SUMO sprach mit Antonia Tize, Social Media Managerin bei der Verlagsgesellschaft Der Standard, und der freien Kulturjournalistin Livia Lergenmüller. Zwei Stimmen – ein gemeinsamer Gegenstand: Wie wollen wir informiert werden – und zu welchem Preis?
TEXT: JULIUS NAGEL | FOTO: JULIUS NAGEL
Ein Blick auf meine For You Page – und ich kenne mich aus? Dachte ich jedenfalls. Denn was ich dort sehe – ZIB, ARD, Standard, die kenne ich doch alle, aus dem Fernsehen oder von zuhause – also alles gut, oder? Nachrichten erreichen mich nicht mehr per Zeitung oder Radiostimme, sondern im Vorbeiscrollen, zwischen Lip Syncs und Rezeptvideos. Analysen, Kommentare, Mini-Reportagen – serviert in mundgerechten 30 Sekunden Häppchen. Und das sogar in einer Sprache, die jeder versteht und mühelos wirkt. Fast zu mühelos. Doch was ist das eigentlich? Journalismus – oder bereits seine Simulation? Und viel drängender: Kann ich das alles ernst nehmen?
Vom Newsdesk zum Feed: Wie sich der Journalismus neu erfindet
„Unsere Abteilung ist mehr Teil des Verlags als Teil der Redaktion“, sagt Antonia Tize. Es ist ein Satz, der mehr über die strukturellen Brüche unserer Medienlandschaft verrät als manch lange Analyse. Social Media bei Der Standard war einst ein Nachbau klassischer Inhalte. Onlinebeiträge wurden einst einfach doppelverwertet. Heute ist es ein eigenständiger publizistischer Kosmos. Tize und ihr kleines Team recherchieren, texten, filmen, vertonen. In Summe zählt das Social Media Team von Der Standard drei Personen, wobei Antonia Tize die einzige Vollzeit-Angestellte ist. Vollzeit Social Media Journalistin sozusagen. Die gesamte Redaktion der Tageszeitung umfasst hingegen 180 Personen – die Reichweite der einzelnen Videos auf Instagram & Co zählen nicht selten sechs bis sieben Nullen!
Und sie publizieren – oft, bevor der eigentliche redaktionelle Artikel für Online und Print überhaupt geschrieben ist oder voll und ganz unabhängig vom Rest des Blattes.
Auch Livia Lergenmüller agiert jenseits traditioneller Redaktionsstuben. Mit ihrem Kanal dasfoejetong bringt sie das Feuilleton auf TikTok und Instagram. Ihre Form: die Presse schau. Ihr Stil: pointiert, zugespitzt, nicht selten ironisch gebrochen. Ihre Mission: Kulturjournalismus für jene, die sonst keinen Zugang hätten. Denn zur Wahrheit gehört auch: nicht je der wächst mit dem Standard oder der FAZ auf dem Frühstückstisch auf. Dabei bleibt es nicht bei Personalien und Glanzmomenten der Hochkultur. Auch verästelte Debatten, wie jene um den Verleger Siegfried Unseld, fin den hier ihren Platz – freilich in radikaler Verdichtung. Doch reicht das aus?
Zwischen Zuspitzung und Verlust: Die Ambivalenz der Plattform
Wird Social Media zur Hauptbühne des Journalismus? Viel leicht ist es das längst, zumindest für mittlerweile mehr als nur eine Generation.
Beide Gesprächspartnerinnen deuten es an – vorsichtig, aber bestimmt.
„Die Plattformlogik verlangt Zuspitzung – das widerspricht eigentlich dem, was Journalismus leisten soll“, sagt Livia Lergenmüller. Denn wenn aus einer Print-Doppelseite nur noch zwei Sätze bleiben, weil sie sich viral eignen – was bleibt dann vom Inhalt? Reicht das aus? Der Preis der Sichtbarkeit ist hoch. Denn Sichtbarkeit bedeutet nicht automatisch Wahrheit. Und Relevanz wird ersetzt durch Reichweite.
Antonia Tize kennt dieses Spannungsfeld. Sie weiß, dass TikTok kein Monetarisierungswunder ist. Aber sie glaubt an den strategischen Wert: „Vielleicht schließt jemand in zehn Jahren ein Abo ab, weil er uns heute auf TikTok sieht.“ Social Media ist für sie kein Nebenkanal – sondern ein Weg, junge Menschen überhaupt wieder in Berührung mit Journalismus zu bringen. Für beide Journalistinnen liegt in Social Me dia eine stille Demokratisierung: Inhalte erreichen plötzlich Menschen, die nie eine Zeitung abonniert, geschweige denn aufgeschlagen hätten. „Wir sprechen dort auch jene an, die nie mit dem Standard oder überhaupt mit Journalismus in Kontakt kamen“, sagt Antonia Tize – und meint damit nicht nur die L Jüngsten, sondern auch die Stilleren, Ungehörten, mit geringeren Zugängen zum klassischen Print- & Onlinejournalismus. Ein Publikum, das früher kaum erreicht wurde – und heute scrollt.
Beide eint die Überzeugung: Ohne Social-Media-Plattformen verliert Journalismus an Publikum – mit ihnen aber droht er – gegebenenfalls – sich selbst zu verlieren.
Zwischen TikTok und Ticker: Die Praxis eines fragilen Spagats
In der Social-Media-Redaktion von Der Standard beginnt der Tag mit einem Blick auf die Chronik. Was ist passiert, was passt zur Community, was lässt sich erzählen – und zwar so, dass man nicht überblättert – Entschuldigung – über scrollt wird?
Antonia Tize entscheidet oft nach Gefühl. Dann entsteht ein kurzer News Clip, manchmal auch eine längere Reportage – etwa über den Schlachthof oder den Opernball. In Ausnahmefällen landen diese Beiträge auch auf der Webseite. Aber vieles bleibt dort, wo es begonnen hat: im Strom der Plattform.
Livia Lergenmüller beschreibt ihren Arbeitsprozess als Versuchsanordnung: Was funktioniert, ohne banal zu sein? Was ist zugespitzt, ohne entstellend zu wirken? „Ich lese acht, neun Feuilletontexte – und wähle dann zwei Sätze. Kürzer geht’s kaum.“ Das Ziel ist klar formuliert: mehr Menschen für journalistisch-kulturelle Inhalte zu gewinnen.
Kritik an der Plattformlogik: Wenn Sichtbarkeit wichtiger wird als Substanz
Spätestens hier beginnt die eigentliche Debatte – eine, die tiefer reicht als jede Formatfrage. Livia Lergenmüller spricht das aus, was viele nur leise ahnen: „Es ist gefährlich, wenn journalistische Inhalte nicht mehr nach Qualität, sondern nach Klickwahrscheinlichkeit ausgespielt werden.“ In einer Welt, in der Algorithmen regieren, wird nicht das Relevante gesehen, sondern das, was provoziert. Und manchmal reicht ein einziges Wort – Trump, Gaza, Klimakrise – um einen Beitrag in der Versenkung verschwinden zu lassen. Oder wie Antonia Tize sagt
„- Algorithmus halt, nh?
– Algorithmus halt ja.!
– Algorithmus halt.
– Schönes Zitat!“
Der Algorithmus, das Playbook wonach wir alle derzeit unser digitales Leben ausrichten. Der Faktor X bei jedem Schritt online und nur ein paar wenige Männer – hier ist, blickt man auf die CEOs der großen Plattformen, kein Gendern notwendig – haben ihn in der Hand.
Logisch haben wir Meinungsfreiheit!
Was uns nicht passt, streichen wir aber trotzdem. Kann qualitativer, unabhängiger Journalismus auf solchem Boden funktionieren?
Antonia Tize kennt die Dynamik. Sie weiß, dass Reibung Reichweite bringt. „Wenn sich Menschen in den Kommentaren reiben, wird der Content sichtbar“, sagt sie – und es klingt fast wie ein Gesetz. Doch was heißt das für Inhalte, die nicht laut und provokativ sind? Für Differenzierungen, für Zwischentöne?
Lergenmüller bringt es auf den Punkt: „Wenn Plattformen entscheiden, was gesehen wird, geht es nicht mehr um Relevanz, sondern nur noch um Sichtbarkeit.“ Ein Satz wie ein Alarmzeichen – und zugleich ein Hinweis auf das Dilemma eines Berufsstands, der sich zunehmend zwischen Aufmerksamkeitsökonomie und Informationsauftrag aufreibt.
Fest steht: Ohne Social Media verlieren Redaktionen den Anschluss an eine ganze Generation und die nächsten folgen. Aber mit ihnen – und ihren Regeln – droht ihnen, ausgerechnet das zu verlieren, was Journalismus einst ausgezeichnet hat: Haltung, Unabhängigkeit, und ja – auch eine gewisse Stille.
Zum Abschluss
Vielleicht ist es naiv, zu glauben, Journalismus könne inmit ten algorithmischer Interessen neutral bleiben. Vielleicht muss er sich – wie so vieles – neu erfinden. Aber vielleicht, und das ist die Hoffnung, gelingt genau dort, auf Instagram und TikTok, etwas Erstaunliches: Dass sich neue Öffentlichkeiten bilden. Dass Journalismus eine andere Sprache findet. Und doch dieselbe Aufgabe erfüllt.
JULIUS NAGEL


