Kinderbücher: Der Erstkontakt zu Medien

Das Kinderbuch. Es ist eine nie enden wollende Erfolgsgeschichte und stellt auf erzählerisch-kreative Weise oft den Erstkontakt zu Medien her. Doch welche Bedeutung hat die Literatur für die Kleinsten in Hinsicht auf Wissens- und Wertegewinn? SUMO hat mit Kinderbuchbloggerin Carla Heher und Anna Wiesner, Lektorin beim G&G Verlag, darüber gesprochen.

TEXT:  EVA WINTERSBERGER | FOTO: EVA WINTERSBERGER

58,3 Millionen. So viele Kinderbücher wurden laut der Studie Bock auf Buch (durchgeführt vom Deutschen Börsenblatt) im Jahr 2024 verkauft. Auch der Hauptverband des österreichischen Buchhandels meldet positive Verkaufszahlen: Im Jahr 2023 konnte die Warengruppe Kinder- und Jugendbuch 2% Umsatzwachstum im Vergleich zum Vorjahr vermerken, 2024 waren es bereits 7,7%. Die Zahlen sprechen für sich, Bücher sind trotz des digitalen Vormarschs weiterhin nicht aus den Kinderzimmern wegzudenken und genießen den Ruf des „guten“ Mediums.

Das Interesse am Kinderbuch spiegelt sich auch in der modernen Blogger-Kultur wider: Carla Heher erreicht mit ihrem Instagram-Account 24,9 Tausend Follower*innen und empfiehlt regelmäßig Kinderbücher aller Art. Zudem entscheidet sie als Jurymitglied der ORF Kids Bestenliste die monatlichen Führer der Branche. Für sie bedeutet Kinderliteratur vor allem ein Werkzeug, mit dem Kinder sich kritisch mit ihrer Welt und Lebensrealität auseinandersetzen können – sie solle subversiv sein und zum kreativen Denken sowie zum Nachfragen anregen.

Auch Anna Wiesner sieht das ähnlich. Sie ist im Lektorat und Produktmanagement für Österreichs größten Kinderbuchverlag G&G Kinderbuch Verlag tätig. Zur Bedeutung von Kinderbüchern sagt sie: „Lesen ist die Grundlage für gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe. Wenn ich lesen kann, dann habe ich die Möglichkeit, mir diese Texte zu erschließen und die Welt auch selbst mitzugestalten.“

Was Kinder wissen sollten

Wirft man einen Blick auf die aktuellen Spiegel-Bestsellerliste 2024, so findet sich dort neben den zeitlos beliebten Klassikern eine vielfältige Palette an aktuellen Themen. Die kleine Raupe Nimmersatt trifft hier auf Titel wie Mein Knopf, ein Universum, Der Löwe in dir und Das Neinhorn.

Doch welches Wissen sollte durch diese Geschichten vermittelt werden? Konkret lasse sich das schwer sagen, so Wiesner. „Im Verlag achten wir darauf, Kinder und ihre begleitenden Erwachsenen dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Abgestimmt auf das Lebensalter, den Entwicklungsstand und auf Interessenslagen können Bücher nämlich ganz wunderbare Begleiter in der Wissensaneignung sein.“

Carla Heher beobachtet im Moment beispielsweise einen Trend in Richtung der Thematik Armut und soziale Gerechtigkeit. Auch sie betont: Besonders gefragt seien Themen, die selbst für Eltern oft eine Herausforderung darstellen. Vor allem beim Aufarbeiten komplexer Situationen werde in erster Reaktion häufig zu einem Kinderbuch gegriffen, nicht etwa zu Erwachsenenliteratur: „Es sind oft Themen, mit denen Erwachsene sich gar nicht so gerne auseinandersetzen wollen. Die werden dann im Kinderbuchsegment nachgefragt.“

Auf ins Abenteuer – Wissen richtig aufbereiten

Selbstverständlich geht es auch um Fragen von: Wie muss Wissen aufbereitet werden, damit es verstanden wird? Wie muss erzählt werden, damit Kinder zuhören? Zu den zentralen Werten des G&G Kinderbuch Verlags zählt unter anderem die Förderung von Lesekompetenz. Um dieses Ziel effektiv zu erreichen, gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Wiesner erläutert, dass es für die Leseförderung besonders fruchtbringend sei, mit Autor*innen zusammenzuarbeiten, die das Schreiben von anregenden Geschichten von Grund auf verstünden. Denn die Lust am Lesen entstehe in dem Moment, in dem eine Geschichte fessle und nicht mehr aus der Hand gelegt werden könne.

„Ein Kinderbuch zu schreiben ist eine unfassbar hohe Kunst“, findet auch Carla Heher. „Im Kinderbuch sollen die Fakten passen und es soll gleichzeitig so geschrieben sein, dass Kinder es verstehen.“ Kinder sollen sich in den Geschichten wieder finden, jedoch nicht ausschließlich ihre Lebensrealität als Norm vorgezeigt bekommen. Carla Heher zitiert hier die afroamerikanische Kinderliteraturforscherin Rudine Sims Bishop. Diese beschreibt Kinderbücher als Spiegel, in denen Kinder sich selbst erkennen, als Fenster, durch die sie in andere Lebenswelten blicken können und als Glastüren, durch die sie diese betreten können.

Viele der Autor*innen des G&G Kinderbuch Verlags halten zudem Lesungen an Schulen und Kindergärten, um den Kindern einen direkten Austausch zu ermöglichen. „Das wäre auch ein Faktor, dass Kinder merken: Es gibt nicht nur das Buch, sondern es gibt auch Personen, mit denen man darüber sprechen kann.“

„Leg doch mal das Handy weg“

Kinder brauchen also vielfältige Darstellungen von Realitäten, so bunt und vielfältig, wie diese eben sind. Doch trotz der zunehmenden Relevanz der digitalen Medien, gibt es Kinderbücher, die die tatsächliche digitale Lebensrealität der Kinder spiegeln laut Carla Heher nur vereinzelt. „Smartphones sind mittlerweile immer mehr Bestandteil von Geschichten, aber nicht so wie ich es in der Realität kenne. Ich bin selber Volksschullehrerin, ich weiß, wie Kinder Medien konsumieren und das wird nicht repräsentiert.“

Und auch Bücher in denen künstliche Intelligenz eine Rolle spielt, gibt es bisher wenige. Für Wiesner wäre eine pauschale Standardisierung, dass Handys nie, beziehungsweise immer vorkommen sollten, kein sinnvoller Ansatz. „Ich glaube, eine Geschichte muss in sich stimmig sein und Autor*innen müssen diese Frage für sich selbst entscheiden.“ Aber dass Kinder in einer digitalen Welt aufwachsen, ist natürlich nicht abzustreiten.

Im Moment macht sich auch das Phänomen KI am Kinderbuchmarkt bemerkbar: Online-Anleitungen zum eigenen Kinderbuch anhand von KI, erste Fälle der KI-illustrierten Verlagsbücher. Die Kampagne #buchbrauchtmensch wehrt sich nun. Künstliche Intelligenz heranzuziehen, um beispielsweise unterrepräsentierte Lebensrealitäten abzubilden, das sieht Heher kritisch. „Ich glaube es braucht da schon diese Menschlichkeit, diesen Witz, dieses Gefühl … einfach ein Gespür für Kinder.“ Aber auch Technologien wie Augmented Reality versuchen sich schon seit geraumer Zeit durchzusetzen. Eine Kombination aus Handy und Buch. Ist das eine Möglichkeit? Wiesner kann sich das vorstellen. „Es geht nicht so sehr darum, die verschiedenen Formate – auch nicht die verschiedenen Buchformate – gegeneinander auszuspielen, sondern eine möglichst große Bandbreite anzubieten und damit möglichst alle Kinder zu erreichen.“ Es stelle zwar eine Herausforderung dar, dass Kinder heutzutage auf deutlich mehr Medien zurückgreifen können als noch vor einigen Jahren. Doch dies biete zugleich viele Möglichkeiten.

Inhaltliche Trends, die Carla Heher in der Zukunft sieht, sind vor allem jene, die im Moment noch zu kurz kommen: KI & digitale Kompetenz. Vor allem ist ihr – ebenso wie Wiesner – aber eine möglichst große Diversität und Perspektivenvielfalt wichtig, um Kindern die reale Welt näherzubringen. Außerdem betont sie, dass die Leselust der Kinder weiterhin gefördert werden solle, denn trotz all der digitalen Entwicklungen bleibe das Buch der Erstkontakt zu den Medien – und trage somit ausschlaggebend dazu bei, wie Kinder die Welt und sich selbst wahrnähmen.

Fazit

Alles in allem tragen Kinderbücher eine große Verantwortung – gerade jetzt: „Ich glaube, dass das Kinderbuch immer wichtiger wird in einer digitalen Welt. Wenn ich mir Social Media anschaue, dann ist das ein Medium, das von einer ziemlichen Schnelllebigkeit geprägt ist. Das analoge Buch ist das Gegen programm dazu. Das Buch bleibt so wie es ist, auch wenn ich es weglege, ich kann es jederzeit wieder aufgreifen. Und Bücher zu produzieren, die diese Möglichkeit schaffen, das ist schon mal eine große Verantwortung an sich“, so Wiesner. Für Heher gebe es jedenfalls für jedes Kind das passende Buch, es müsse nur gefunden werden. Wiesner stimmt zu. „Ich glaube, jedes Buch hat seine Berechtigung, weil ich mir sicher bin, dass es für irgendjemanden immer das richtige Buch sein wird.“

EVA WINTERSBERGER

Anna Wiesner | Copyright: G&G Kinderbuch Verlag
Carla Heher | Copyright: Sophie Nawratil