Wegschauen als Strategie. Wie das Ausblenden unerwünschter Informationenpolitische Meinungen beeinflusst.

Das Problem: Unliebsame Informationen werden von Rezipient*innen immer öfter gemieden. Wie sich diese Strategie auf die politische Meinungsbildung in der Gesellschaft auswirkt, besprach SUMO mit der Geschäftsführerin des Instituts für empirische Sozialforschung, Eva Zeglovits und dem am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin arbeitenden Computer-Sozialwissenschafter, Philipp Lorenz-Spreen.

TEXT: BERHARD SONN | FOTO: BERNHARD SONN

Was hinter Nachrichtenvermeidung steckt

Nachrichten und qualitative Berichterstattung sind für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar. Doch nicht alle Menschen sind dieser Meinung: Aktuellen Studien zufolge meiden immer mehr Menschen Nachrichten. Die Ursachen dahinter sind vielfältig. Eine 2021 von Sophie Lecheler an der Universität Wien geleitete und von Dominika Betakova durchgeführte Studie zeigt diese Komplexität auf. Die im Juni und Juli 2021 durchgeführte Online-Umfragen ermöglichte es, verschiedene Typen von Nachrichtenvermeider*innen zu identifizieren. Demnach gibt es sowohl bewusste als auch unbewusste Nachrichtenvermeider*innen. Aktive politische Nachrichtenvermeidung geht jedoch nicht zwangsläufig mit einem geringen generellen Nachrichtenkonsum einher. Viel eher dürfte jene Personengruppe das Gefühl einer geringen staatsbürgerlichen Pflicht des Selbstinformierens über politische Geschehnisse oder schlicht ein niedriges politisches Interesse an sich haben. Auch gibt es die Gruppe, die absichtlich Nachrichten aufgrund ihrer Negativität meidet. Hierfür ist vor allem die Berichterstattung über weltweite Krisen und Kriege ausschlaggebend. Schließlich gibt es Menschen, die Nachrichten aufgrund eines generellen Vertrauensmangels in Medien und Politik nicht konsumieren. Es würden unterschiedliche Strategien gefordert sein, um dem entgegenzuwirken: So schlagen Lecheler und Betakova die Förderung von konstruktivem Journalismus und Inklusivität, sowie die Vermittlung von Medienkompetenz an Schulen vor. Auch könnten jene Menschen, denen die Menge an Nachrichten zu viel wird, bestimmte Themen bewusst vermeiden, um sich von emotional belastenden Inhalten zu erholen.

Welcher Gruppe man auch angehört, Nachrichtenvermeidung ist ein reales Problem in der heutigen Gesellschaft. Die Meinungsforscherin Eva Zeglovits ortet als Ursache der Nachrichtenvermeidung, dass Menschen einen Ausweg aus der Menge negativer Nachrichten suchen würden. Ihre Studien belegen das Gefühl vieler Menschen, die nationale Politik könne reale Krisen nicht beeinflussen oder bewältigen. Dies führe zur Abkehr von News. Doch auch das sinkende Vertrauen in die klassischen Medien sei ein begünstigender Faktor. Zeglovits sieht deshalb zwei Gruppen von Nachrichtenvermeider*innen: Die Personen, deren andere Sorgen und Probleme, politische Nachrichten in der Prioritätenliste herunterstufen würden und jene Menschen, die Nachrichten aus Protest nicht mehr konsumieren.

Die Folgen der dauernden Online-Präsenz

Der Netzwerkwissenschaftler Philipp Lorenz-Spreen ist der Meinung, dass hinter Nachrichtenvermeidung eine „Omnipräsenz an Informationen, die wir durch den ständigen Kontakt mit unseren Smartphones bekommen“, steckt. Es gäbe nicht mehr einen klassischen News-Cycle, viel eher sähen wir uns einer „24-7-Situation“ gegenüber. In seiner Dissertation: „Dynamics of collective attention“ kam er zum Schluss, dass sich der Diskurs immer stärker beschleunigt und sich gesellschaftliche Themen immer schneller abwechseln. Als Reaktion darauf, vermutet Lorenz-Spreen die Vermeidung von Nachrichten.

Doch wie wirkt sich Nachrichtenvermeidung nun auf die politische Meinungsbildung in der Gesellschaft aus? Zeglovits dazu: „Menschen, die wenig oder schlechter informiert sind, treffen normalerweise irrationale Entscheidungen aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf heraus.“ Diese Vorgehensweise könnte möglicherweise sogar dazu führen, dass politische Entscheidungen entgegen den eigenen Interessen getroffen werden. Klar ist also: Wer schlecht informiert ist, läuft Gefahr, sich bei politischer Partizipation selbst nicht ernst zu nehmen. Zeglovits sieht auch einen klaren Zusammenhang in der politischen Ausrichtung jener Wähler*innen, die Nachrichten vermeiden oder grundsätzlich nicht gut informiert sind. Jene Personen neigen eher dazu, populistische Parteien zu wählen, wie ihre Studien klar darstellen.
Aus der Perspektive der Social-Media Forschung schätzt Lorenz-Spreen, dass Nachrichtenvermeidung ganz oft den Rückzug in ein simples Weltbild darstellt. Durch den fehlenden Input neuer Nachrichten kann man sich den selbst konstruierten Kosmos beibehalten und müsse sich nicht damit beschäftigen, ob die Evidenz anders aussehe. Ähnlich wie Zeglovits stellt er also fest, dass die politische Meinung jener Personen möglicherweise gar nicht den wahren Interessen der Betroffenen entsprechen muss. Entscheidend ist, was die Betroffenen glauben, für richtig zu halten. Dies ist demokratisch betrachtet nicht ungefährlich und zeigt, wie wichtig es ist, sich politisch gut zu informieren.

Radikalisierung und Nachrichtenvermeidung

Zeglovits leitet alle zwei Jahre die Antisemitismusstudie, in der durch Befragung antisemitische Einstellungen einer für Österreicher*innen ab 16 Jahren repräsentativen Stichprobe erhoben werden. Die Auswertungen der jüngsten Befragung im Oktober und November 2024 ergaben, dass die Vermeidung eines qualitativen Diskurses durch die Rezeption der klassischen Qualitätsmedien dazu führen kann, antisemitisches Gedankengut zu teilen. Zeglovits bekräftigt, dass sich dieser Befund bereits 2020 und auch davor bestätigt habe. Menschen, die Nachrichten aus Qualitätsmedien konsumieren, sehen laut der Forscherin ungeprüfte Inhalte auf Social-Media-Kanälen wie TikTok oder in rechtspopulistischen Alternativmedien nicht als vertrauenswürdig an. Wer Qualitätsmedien zur Information nutzt, steht Social-Media Inhalten also distanziert gegenüber.

Lorenz-Spreen sieht aus seinen Forschungen eine Korrelation von Nachrichtenvermeidung klassischer Qualitätsmedien bei gleichzeitigem hohen Social-Media-Konsum. Menschen in einem politisch extremen Umfeld würden sich in ihrer jeweiligen Social-Media Bubble ihre Informationen holen und könnten dadurch selber politische Extrempositionen einnehmen.

Wie kann Nachrichtenvermeidung verhindert werden?

Wie kann das Problem angesichts der vielfältigen Ursachen gelöst werden? Zeglovits empfiehlt bei der medialen Darstellung anzusetzen: Bad News werden zwar öfter geklickt als Good News, ein Übermaß solcher negativen Nachrichten führt allerdings zu Nachrichtenvermeidung. Auch die Politik neige laut Zeglovits dazu, das Problem und nicht die Lösung in den Vordergrund zu stellen. Auch das begünstige Nachrichtenvermeidung. Das Konzept der ausschließlichen Verbreitung von positiven Nachrichten gibt es bereits. Ob eine solch eingeschränkte Sicht auf das weltweite Geschehen förderlich ist, sei jedoch dahingestellt.

Die Zukunftsprognose

Wie sich die Nachrichtenvermeidung in Zukunft ausprägen wird, ist unklar. Befürwortung von politischem Populismus durch jener Wähler*innen, die Nachrichten vermeiden, werden aber wohl bestehen bleiben. Auch das Internet und Social Media können eine Rolle spielen. Aufgrund der Schnelllebigkeit von Social Media vermutet Lorenz-Spreen, dass sich die Relevanz bestimmter Social Media Apps, wie TikTok schnell wieder ändern kann. Heute TikTok, morgen? Die Fragen sind groß – nicht zuletzt, um das bedrohte System Demokratie zu schützen.

BERNHARD SONN

Eva Zeglovits | Copyright: ifes.at
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