Belletristik und KI: Serielle Produktion von Unterhaltungsliteratur

KI-Technologien halten zunehmend Einzug in kreative Prozesse. Daher ist es interessant, Auswirkungen auf die einzelnen Mediengattungen und Genres zu verstehen. KI kann in der Unterhaltungsliteratur vielfältige Anwendung finden. Sei es, um Arbeitsabläufe im Verlagswesen zu erleichtern oder um neue Trends und Entwicklungen am Buchmarkt zu entdecken. Dieser Artikel soll einen Einblick in die unterschiedlichen Anwendungsbereiche künstlicher Intelligenz in der Belletristik liefern.

von Nicolas Wald & Benedikt Waser

Die KI ist auf dem Vormarsch. Zahlreiche Unternehmen und Privatpersonen bauen mittlerweile auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz. So sollen Arbeitsabläufe einfacher gestaltet werden oder alltägliche Probleme schneller gelöst werden. In der Branche der Unterhaltungsliteratur kommt es dabei zu Unruhen. So sprachen sich im Sommer 2023 in den Vereinigten Staaten 8 000 Schriftsteller*innen in einem offenen Brief gegen die Nutzung ihrer Werke zur Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz aus. Allerdings nimmt die künstliche Intelligenz aktuell eine eher unterstützende Rolle gegenüber der/dem Autor*in ein und ist noch nicht so weit, eigenständige Geschichten zu verfassen. KI-Textgeneratoren wie ChatGPT analysieren große Datenmengen, um Texte zu erstellen. Sie verwenden komplexe Lernmodelle wie GPT-3, die Wahrscheinlichkeiten für das nächste Wort basierend auf dem Kontext vorhersagen. Diese Vorhersagen variieren jedes Mal. Die Modelle berücksichtigen den gesamten Textverlauf und nicht nur das vorherige Wort.

Der deutsch-österreichische Schriftsteller Daniel Kehlmann startete hierzu Anfang 2020 – gut drei Jahre vor der öffentlichen Verbreitung von sog. „starker KI – ein Experiment. In diesem versuchte er mithilfe eines schreibenden Algorithmus namens CTRL eine Kurzgeschichte zu schreiben. Nach Beendigung des Versuchs gab er zu verstehen, dass dieses Experiment kein kompletter Misserfolg gewesen sei, da der Algorithmus einige skurrile Textfragmente zusammengebracht hätte. Allerdings stehe die KI sowohl Plots als auch Figurenkonstellationen in der Unterhaltungsliteratur hilflos gegenüber. Da KI also nur als problemlösende Entität ohne Innenseite – wie der Autor es bezeichnet – operiert, kann sie ohne die Kreativität des Menschen keine spannenden Geschichten erzählen.

Ein Versuch, mit Chat-GPT eine Kurzgeschichte zu erzählen

Um zu analysieren, ob das Experiment von Kehlmann auch heute noch Bedeutung hat, wurde im Zuge dieses Artikels ChatGPT-4o damit beauftragt, eine kurze Horror-Geschichte zu verfassen, wobei folgender Prompt verwendet wurde: „Verfasse mir eine kurze Horror Geschichte mit circa 1000 Zeichen und 3-5 Figuren.“ Dies führte zu folgendem Text der KI:

In einer kleinen, verfallenen Hütte tief im Wald lebten drei enge Freunde: Anna, Ben und Carla. Eines kalten Herbstabends, als der Wind durch die Bäume heulte, erzählte Ben von einer alten Legende. „In diesem Wald,“ sagte er, „gibt es einen Geist namens Liora. Sie war eine junge Frau, die vor Jahrhunderten brutal ermordet wurde. Ihr Geist sucht nach Rache.“ Die Freunde lachten, aber eine unbehagliche Stille legte sich über die Hütte. Plötzlich hörten sie ein Kratzen an der Tür. Anna öffnete sie vorsichtig und fand eine blutige Nachricht: „Geht oder sterbt.“ Sie schloss die Tür hastig und erzählte den anderen, doch sie lachten nur nervös. In der Nacht erwachten sie nacheinander zu seltsamen Geräuschen. Carla war die Erste, die das Zimmer verließ. Sie schrie kurz auf, dann herrschte Stille. Ben und Anna fanden Carla nicht und begannen panisch nach ihr zu suchen. Schließlich entdeckten sie Carla in der Küche, starr und leblos, ihre Augen weit aufgerissen vor Angst. Eine eisige Kälte ergriff sie, als sie Liora sahen, ihren durchscheinenden Körper, ihre hasserfüllten Augen. Liora flüsterte: „Ihr habt gewarnt.“ Die Kerzen erloschen, und nur die Dunkelheit blieb. In dieser Nacht verließ keiner die Hütte lebend.

Obwohl dieser Versuch durch die Zeichenanzahl begrenzt war, da er noch im Rahmen dieses Artikels Platz finden musste, zeigt er doch die Limitationen der künstlichen Intelligenz auf. Sowohl grammatikalische Fehler als auch ein einfacher Satzbau und eintönige Figurennamen lassen sich in dieser Erzählung erkennen. Aber vor allem bedient sich die KI hier an bereits vorhandenen Stereotypen, die in uns Angstgefühle auslösen sollen, wie zum Beispiel „die verfallene Hütte“ oder „die blutige Nachricht“. Sie kommen in dieser Form bereits in zahlreichen Erzählungen vor. Es ist also davon auszugehen, dass ein*e Autor*in mit ähnlichen Vorgaben eine neuartigere und interessantere Kurzgeschichte geliefert hätte, als die KI. Überarbeitungen für eine anspruchsvollere Unterhaltungsliteratur sind 2024 geboten.

Bild: Benedikt Waser in Auftrag an KI-Tool Image Creator from Microsoft Designer: „Frau, die für das Schreiben eines Buches text-based AI verwendet“

Die Funktionsweise automatisierter Unterhaltungsliteratur-Produktion

KI-Text-Tools nutzen Machine Learning und Natural Language Processing, um eigenständig Texte zu erstellen. Sie analysieren große Mengen an Textdaten, um Zusammenhänge zu erkennen. Nutzer*innen geben einen Text ein, und die KI erzeugt basierend auf ihrem Training eine passende Antwort. Sie schlägt Wörter und Sätze vor, die auf Wahrscheinlichkeiten basieren. Mit Feedback und neuen Trainingsdaten wird die KI kontinuierlich verbessert. KI eignet sich für das Verfassen von Unterhaltungsliteratur durch Ideenfindung, Recherche und Textüberarbeitung. Sie kann jedoch menschliche Kreativität, Emotionen und Zusammenhänge heute nicht vollständig ersetzen. Daher ist KI eher ein hilfreiches Werkzeug als ein Ersatz für Autor:innen.

Trends, Entwicklungen und zukünftige Perspektiven

Die Anwendung künstlicher Intelligenz in der Buchbranche birgt vielfältige Potentiale und Herausforderungen. Die Einsatzmöglichkeiten reichen von der Generierung Algorithmen-geschriebener Bücher bis zur Vermarktung auf Plattformen wie Amazon und TikTok. Springer Nature experimentiert bereits mit ChatGPT für wissenschaftliche Artikel, während Verlage wie dtv die Algorithmen für das Buchmarketing nutzen. Es gibt Diskussionen um Roboter, die Hörbücher vorlesen. Sie betonen die Authentizität der Stimme, aber auch ihre emotionale Begrenzung.

Einerseits ermöglicht KI das Erstellen realitätsnaher Charaktere und interaktiver Geschichten, die das Publikum auf neue Weise fesseln können. Beispielsweise könnten zukünftige Romane dynamische Handlungsstränge bieten, die sich an die Vorlieben der Leser anpassen. Andererseits gibt es Bedenken hinsichtlich der Authentizität und des Urheberrechts. Die zunehmende Abhängigkeit von KI wirft Fragen zur Integrität der Kunst auf.

Bild: Benedikt Waser in Auftrag an KI-Tool Image Creator from Microsoft Designer: „Kind, das einen Comic liest“

Disclaimer

ChatGPT: Kürzen der Texte Einleitung (18:05 Uhr) und „Trends, Entwicklungen und zukünftige Perspektiven“ (18:53 Uhr): Zugegriffen am 23.04.2024 – zwei Prompts

Kürzen der Texte „Die Funktionsweise automatisierter Unterhaltungsliteratur-Produktion“ (19:22 Uhr) und „Trends, Entwicklungen und zukünftige Perspektiven“ (20:03 Uhr): Zugegriffen am 09.06.2024 – zwei Prompts

Erklären, wie sehr sich KI für das Verfassen von Literatur auf Basis der Quelle eignet „Die Funktionsweise automatisierter Unterhaltungsliteratur-Produktion“ (15:08 Uhr): Zugegriffen am 11.06.2024 – ein Prompt

„Verfassen einer kurzen Horrorgeschichte“: Zugegriffen am 29.05.2024 um 16:47 Uhr – ein Prompt

Bild 1: Benedikt Waser in Auftrag an KI-Tool Image Creator from Microsoft Designer: „Person, die während des Lesens lacht“, am 05.05.2024 um 14:27 Uhr

Bild 2: Benedikt Waser in Auftrag an KI-Tool Image Creator from Microsoft Designer: „Frau, die für das Schreiben eines Buches text-based AI verwendet“, am 05.05.2024 um 14:48 Uhr

Bild 3: Benedikt Waser in Auftrag an KI-Tool Image Creator from Microsoft Designer: „Kind, das einen Comic liest“, am 05.05.2024 um 15:04 Uhr

Über die Autoren

Bild Copyright: Max Peternell

Nicolas Wald ist 21 Jahre alt und studiert Medienmanagement im 4. Fachsemester an der FH St. Pölten. Mit Journalismus ist er das erste Mal im Rahmen eines Wahlpflichtfachs an der AHS in Berührung gekommen, in diesem er mit Mitschülern*innen eine eigene Schülerzeitung herausgebracht hat. In seiner Freizeit liest er gerne Fantasy-Romane und schaut verschiedene Filme bzw. Serien.

Kontakt: nicolas.wald@gmx.at

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Benedikt Waser ist 22 Jahre alt und studiert ebenfalls Medienmanagement im 4. Fachsemester an der FH St. Pölten. Erste journalistische Erfahrungen hat er im Zuge eines Wahlpflichtfaches an einer Handelsakademie gemacht, wo er Interview, Reportage, Bericht und Kolumne zu Papier gebracht hat. Bei Serien, Filmen und Büchern fesseln ihn vor allem Comedy, Action und Biographien.

Kontakt: benedikt.waser21@gmail.com