Kinderfilme und -serien bieten weit mehr als bunte Bilder und lustige Geschichten. SUMO geht der Frage nach, warum Kindermedien als Vermittler von Kultur und menschlichen Werten oft unterschätzt werden. Wir sprachen dazu mit Anna Hofmann, Co-Leiterin der Internationalen Kinderfilmfestivals, und Maya Götz, Medienwissenschaftlerin und Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk.
TEXT: ANNA SCHABASSER | FOTO: ANNA SCHABASSER
Film und Fernsehen bleiben nach wie vor beliebte Me dien bei Kindern und Jugendlichen. Dies belegt auch die Oberösterreichische Kinder-Medien-Studie 2024. Hier wird festgehalten, dass Kinder zwischen 3 und 10 Jahren hierzulande rund 87 Minuten pro Tag mit Fernsehen und Streamen verbringen. Doch so auf einen Bildschirm zu schauen, verblödet die Jugend doch nur, oder? Natürlich werden Filme und Serien in erster Linie für Unterhaltung und den Spaßfaktor konsumiert. Oft wird aber das Faktum übersehen, dass diese Medienform besonders für das junge Publikum einen gewissen Mehrwert mit sich bringen kann. Denn Kindermedienmacher*innen legen großen Wert da rauf, was sie mit ihren Werken vermitteln. Dies bestätigt auch die Co-Leiterin der Internationalen Kinderfilmfestivals Anna Hofmann. Filme eröffnen nicht nur Allgemeinwissen und Fakten, sondern auch kulturelle und humanistische Bildung. Kinder können durch internationale Kino- und Spielfilme in neue Welten eintauchen und eine Vielfalt an Kulturen kennenlernen. Auch persönlichkeitsbildende Werte und Verhalten wie Toleranz und Empathie können gelehrt werden. Maya Götz beschreibt es als eine Art „Rollenspiel“, in dem sich die Kinder wiederfinden. Kinder lernen mit den Charakteren, hinterfragen deren Handlungen und dadurch werden neue Werte mitgegeben.
Perspektive der Medienschaffenden
Wie gelingt es nun Kindermedienmacher*innen, Inhalte so aufzubereiten, dass sie nicht nur informativ, sondern auch emotional und altersgerecht sind? Eine der wichtigsten Grundlagen beginnt schon bei der Erzählstruktur selbst. Maya Götz spricht davon, dass es vor allem bei Kindern im Vorschulalter wichtig sei, nur einen Handlungsstrang in der Sendung zu haben. Auch der passende Ton zum Bild spiele dabei eine interessante Rolle. „Wenn der Ton das Bild unterstützt oder ihnen eine Mitteilung gibt, nehmen sie den gerne mit, aber wenn Ton und Bild auseinandergehen, nehmen sie den Ton oft gar nicht wahr“, erklärt Götz.
Geschichten mit klarem Aufbau, emotionalen Bögen und identifikationsstarken Figuren helfen Kindern, sich zu orientieren und mitzufühlen. Egal ob ein mutiges Tier, ein neugieriges Kind oder der*die Sendungsmoderator*in, wenn man sich in der Hauptfigur wiederfindet, bleibt man dran und lernt mit ihr. „Es braucht eben diese*n Vermittler*in, die Anknüpfungsfigur, mit der man durch das Erlebnis geht. Ein*e Vertreter*in, der sie gerade teilhaben lässt, bei dem was er erlebt“, sagt Maya Götz. Gleichzeitig ist aber nicht nur das „Wie“ entscheidend, sondern auch das „Was“. Kinderfilmfestivals wie das Internationale Kinderfilmfestival Wien legen großen Wert auf die Auswahl von Filmen, die neben Unterhaltung auch gesellschaftlich relevante Themen behandeln. Anna Hofmann spricht im Interview auch darüber, dass die Filme bei den Festivals bewusst in Originalsprache mit live eingesprochener Übersetzung laufen, um jungen Zuschauer*innen nicht nur neue Perspektiven, sondern auch sprachliche Vielfalt zu eröffnen.
Gerade dadurch entsteht ein vielseitiger Bildungswert. Kin der tauchen in andere Lebensrealitäten ein und entwickeln Empathie. Ein von Freud geprägter Begriff „Probehandeln“ beschreibt, dass Kinder durch das Erleben von Geschichten mögliche Handlungsmuster für das eigene Leben entwickeln können. Wenn etwa in einem Film ein Kind Mobbing erlebt, lernen die jungen Zuschauer*innen nicht nur, dass das falsch ist, sondern auch, wie sie sich in ähnlichen Situationen verhalten könnten.
Komplexe Themen kindergerecht verpacken
Besonders im Bereich der humanistischen Bildung haben Kinderfilme und -serien das Potenzial, sensible oder ernste Themen aufzugreifen, ohne die Kinder damit zu überfordern. Anna Hofmann nennt als Beispiel einen Film, in dem der große Bruder der Hauptfigur stirbt. Der Umgang mit dem Tod sei eine Herausforderung, auch für Erwachsene. Doch gerade Kindern würden solche Geschichten ermöglichen, sich in einem geschützten Rahmen mit Verlust und Trauer auseinanderzusetzen. „Ich glaube, dass Kinder auf jeden Fall damit um gehen können, wenn der Film gut gemacht ist“, sagt Hofmann. Auch Maya Götz ist der Meinung: „Es gibt kein Thema, das nicht für Kinder aufbereitbar ist.“
Die Auseinandersetzung mit ernsten Themen bietet Kindern die Möglichkeit, über eigene Gefühle zu sprechen, neue Perspektiven zu entwickeln und ihre Meinungen selbst zu formulieren.
Genauso wichtig ist die Darstellung von Inklusion. Im Film Grüße vom Mars steht ein autistischer Junge im Mittelpunkt. Die Familie im Film geht liebevoll mit dem Jungen um und respektiert seine Grenzen. „Die Kinder lernen dann, es gibt Kinder, die sind halt so. Dadurch, dass etwas in einem Film dargestellt wird, wird es zur Normalität“, so Hofmann. Filme wie diese tragen dazu bei, gesellschaftliche Vielfalt sichtbar und greifbar zu machen. Auch in Produktionen wie Lars ist LOL, in dem ein Mädchen einen Jungen mit Downsyndrom unterstützt, wird Inklusion kindgerecht erzählt. Der Film thematisiert darüber hinaus Online-Mobbing und vermittelt, dass es wichtig ist, für andere einzustehen.
Kinderfilmpreise und Kulturvermittlung
Festivals und Kinderfilmpreise spielen eine besondere Rolle bei der Förderung von kindgerechter Kulturvermittlung. Auszeichnungen der Internationalen Kinderfilmfestivals, beispielsweise der Preis der Kinderjury oder der UNICEF-Preis, bieten nicht nur eine Plattform für qualitativ hochwertige Produktionen, sondern auch ein Mittel, um das junge Publikum direkt einzubeziehen. Die Kinderjury setzt sich intensiv mit den Filmen auseinander und formuliert eigene Bewertungen. Damit wird auch die Medienkompetenz gefördert, was in einer Welt voller Reize und Informationen nicht zu unterschätzen ist. Außerdem machen solche Preise innerhalb der Branche auf besonders gute Produktionen aufmerksam, auch wenn sie außerhalb der Festival-Bubble leider oft zu wenig wahrgenommen werden. „Grundsätzlich ist es sehr schwierig, Öffentlichkeit für gute Kinderfilme zu schaffen. Wir sind wirklich eine Nische“, sagt Hofmann. Förderungen, gezielte Öffentlichkeitsarbeit und Bildungskooperationen mit Schulen – wie Schulvorstellungen oder das Projekt Kinderkinowelten – können helfen, den Zugang zu diesen Filmen zu erleichtern.
Dem Werk ein Publikum schenken
Das Kinoerlebnis bleibt trotz mehr Streamingdiensten und sozialen Medien ein zentrales Mittel der kindlichen Filmbildung. „Wenn man ins Kino geht und es ist ein guter Film, dann bleiben die Kinder auch 1,5 Stunden aufmerksam“, sagt Hofmann. Zwar sei zu beobachten, dass die Aufmerksamkeitsspanne bei Kindern tendenziell kürzer werde, doch gute Geschichten, die speziell für sie gemacht sind, können sie immer noch fesseln.
Für die Zukunft wünscht sich Hofmann vor allem mehr Wertschätzung für den Kinderfilm als Kunstform. Auch die finanzielle Unterstützung durch Fördergeber*innen sei essenziell, um qualitativ hochwertige Produktionen weiterhin sichtbar zu machen. „Uns ist es wichtig, dass die Filme ihr Publikum finden.“ Kinder von heute brauchen Geschichten, die nicht nur Spaß machen, sondern ihnen auch etwas lernen und zeigen, wie vielfältig die Welt ist.
ANNA SCHABASSER


