Der Klimawandel ist real, das dazugehörige Wissen oft ungewollt. Fiktive Zukunftsszenarien in Folge des Klimawandels sollen nun das Bewusstsein zum Klimaschutz stärken. Um zu beantworten, was Climate-Fiction Bücher diesbezüglich leisten, durfte SUMO mit Autorin Ursula Poznanski und Meteorologin Helga Kromp-Kolb sprechen.
TEXT: MARLENE SELENZ | FOTO: MARLENE SELENZ
Wissensverdrängung inmitten des Klimawandels
„Der Klimawandel ist ein ernstzunehmendes Problem.“ Dieser Aussage stimmen nach einer Befragung des österreichi schen Umweltbundesamts von 2020 85% der Befragten zu. Die Dringlichkeit wird also anerkannt. Das Hindernis stelle viel mehr dar, Menschen zum Handeln zu bewegen. Dies zeigt die Metaanalyse „Was motiviert Menschen sich auf Klimakrisen einzustellen?“ des Umweltbundesamts (Anne van Valkengoed und Lin da Steg 2020). Diesen Schritt zu scheuen, liege in der Natur der Menschen, bestätigt auch Meteorologin und Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb. Sie begann vor 40 Jahren über das wenig bekannte Thema Klimawandel zu sprechen, weil das Wissen in der Öffentlichkeit fehlte. „Wir sind sehr geschickt darin, etwas, was unangenehm ist, zu verdrängen. Das ist manchmal auch überlebensnotwendig,“ schildert sie. So verbannen Bewohner*innen in Umgebung eines Kernkraftwerks unbewusst auch die Konsequenzen eines möglichen Unfalls.
Die dahintersteckende Emotion nennt sich Klimaangst. Im Gegensatz zu krankhaften Ängsten, ist die Klimaangst real und eine natürliche Reaktion, die vor allem junge Menschen betrifft. Wenn diese Angst die Überhand gewinnt, verringern betroffene Personen ihr klimabewusstes Ver halten, führt die mittels Online-Befragung durchgeführte Studie „Klimaangst – angebracht oder dysfunktional?“ (Lukas Wagner und Michael Witthöft 2024) aus. Als Gründe zur Wissensverdrängung nennt Helga Kromp-Kolb unter anderem die medial vermittelten negativen Informationen und die fehlenden positiven Bilder. In erster Linie ginge es daher um das Zeichnen positiver, auch für den Einzelnen attraktiver Zukünfte. Wichtig seien auch Vorbilder – seien es Regierungsmitglieder, Schauspieler*innen, oder auch Wissenschaftler*innen, die ihren klimaschonenden Lebensstil öffentlich sichtbar genießen.
Climate-Fiction: Dystopien mit Lerneffekten
Wissensvermittlung kann aber auch abseits klassischer Bildungseinrichtungen durch Literatur erfolgen. Bereits seit den 1960er Jahren schaffen Autor*innen in ihren Climate Fiction Büchern fiktive Welten, die vom Klimawandel in der Zukunft erzählen. Deutschsprachige Romane wie Vega von Marion Perko, oder Godland von Martin Schäuble verbinden in diesem Genre persönliche Schicksale der Charaktere mit den Folgen des Klimawandels. Von Wasserknappheit, die durch Chemikalien und Drohnen bekämpft wird, bis zu Klimagesetzen und künstlichen Intelligenzen, die die Welt beherrschen – die Fantasien der Schriftsteller*innen offen baren teils sehr dystopische Perspektiven.
In ihrem SPIEGEL-Bestseller Thriller Cryptos erzählt die österreichische Autorin Ursula Poznanski von einer Welt, in der Menschen in virtuelle Welten flüchten, um den Folgen des Klimawandels zu entkommen. Mit ihrem Debütroman Erebos erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem auch den Deutschen Jugendliteraturpreis. Die Überlegung ein Buch mit dem Klimawandel zu verbinden, war für sie keine aktive Entscheidung. Vielmehr war der Klimawandel derart präsent, dass es logisch erschien, diesen in Cryptos einzubinden. „Ich habe mich nicht hingesetzt und gesagt, ich schreibe das jetzt, damit alle ein ganz anderes Bewusstsein zum Klimawandel e bekommen, sondern vielleicht einfach, um Gedanken anzustoßen,“ erklärt sie im Interview.
Während die Wissenschaft zwar in der Lage ist, Wissen zum Klimawandel zu schaffen, fällt die Übermittlung schwer. Dieses teils abstrakte Wissen muss auf eine Weise verpackt werden, die es greifbar macht. An diesem Punkt setzten Climate-Fiction Bücher an. Diesen Stand punkt vertritt auch Autorin Ursula Poznanski. Wissen über Geschichten zu erzählen, biete den Vorteil, dass Lesende auf einer emotionalen Ebe ne erreicht werden. Wenige bezeichnende Fakten, die in die Geschichte eingeflochten werden, blieben mehr in Erinnerung als seitenweise Daten, begründet sie. Auch Helga Kromp-Kolb bestätigt die Wirkung von Climate-Fiction Büchern. Es könne darin nicht alles vermittelt werden, was für den Klimawandel relevant sei, aber genug, um das Bewusstsein zu stärken. Untersuchungen zu Climate-Fiction Büchern zeigen jedoch, dass dieses Bewusstsein nach dem Lesen rasch nachlässt. „Zwischen Erkennen oder auch Verstehen und Handeln ist einfach ein großer Schritt,“ begründet Wissenschaftlerin Helga Kromp-Kolb. Ob dieser Schritt gelingt, sei außerdem ab hängig von den Rahmenbedingungen. Es geht darum Strukturen zu schaffen, die klimafreundliches Handeln bequemer, billiger und attraktiver machen als bisheriges Handeln, und damit Zukunftsfähigkeit zur Selbstverständlichkeit machen.
Impulse, die zur Vertiefung anregen
Climate-Fiction schafft eine Verbindung zwischen Unterhaltung und der Übermittlung von Wissen. Diese Unterhaltung steht auch in Cryptos im Vordergrund. Obwohl Ursula Poznanski ihr Buch nicht als Informationstransportmittel nutzt – dafür sei es zu wenig wissenschaftlich – basieren die Handlungen auf tiefgehenden Recherchen. „Welche Gebiete wären die ersten, die in Folge des Klimawandels versinken würden?“, war eine der Fragen, die sie zunächst recherchierte. Ein Buch, in dem sie besonders viel Recherche, wissenschaftliche Fakten und Daten sieht, ist °C – Celsius von Marc Elsberg.
Die Gefahr, dass Wissen und Unterhaltung vermischt und Fakten verzerrt werden, sieht Wissenschaftlerin Helga Kromp-Kolb nicht. Im Gegenteil. Fiktive Geschichten zum Klimawandel motivieren zur Auseinandersetzung und Diskussion. Was entspricht der Realität? Was ist der Geschichte geschuldet? Die Verantwortung liege also bei den Lesenden, sich zu informieren, aber auch bei den Autor*innen, keine Mythen zu verbreiten. Helga Kromo-Kolb sieht vielmehr ein Problem in der Art und Weise, wie die Geschichte Klimawandel von der Wissenschaft erzählt wird. Diese bliebe häufig bei den Negativszenarien stehen. Bei fiktiven Geschichten werde oftmals zunächst eine negative Richtung eingeschlagen, die Spannung aufbaut, dann aber zu einem positiven, versöhnlichen Ende führt.
Die richtige Melange aus Katastrophe und Hoffnung
Dennoch: Das Setting zu Beginn von Climate-Fiction Ge schichten ist hoffnungslos, die Lebensbedingungen der Hauptcharaktere miserabel. Diese Dystopien würden die Gefahr bergen, dass Menschen resignieren, kritisiert Helga Kromp-Kolb. Autorin Ursula Poznanski vertritt eine gegen teilige Meinung. Lesende wären sich darüber bewusst, dass diese Geschichten Großteils erfunden seien und Angstvermittlung keine Absicht der Autor*innen sei.
Hoffnung in der Übermittlung des Klimawandels sei unabdingbar – darin sind sich beide einig. Für Helga Kromp-Kolb geht es natürlich um eine globale Lösung, man müsse aber auch im Kleinen anfangen. Wie könnten einzelne Menschen, kleine Ortschaften, oder auch Städte zu einer klimafreundlichen Lösung kommen? Sowohl Autorin als auch Meteorologin sehen die Verantwortung jedoch keineswegs nur bei der einzelnen Person, sondern auch bei der Politik, der Wirtschaft und den Medien. „Das wäre mein Lösungsansatz, dass sehr verantwortungsbewusste Politik die Dinge in die Hand nimmt, und das sehe ich im Moment leider gar nicht“, schildert Ursula Poznanski. Sie selbst wählt ein hoffnungsvolles Ende, das den Klimawandel jedoch nicht schlicht auflöst. Am Ende ihres Buches Cryptos finden Wissenschaftler*innen zusammen und entwickeln technologische Methoden, die dem Klimawandel entgegensteuern sollen. Die weitere Entwicklung lässt sie für die Lesenden offen.
MARLENE SELENZ


