Trendthema Gender – zwischen Fortschritt und Agenda Setting

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Viele ÖsterreicherInnen assoziieren mit dem Schlagwort Gender einen nervenzehrenden Versuch zur Gleichstellungsbewegung. 

 

Für viele ÖsterreicherInnen ist Gender ein negativ behaftetes Schlagwort, das oft mit radikalen Maßnahmen zur Gleichstellungsbewegung assoziiert wird und für viele einen Eingriff in das alltägliche Leben darstellt. Als Resultat ruft dieses Signalwort bei vielen eines hervor: Abneigung und Unverständnis. Auch wenn Gender bereits als geläufiger Anglizismus im deutschen Sprachgebrauch etabliert ist, so gibt er jedoch nicht nur seine eigene Bedeutung „Geschlecht“ wider. Gemeint ist das soziale Geschlecht, mit dem sich bereits Kinder durch ihre Erziehung und gesellschaftliche Dynamiken identifizieren. So konnten WissenschaftlerInnen feststellen, dass sich Kinder bereits mit dreieinhalb Jahren einem klassischen Rollenbild zugehörig fühlen. Im Jahr 2011 spaltete die Debatte um die Veränderung der österreichischen Bundeshymne hin zur geschlechtsneutralen Sprache die Meinungen der Bevölkerung. Die einen erkannten darin ein unnötig politisiertes Thema, die anderen hingegen eine Notwendigkeit, um den Fortschritt der nationalen Gleichberechtigungs- und Gleichstellungsbewegung zu gewährleisten.

 

Thema der Wissenschaft

Noch heute lassen sich dieselben Divergenzen bei Genderfragen erkennen: von Quotenregelung bis hin zum „Zwang“ zur geschlechtsinklusiven Sprache. Daher bekommt keine Sozial- und Geisteswissenschaft den gesellschaftlichen Druck so zu spüren wie Gender Studies. Sabine Grenz, Soziologin und Professorin für Gender Studies an der Universität Wien, erläutert im Interview mit SUMO die Situation des gesellschaftlichen Bewusstseins um das soziale Geschlecht. Sozial -und Geisteswissenschaften leiden grundsätzlich unter dem Problem, dass es über ihre Theorien im Vergleich zu anderen Wissenschaftsdisziplinen nur wenig Bewusstsein gäbe. Ein tragender Faktor für diese Wahrnehmung sei, dass der alltägliche Bereich, in dem sich Menschen bewegen, das Gefühl vermittle, viel Wissen über ein bestimmtes Thema zu besitzen. Daher hätten Menschen auch kein direktes Bedürfnis, mehr über diese Themengebiete zu erfahren, oder fänden es merkwürdig bis befremdlich, dass es Theorien gibt, die auf ihren Alltag angewendet werden. Gerade im Fach Gender Studies sei es daher der Fall, dass nicht ausreichend theoretisch fundiertes Wissen im Alltag vorhanden bzw. akzeptiert sei, so Grenz.

 

Die schwierige Sprache

Vor allem vonseiten der Politik und staatlicher Stellen wird die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit immer wieder auf die Problematik geschlechtsinklusiver Sprache gerichtet. So werden beispielsweise im „Leitfaden für geschlechtergerechtes Formulieren und eine diskriminierungsfreie Bildsprache“ für Medienarbeit der Stadt Wien verschiedene Genderrichtlinien- und varianten dargelegt. In dem Leitfaden wird unter anderem das Titanic-Konzept nahegelegt, gemäß dem maskuline und feminine Formen verwendet werden, jedoch sollten Frauen in dieser zuerst genannt werden. Weiters wird das Binnen-I empfohlen, um sowie Männer und Frauen als angesprochene Personen sichtbar zu machen. Auch alltägliche Sprichworte wie „den Betrieb auf Vordermann bringen“ und „Herr der Lage sein“ sollten laut in Zukunft geschlechtsneutral umformuliert werden.

 

Christiane Pabst, Chefredakteurin des „Österreichischen Wörterbuchs“ und Mitglied des Rats für deutsche Rechtschreibung, sieht unter anderem das Andauern des konservativen Systems und patriarchalischer Strukturen als Grundsteine für die hohe Nachfrage nach Genderrichtlinien und einheitlichen Normen zur geschlechtsneutralen Sprache. Je größer die Differenz zwischen Mann und Frau von der Gesellschaft wahrgenommen werde, desto mehr werde versucht, Gleichbehandlungslücken durch sprachliche Ausdrücke zu kompensieren. „Das Gendersternchen dient dann als Ersatzbefriedigung für nichterfüllte Notwendigkeiten für die Gleichstellung.“ Diesem Kompensationsverlangen würde Sprache jedoch nicht nachkommen. Vielmehr entstehe zwar eine Wechselwirkung zwischen Sprache, Orthografie und Gesellschaft, jedoch bilde Sprache vorrangig das ab, was innerhalb der Gesellschaft gelebt werde. Daher würde es keinen Sinn machen, eine einheitliche Genderregelung mit Druck seitens der Politik und gegen den Widerwillen der Bevölkerung durchsetzen zu wollen. Demnach wäre diese Vorgehensweise eher kontraproduktiv und würde den Diskurs um Gleichstellungsbelange belasten. Doch bietet Gendern einen Lösungsansatz für die Diskrepanz zwischen der gewollten Gleichstellung der gelebten Strukturen? Sabine Grenz begrüßt die geschlechtsinklusive Sprache, sieht jedoch teils widersprüchliche Ansätze in der Gender-Debatte: Einerseits könne es die Inklusion der Geschlechter im alltäglichen Sprachgebrauch erst sichtbar machen, andererseits würde diese Art der Unterscheidung zur erneuten Segregation führen, wenn diese Differenz zu stark betont wird.

 

Genus versus Sexus

Eine anhaltende Diskussion innerhalb wissenschaftlicher Kreise beschäftigt sich jedoch nicht mit Richtlinien zum Gendern an sich, sondern mit der Genus-Sexus-Debatte. Während unter dem Begriff Genus das grammatische Geschlecht zusammengefasst wird, versteht man unter Sexus das biologische Geschlecht. Oft wird dieser Thematik besonders dann Aufmerksamkeit geschenkt, wenn sich Menschen mit der Genderdiskussion auseinandersetzen, da sich viele Frauen im Alltag auch mit der männlichen Partizipialform identifizieren. Statt der Verwendung von maskulinen und femininen Varianten wie Studentin und Student wird stattdessen hier der Begriff „die Studierenden“ als gleichgestellte Form für Frauen und Männer angesehen.

Die Genus-Form zu sprechen und beide Sexus-Formen zu meinen, hält Christiane Pabst als eine mögliche Weiterentwicklung der Genderdiskussion. Die Gesellschaft würde die Bedeutung und Verwendung von Sprache effizient auf ihre Bedürfnisse anpassen und flexibel weiterentwickeln. Vor allem wenn die gegebenen Grundstrukturen bereits vorhanden sind, lasse sich die Wahrnehmung und Verwendung von Sprache leicht umwandeln. Pabst warnt jedoch vor der strikten Durchsetzung von Genderregelungen, da der sprachliche Diskurs zur Reflexion der Gleichstellung der Geschlechter anregen sollte.

 

Sprache ist inklusiv und ausgrenzend zugleich. Vor allem im Bezug auf die sprachliche Gleichstellung der Geschlechter kann die Sprache als Bindeglied und Hindernis wirken. Gesellschaftliche Faktoren und kulturelle Umgangsformen beeinflussen gerade dieses Thema erheblich. Die Diskussion rund um den sprachlichen Equalismus wird auch in Zukunft für Gesprächsstoff sorgen, sollte jedoch in Anbetracht gesamter gesellschaftlicher Dynamiken thematisiert werden.

 

Von Natascha Schäffer

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