Frauen sollen nicht länger Randfiguren, sondern zentrale Gestalterinnen der Zukunft des Motorsports werden. Das ist die Vision der Formel 1 Academy. SUMO sprach mit Corinna Kamper, ehemalige Rennfahrerin, Formel 1 Expertin und Co-Kommentatorin im ORF sowie mit Alina Eberstaller, Formel 1 Reporterin im ORF.
TEXT: BENJAMIN STIX | FOTO: BENJAMIN STIX
Seit 75 Jahren ist die Formel 1 die Königsklasse des Motorsports. Doch in den mittlerweile über 1100 Rennen nahmen nur wenige Rennfahrerinnen teil. 1958 schrieb Maria Teresa de Filippis Geschichte, als sie als erste Frau einen Formel 1 Boliden steuerte. Einige Jahre vergingen, als beim Großen Preis vom Spanien 1975 erstmals mit Lella Lombardi eine Frau in einem Formel 1 Rennen WM-Punkte sammelte. Susie Wolff ist die bis dato letzte Frau, die 2015 als Testfahrerin für Williams in einem Cockpit saß. Heute ist Susie Wolff die Geschäftsführerin der Frauennachwuchsserie Formel 1 Academy. Diese Nachwuchsserie wurde 2023 vom Formula One Management ins Leben gerufen, um jungen Fahrerinnen eine Bühne im Profisport zu bieten.
Von Shanghai bis nach Las Vegas
Die Rennen der Formel 1 Academy werden im Rahmenprogramm der Formel 1 ausgetragen. An sieben Rennwochenenden treten 18 Fahrerinnen gegeneinander an. Ein Auto wird dabei an jedem Wochenende mit einer Fahrerin aus dem jeweiligen Land besetzt, in dem das Rennen ausgetragen wird. Alle anderen 17 Fahrerinnen absolvieren die gesamte Saison. Die Rennen finden in Shanghai, Dschidda, Miami, Montreal, Zandvoort, Singapur und Las Vegas statt. Die Formel 1 Academy bestreitet ihre Rennen laut eigenen Angaben rund um den Globus, um den Fahrerinnen anspruchsvolle Strecken bieten zu können, auf denen sie ihre technischen Fähigkeiten entwickeln können. Weiters fügt Corinna Kamper hinzu: „Dazu gehört eben auch diese internationale Logistik, das Zeitmanagement, die Anpassungsfähigkeit und die neuen Bedingungen. Abgesehen davon ist es nicht nur aus Marketing-Sicht sinnvoll, global präsent zu sein, sondern auch um international eine Fanbase aufzubauen.“ Gefahren wird in einheitlichen Formel 4 Autos, um den Fokus auf das fahrerische Können zu legen. Die Fahrerinnen unterliegen einer Altersgrenze und müssen, um an der Formel 1 Academy teilnehmen zu dürfen zwischen 16 und 25 Jahren alt sein. Außerdem dürfen sie maximal zwei Saisonen bestreiten. Danach müssen sich die Fahrerinnen anderwärtig orientieren. Entweder ihnen gelingt der Aufstieg in die nächsthöhere Klasse, die Formel 3, oder sie widmen sich anderen Motorsportserien.
Zwei Rennen pro Wochenende
Das Rennwochenende beginnt für die Fahrerinnen am Freitag, hier findet meist ein freies Training mit einer Dauer von 40 Minuten statt. Am Samstag wird im 30 minütigen Qualifying die Startreihenfolge für die Rennen bestimmt. Im ersten Rennen wird jedoch mit einer umgekehrten Startaufstellung der Top-8-Fahrerinnen gestartet. Die schnellste Fahrerin im Qualifying startet dabei von Startplatz acht, die achtschnellste von der Pole-Position. Diese Änderung wurde erst in dieser Saison eingeführt, um spannendere Rennen mit mehr Überholmanövern zu garantieren und den Fahrerinnen zu helfen, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Das zweite Rennen wird am Sonntag nach dem Ergebnis des Qualifyings gestartet. Beide Rennen dauern in etwa 30 Minuten.
Unterstützung durch Ferrari, Red Bull oder PUMA
In der Formel 1 Academy treten sechs verschiedene Teams mit jeweils drei Fahrerinnen an. Diese Teams nehmen auch in den Juniorkategorien, der Formel 2 und der Formel 3 teil. Aber auch hier spielt die Formel 1 eine große Rolle, denn jedes Formel 1 Team unterstützt in der Formel 1 Academy eine Fahrerin. Für McLaren, Ferrari, Red Bull, Mercedes-AMG, Aston Martin, Alpine, Haas, Racing Bulls, Williams und Sauber tritt eine Fahrerin an, die in den jeweiligen Teamfarben an den Start geht. Die restlichen Fahrerinnen werden von bekannten Marken unterstützt, wie beispielsweise American Express, TAG Heuer, Tommy Hilfiger oder PUMA. Alina Eberstaller hebt hier besonders Charlotte Tilbury hervor: „Das war damals der erste Formel 1 Sponsor, der von einer Frau gegründet wurde.“ Durch die Unterstützung dieser Unternehmen reduzieren sich die Kosten auf 100.000 Euro pro Saison, die die Fahrerinnen selbst beschaffen müssen. Laut Corinna Kamper könne diese Summe durch die enge Zusammenarbeit mit Sponsoren, Familienunternehmen oder lokalen Unterstützer*innen aufgebracht werden. Außerdem würden auch die sozialen Medien eine zentrale Rolle spielen: „Dadurch ist es für die Fahrerinnen ein sehr sehr großer Vorteil, um hier potenzielle Partner*innen zu gewinnen“, so Kamper. Im ohnehin schon teuren Motorsport muss aber auch diese Summe erst einmal aufgebracht werden. Alina Eberstaller hebt hervor, dass zudem Fahrerinnen auch in die Sponsoring- und Medienevents der Formel 1 Teams eingebunden seien. Diese enge Zusammenarbeit verschaffe ihnen eine größere Präsenz als in anderen Nachwuchsserien. Außerdem würden auch die Medienabteilungen der Formel 1 und Formel 1 Academy zusammenarbeiten. So seien einige Formel 1 Fahrer regelmäßig bei Siegerehrungen der Formel 1 Academy vertreten, was den Fahrerinnen zusätzlich Unterstützung bringe.
Talente, Träume und Herausforderungen
Die Formel 1 Academy ist mehr als nur eine Nachwuchsserie, sie ist ein Ort, an dem ehrgeizige junge Frauen ihren Traum vom professionellen Motorsport verfolgen. Auch abseits der Rennstrecke stehen die Fahrerinnen vor großen Aufgaben. Denn viele von ihnen gehen noch zur Schule und müssen den Alltag zwischen Unterricht und Rennstrecke meistern. Auch die Österreicherin Emma Felbermayr stellt sich dieser Herausforderung. Sie fährt in ihrer Premierensaison in den Farben von Sauber. Wie die meisten Rennfahrer*innen startete auch Emma Felbermayr ihre Motorsportkarriere im Kartsport. Doch allein dieser Weg ist hart. Laut Corinna Kamper liege der Anteil von Mädchen mit Kartlizenz in Österreich bei etwa sechs Prozent, im Formelsport sinke dieser Wert auf nur noch vier Prozent.
Mediale Wahrnehmung und Sichtbarkeit
In der ersten Saison war es der Formel 1 Academy nicht gelungen, Fernsehsender zu finden, die die Rennen übertragen. Mittlerweile berichten laut offiziellen Angaben 31 Fernsehstationen und Streaming Dienste in über 160 Ländern über die Rennen. Corinna Kamper hält diese Form der Berichterstattung für essenziell. Sie schaffe Sichtbarkeit, wecke dadurch Interesse und ziehe in der Folge neue Sponsoren an. „Die Live-Übertragungen geben dem Rennen die nötige Ernsthaftigkeit und die Relevanz“, betont Kamper. Während die klassische TV-Berichterstattung erst Fahrt aufnehmen musste, spielten die sozialen Medien von Anfang an eine wichtige Rolle. Alle Rennen werden weltweit auch auf den Kanälen der Formel 1 Academy auf Instagram, X und YouTube als Livestreams angeboten. Diese Kanäle sind nicht nur Informationskanäle, sondern dienen auch als Schlüssel zur Community-Bildung und Reichweitengenerierung. Vor allem Instagram ist für die Formel 1 Academy eine wichtige Plattform. Hier werden neben hochwertigen Foto- und Videoformaten und Behind-the-Scenes-Einblicke auch Reels von spannenden Rennszenen hochgeladen. Auch die Fahrerinnen steuern einen großen Teil zu dieser Berichterstattung bei und teilen persönliche Einblicke. In der zurückliegenden Saison 2024 begleiteten zudem Kameras der Produktionsfirma Hello Sunshine im Auftrag des Streaming Anbieters Netflix die Fahrerinnen auf und neben der Rennstrecke. Auch hinter den Kulissen der Produktionsfirma setze man auf volle Frauenpower: Schauspielerin und Produzentin Witherspoon zeige sich für die Produktion verantwortlich, ergänzt Alina Eberstaller. Die Verantwortlichen verfolgen damit das Ziel, die Formel 1 Academy einem noch breiteren Publikum näherzubringen. Corinna Kamper sieht durch die Zusammenarbeit mit Netflix großes Potenzial, um völlig neue Zielgruppen zu erreichen. Das könnte ihrer Einschätzung nach ein echter Game-Changer für die Formel 1 Academy sein. Auch Alina Eberstaller findet, dass diese Serie ein weiterer kleiner Meilenstein sein dürfe, der vor allem die Popularität am amerikanischen Markt steigere. Dieser Trend habe sich auch bei der Serie Drive to Survive über die Formel 1 gezeigt.
Benjamin Stix


