Die Nutzung von Wissenspodcasts steigt und immer häufiger ersetzen sie den traditionellen Weg der Wissensbeschaffung. Im SUMO-Gespräch mit Podcast-Host Edith Michaeler vom Podcast Erzähl mir von Wien und Podcast Produzentin Maria Lorenz-Bokelberg von Pool Artists wird deutlich, dass Hören statt Lesen die Angst vor komplexen Inhalten abbauen kann.
TEXT: LISA MAYRINGER | FOTO: LISA MAYRINGER
Ob Medienhäuser wie der Der Standard, Influencerin Dagi Bee oder das Österreichische Bundesministerium für Finanzen: Sie alle setzen auf das gemeinsame Format des Podcasts. Seit 2018 wächst deren Anzahl rasant: Allein im Jahr 2023 erschienen laut der Pod cast-Studie von Seven.One AdFactory in Deutschland ungefähr 12.000 neue Podcasts auf dem Markt. Die Auswahl ist riesig: Von Politik, Wirtschaft bis hin zu True Crime, Gesundheit, Unterhaltung oder persönlicher Weiterentwicklung, ist für jeden etwas dabei. Hinzu kommen Wissenspodcasts, die Bereiche wie Naturwissenschaften, Psychologie, aber auch geschichtliches oder technisches Wissen abdecken.
Laut Podcast Produzentin und Geschäftsführerin von Pool Artists Maria Lorenz-Bokelberg liegt das daran, dass das Gehirn Podcasts anders aufnimmt und durch die gesprochene Sprache oft komplexe Themen einfacher zu verstehen sind. Ihrer Meinung nach wirken Wissenspodcast als Ergänzung zu Printmedien. Des Weiteren herrscht zwischen Podcast Host und Hörer*in eine geringere Distanz und oftmals bereits eine gewisse Verbundenheit.
Wissensvermittlung als Erfolgsrezept
Podcasts sind nicht nur orts-, sondern auch zeitunabhängig konsumierbar und bieten dabei einige Vorteile im Gegensatz zu traditionellen Medien. Lorenz-Bokelberg sieht auch darin den großen Erfolg: „Bei einem Wissenspodcast ist es so, dass ich Wissen aufnehmen kann, während ich andere Sachen mache. Während ich Auto fahre, während ich putze, während ich jogge oder so. Das kann ich mit einem Buch nicht.“ Durch die Vielzahl an Plattformen wie Spotify, Apple Podcastoder Audible, ist der Zugang ein Leichtes. Neben bekannten Apps haben auch Medienhäuser diese Chance erkannt und vermarkten auf ihren eigenen Plattformen wie ORF Sounds oder Zeit Online ihre Eigenproduktionen. Der digitale Weg ist kurz, der Aufwand gering. Die leichte Zugänglichkeit spricht für den steigenden Erfolg. Des einen Freud, des anderen Leid: Laut Podcast Host von Erzähl mir von Wien Edith Michaeler ist der günstige Preis einer der Vorteile für die Rezipient*innen. Für die Produzent*innen ist dieser Umstand freilich weniger positiv. Die meisten Podcasts sind nämlich bis auf kleine Einschränkungen, wie beispielsweise Werbung, kostenlos nutzbar. Michaeler sieht auch die schnelle Meinungsfindung positiv: „Man weiß ziemlich schnell, ob das was man hört einem passt oder nicht.“
Was hinter dem Mikrofon passiert
Edith Michaeler gewährte uns einen Blick hinter die Kulissen ihres Wissenspodcasts, den sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Fritzi Kraus betreibt. Die größte Herausforderung bestünde im Vertrieb und der Aufbereitung. Denn: „Ein noch so toller Podcast kann nicht überleben, wenn er keine Hörer*innen hat“, so Michaeler. Nicht zu vergessen ist das richtige Storytelling: Einerseits hört sich keine*r gerne langweilige Geschichten an, andererseits liegt die Kunst darin komplexe Dinge einfach zu verpacken und für das breite Publikum verständlich zu machen.
Dieses Know How der richtigen Vermittlung ist bei Wissenschaftler*innen nicht zwingend gegeben: Wie Lewis E. MacKenzie 2019 in seiner Studie „Science podcasts“ an der Durham Universität im Vereinigten Königreich erforscht hat, werden wissenschaftliche Befunde im Hörformat dort nicht mehr nur von Wissenschaftler*innen produziert, sondern auch von Medienredaktionen, PR-Abteilungen, aber auch Personen, die keine unmittelbar erkennbare Anknüpfung an die Universitäten haben. Glaubwürdigkeit und Qualität sieht auch Michaeler als eine Problematik der stetig steigenden Zahl an Wissenspodcasts. Denn: „Nur weil es Wissenspodcast heißt, heißt es nicht, dass das Gesagte wirklich wissenschaftlich belegt ist.“ Auch Lorenz-Bokelberg stimmt dieser Einschätzung zu: „Das Gute am Podcast ist, dass jeder einen machen kann. Das Schlechte am Podcast ist aber auch, dass jeder einen machen kann.“
Doch wie können Podcast Hosts in diesem Genre Glaubwürdigkeit und Vertrauen bei ihrer Hörerschaft aufbauen? Laut Michaeler muss man sich mit Authentizität das Vertrauen der Zuhörer*innen Schritt für Schritt erarbeiten. Tiefgehen de Recherche, echtes Interesse und Ehrlichkeit, wenn man eine Antwort einmal nicht weiß, machen den Host nahbar und stärken das Vertrauen. Laut Lorenz-Bokelberg sind aber Podcasts auch eine ideale Möglichkeit, um Menschen mit Expertisen einzuladen und mit ihnen über ihre Fachge biete zu reden. „Leute werden einfach lockerer in einem Audiogespräch, als in einem Interview, wo sie wissen, das wird dann gekürzt und redigiert“, so die Produzentin.
Eine weitere Schwierigkeit für Wissenspodcasts ist die Finanzierung. Michaeler merkt an, dass dies bei ihrem Pod cast am besten mit Kooperationen funktioniert. In der Praxis bedeutet diese Form der Monetarisierung freilich einen Grenzgang: Für Michaeler und ihre Podcast Partnerin ist es wichtig stets redaktionell unabhängig zu bleiben und den Inhalt frei gestalten zu können. Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen sich auch durch Publikum Events wie Live-Podcasting. Hier bedarf es einer gewissen Regelmäßigkeit, um auch wirklich einträglich zu sein. Zusätzlich erwähnt Lorenz-Bokelberg Fördergelder und Partnerschaften mit Institutionen, da immer mehr erkennen, dass der Podcast ein immer relevanter werdendes Medium ist. Aber auch die Nutzung von Plattformen wie Steady oder Patreon können bei kleineren, aber starken Communitys unterstützend sein.
Zwischen Chancen und Vertrauenskrise
Künstliche Intelligenz ist ein Thema, das immer mehr an Relevanz gewinnt, so auch im Bereich Podcast. Immer mehr KI erstellte Podcasts erscheinen und stellen damit eine neue Herausforderung dar. Lorenz-Bokelberg betont, dass es besonders bei Wissenschaftsthemen problematisch sein kann, wenn Inhalte nicht mehrmals überprüft werden. Außerdem ist sie der Meinung, dass Ethik-Workshops und die Verantwortung von Informationsweitergabe mehr Beachtung benötigen, da nicht alle Hörer*innen immer kritisch gegenüber ihren Quellen sind. Podcasts stehen trotz des Booms der letzten Jahre noch unter dem Schatten von Radio, TV und Büchern und kämpfen immer noch darum, genauso ernst genommen zu werden. „Eine Herausforderung, die zum Glück kleiner wird, aber durchaus noch da ist, ist, dass Podcasts immer noch hier und da ein bisschen unter dem Ruf leiden, etwas sehr Hobbymäßiges zu sein“, erklärt Lorenz-Bokelberg. Der Podcast Produzentin zufolge kämpfen – trotz des Aufschwunges – die wissenschaftlichen Themen noch gegen das Gefühl: „Das müsste doch eigentlich eher ein Buch oder vielleicht eine Doku sein.“ Wissenspodcasts haben es in der Branche oftmals nicht leicht. Werde mit Freude und mit begeisterten Stimmen erzählt, herrsche schnell Kritik, dass es an Seriosität fehle, „weil alles Wissenschaftliche muss möglichst monoton und unemotional sein.“ Lorenz-Bokelberg, steht diesem Denken kritisch gegenüber und wünscht sich für die Zukunft mehr von dieser anderen Art der Wissensvermittlung.
Aber auch die unterstützende Wissensvermittlung mit Podcasts in Bildungseinrichtungen sieht Lorenz-Bokelberg in der Zukunft als eine abwechslungsreiche und spannende Möglichkeit. Damit können Thematiken für Schüler*innen anders aufbereitet und unterstützend angeboten werden. „Ich glaube wirklich, dass man damit auflockern, aber auch helfen kann, sich Sachen zu merken“, so die Produzentin. Bekanntermaßen: Manches gehört eben gehört.
LISA MAYRINGER


