Psychische Gesundheit ist online so sichtbar wie nie – doch nicht alles, was
sichtbar ist, ist auch hilfreich. Für SUMO sprechen eine hier anonym bleibende
Betroffene und Laura-Maria Altendorfer, Journalismusprofessorin der in
Deutschland ansässigen IU Internationale Hochschule über die Chancen und Grenzen
mentaler Gesundheit auf Social Media.
TEXT: TAMINA LAUTENBACH | FOTO: TAMINA LAUTENBACH
Wie über psychische Gesundheit gesprochen wird, hat sich verändert – nicht im Behandlungszimmer, sondern auf Instagram, TikTok oder YouTube. Was einst ein Tabuthema war, ist heute Trend: Mentale Gesundheit ist in sozialen Medien allgegenwärtig – zwischen Aufklärung, Storytime und Selbstdiagnose. Besonders junge Nutzer*innen begegnen online einer Vielzahl an Begriffen, Symptomen und persönlichen Erfahrungsberichten. Was einerseits Entlastung und Offenheit fördert, birgt andererseits Risiken wie Fehlinformation, Kommerzialisierung oder eine überzeichnete Selbstwahrnehmung. Der digitale Umgang mit Mental Health bewegt sich zwischen Empowerment, Selbstinszenierung und fehlender Einordnung.
Zwischen Enttabuisierung und Vereinfachung
Soziale Medien haben laut Laura-Maria Altendorfer, Professorin für Journalismus mit einem Studium der Kommunikationswissenschaft und Psychologie, dazu beigetragen, dass ein entstigmatisierter Umgang mit psychischen Krankheiten stattfindet. Besonders bei jungen Menschen beobachtet sie eine wachsende Offenheit und „dass dieses Thema mentale Gesundheit einfach immer mehr Bedeutung bekommt.“ Dass psychische Erkrankungen nicht mehr nur hinter verschlossenen Türen thematisiert werden, sondern öffentlich und niedrigschwellig, sei ein Fortschritt. Auch für die anonyme Interviewpartnerin war Social Media der erste Berührungspunkt mit ADHS im Erwachsenenalter. „Es hat mir geholfen, auf das Thema aufmerksam zu werden und eigene Handlungen zu hinterfragen.“ Zuvor dachte sie oft, sie sei einfach unproduktiv, da sie regelmäßig prokrastinierte. Das war frustrierend, da sie ihre Aufgaben erledigen wollte, sich jedoch nicht motivieren konnte. Über Social Media erfuhr sie mehr über ADHS und begann, vorgeschlagene Strategien anzuwenden.
Altendorfer verweist zudem auf das Potenzial von Content Creator*innen, vor allem, wenn eigene Erfahrungen geteilt oder Therapieverläufe öffentlich gemacht werden: „Durch das Teilen dieser positiven Erfahrungen können Follower*innen oder andere Betroffene ermutigt werden, vielleicht auch eine Therapie in Anspruch zu nehmen.“ Auch professionelle Akteur*innen – etwa Psychotherapeut*innen, die auf Insta gram Einblicke in ihre Arbeit geben – könnten Hemmschwellen abbauen.
Selbstdiagnose und Kommerzialisierung
Doch der digitale Mental-Health-Diskurs birgt Risiken. Laura-Maria Altendorfer warnt davor, dass auf Plattformen wie YouTube oder Reddit Behandlungsmethoden wie Ernährung oder Achtsamkeit häufig stärker befürwortet werden als Psychotherapie oder Medikamente. Das könne problematische Folgen haben – etwa, wenn Betroffene aufgrund verzerrter Darstellungen professionelle Hilfe ablehnen.
Besonders kritisch sieht sie vereinfachte Darstellungen psychischer Erkrankungen: „Plötzlich hat gefühlt jeder ADHS, wenn man über die For-You-Page drüber scroll.“ Auch unsere Interviewpartnerin beschreibt, wie allgemeine Aussagen („Tust du dir schwer beim Aufstehen?“) sie zunehmend verunsichert hätten: „Oft sind die Aussagen so allgemein, dass sich fast jeder darin wiederfindet“, sagt sie. Laura Wiesböck, Soziologin an der Universität Wien, warnt in ihrer aktuellen Studie, ebenfalls vor der zunehmenden Verwendung von Begriffen wie „Trauma“ und „ADHS“ auf Social Media. In einer qualitativen Analyse untersuchte sie, wie psychologische Konzepte in Alltagssprache überführt und auf Plattformen wie TikTok oder Instagram vereinfacht und aus dem Zusammenhang gerissen werden. Diese Entwicklung könne dazu führen, dass Nutzer*innen fälschlicherweise glauben an einer psychischen Störung zu leiden, obwohl keine diagnostizierte Erkrankung vorliegt.
Altendorfer ergänzt: „Wir wissen es sogar aus Studien, dass Menschen die eigene nicht-pathologische Angst als Störung einstufen, weil sie sich mit Betroffenen identifizieren.“ Daraus könne eine selbsterfüllende Prophezeiung entstehen – bis hin zur tatsächlichen Symptomzunahme.
Hinzu kommt ein kommerzieller Aspekt. Die Wissenschafterin spricht von einer Gratwanderung zwischen Aufmerksamkeit schaffen und dem Wunsch, Geld zu verdienen. Besonders problematisch sei es, wenn professionelle Akteur*innen Werbung für eigene Produkte machen – etwa Merchandise mit Mental-Health-Slogans. „Aus ethischer Sicht sind es gewissermaßen Grenzen.“ Damit verweist Frau Altendorfer auf die Schwierigkeit, eine klare Linie zwischen authentischer Aufklärungsarbeit und kommerziellen Interessen zu ziehen. Gerade in einem so sensiblen Bereich verlaufen Grenzen oft fließend.
Plattformen, Verantwortung und Lösungsansätze
Was kann dem entgegenwirken? Laura-Maria Altendorfer betont die Bedeutung von Medienkompetenz – auf Seiten der Nutzer*innen wie der Creator*innen. Sie ist der Meinung, dass sich jeder überlegen müsse, was er postet, wer die Zielgruppe ist und was das auslösen kann. Ein Einfaches „Ich bin heute so depressiv“ könne bei Betroffenen negativ ankommen – oder Krankheitsbilder verharmlosen.
Zudem fehle es an klaren Richtlinien. Während Journalist*innen etwa dem Pressekodex folgen oder Selbstregulierung durch berufliche Standards im Medienunternehmen bzw. durch Organisationen wie dem Presserat entwickelt haben, seien solche Standards für Content Creator*innen kaum etabliert. „Im Prinzip machen beide Gruppen das Gleiche, aber für die einen gibt es halt viel mehr Standards und Richtlinien als für die anderen.“
Auch Plattformen selbst könnten laut Altendorfer Verantwortung übernehmen – etwa durch Faktenchecks oder eine stärkere Sichtbarkeit seriöser Inhalte. Hilfreich wären auch Angebote wie DIGAs – also digitale Gesundheitsanwendungen mit wissenschaftlicher Basis. Doch noch dominieren andere, semiprofessionelle Inhalte. Ein Blick in die USA zeigt zudem, was passiert, wenn Plattformen solche Maßnahmen zurückfahren: Meta kündigte Anfang 2025 an, sein Fact-Checking-Programm zu beenden und stattdessen auf ein offenes Community-System zu setzen. Auch X lockerte bereits zuvor unter Elon Musk zahlreiche Moderationsregeln. In beiden Fällen warnen Expert*innen vor einer Zunahme von Desinformation – auch im Bereich psychischer Gesundheit.
Sichtbarkeit braucht Verantwortung
Der Diskurs über mentale Gesundheit auf Social Media ist laut Laura-Maria Altendorfer „eine kleine Revolution, die vielleicht gerade startet“ – doch sie bringt auch Risiken mit sich. Sichtbarkeit allein reiche nicht: Zwischen Posts und professioneller Diagnose liegen Unsicherheiten, die Orientierung verlangen würden. Damit der digitale Raum mehr als nur Bühne ist, brauche es Verantwortung von Plattformen, Medien und Fachpersonen. Es geht nicht um mehr Likes – sondern um mehr Verantwortung.
TAMINA LAUTENBACH

