sehr restriktiv dem Fernsehen gegenüber sei und Maria deswegen mehr lese, stelle dies kein Problem dar.

Alles gut?

Egal ob – wie bei den befragten Familien – Fernsehen, Streamingdienste oder Bücher das Lieblingsmedium der Kinder darstellt, Stereotype und gezeigte Unterschiede zwischen Burschen und Mädchen scheinen sich zu reduzieren. Nun geht es daran, die Repräsentation der jeweiligen Charaktere und das Ungleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Figuren zu verringern.

Dazu haben sich die Kindermedienforscherinnen Karin Heisecke und Maya Götz in einer Ideensammlung zum Thema „Wie sich das Geschlechterverhältnis im Kinderfernsehen und Vollprogramm verändern kann“ („TELEVIZION“ 2017/2) Gedanken gemacht. Die drei Hauptpunkte darin sind: Sichtbarkeit, stereotype Repräsentation, Ungleichheiten in der Produktion.

Die Sichtbarkeit könne man durch paritätische Besetzungen, Quoten oder Förderungen von Projekten zur Genderthematik an Filmhochschulen verbessern. Quoten und paritätische Besetzungen zwängen die ProduzentInnen dazu, eine gewisse Quote an Frauen oder anderen zu wenig dargestellten Minderheiten zu besetzen. Diese Quoten können auch das Ungleichgewicht der Produktion verringern. Projekte an Filmhochschulen mit Genderschwerpunkten brächten die Thematik in das Bewusstsein der Studierenden und Lehrenden bringen, sodass sie im Berufsleben Maßnahmen zur Gleichberechtigung durchführen vermögen. Stereotype können beispielsweise durch die gezielte Suche nach Formaten mit mehr Diversität gebrochen werden.

Die Recherche nach Kinder- und Jugendprogrammen zeigt, dass immer mehr Wert auf Diversität gelegt wird. Vor allem amerikanische Produktionen legen ein immer stärkeres Augenmerk auf die Repräsentation verschiedener Geschlechtsbilder und auch verschiedener Sexualitäten. Großer Höhepunkt dafür war die Thematisierung eines gleichgeschlechtigen Ehepaars in einer Folge der Disney-Serie „Meine Schwester Charlie“. Es wurden schon viele Schritte in die richtige Richtung gemacht, es ist aber noch ein langer Weg zu einer repräsentativen Darstellung. Aber dieser Weg kann bereits ein Ziel sein.

 

*Namen von der Redaktion verändert

 

Von Christiane Fürst

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