Zwischen Social-Media-Clips, Spotify-Algorithmen und dem Echo aus der Vergangenheit, die Musikkritik hat sich verändert – so viel ist sicher. Aber wie radikal ist dieser Wandel wirklich? Und was bedeutet er für jene, die noch immer glauben, dass ein Song mehr sein kann als der Soundtrack zum Scrollen? In Gesprächen mit drei unterschiedlichen Köpfen der Musikbranche – der Musikjournalistin Johanna Kropfitsch, unter anderem für DIFFUS und The Circle Mag tätig, Gerhard Stöger, Leiter der Kultur- und Programmbeilage FALTER: Woche und Heinrich Deisl, Leiter des Bereichs Kunst und Kultur bei CR 94,4 und Redakteur für Ö1 – entsteht ein facettenreiches Bild einer Branche, die sich im Umbruch befindet.
TEXT: NIKOLAUS SITAR | FOTO: NIKOLAUS SITAR
Musikjournalismus war einst ein Gatekeeper: Zugang, Deutung und Bewertung musikalischer Werke lagen in den Händen weniger Brancheninsider. Namen wie Marcus Greil oder Jon Landau galten als Instanzen, Zeitschriften wie Rolling Stone, das deutsche Spex oder selbstgemachte Fanzines als Fenster zur Welt der Musik. Sebastian Zabel, der Chefredakteur des deutschen Rolling Stone-Magazins, spricht beispielsweise in einem Podcast darüber, dass Künstler*innen sich früher kein eigenes Forum schaffen konnten. Das Gegenmittel? Der Musikjournalismus!
Kampf um die Deutungshoheit im digitalen Zeitalter
Heute ist die Kritik vielerorts selbst zur kommentierten Ware geworden – zerlegt, gefiltert und algorithmisch ausgewählt. „Früher musste man der Pop-Musik entgegengehen – heute muss man von ihr davonlaufen, um nicht von ihr erschlagen zu werden. Musikjournalismus war das Bindeglied zwischen Künstler und Fan – heute ist diese Vermittlungsrolle obsolet“, so Heinrich Deisl.
Die Ballfeuerwerke der Streaming-Dienste und sozialer Plattformen haben in vielerlei Formen zu Brüchen in unserem Konsumverhalten geführt. Gerade für unbekanntere Künstler*innen bieten Instagram, TikTok & Co jedoch Chancen, um ihre Musik an potenzielle Rezipient*innen zu vermitteln. Gleichzeitig besteht auch Gefahr, in der mit der Digitalisierung einhergehenden Informationsflut unterzugehen. Deisl beschreibt diesen Umstand wie folgt: „Spätestens seit der Einführung von MP3 ist jeder Versuch, den Markt zu überblicken, zum Scheitern verurteilt.“ Das Gegenmittel? Musikjournalist*innen? Musikkritiker*innen? Influencer*innen? Oder doch die Stimmen aus der Kommentarspalte?
Wenn alle alles sagen können
Anders formuliert – wer darf und soll über Musik sprechen? Wenn wir beispielsweise den Musikjournalismus mit Politberichterstattung vergleichen, wünschen wir uns doch auch einen Artikel mit qualitativer Substanz … oder? Wir wünschen uns doch auch, dass der Leitartikel über die aktuellen Geschehnisse im Gazastreifen von jemandem mit der entsprechenden Expertise geschrieben wurde … oder? Die Antithese dazu findet man allerdings recht schnell in Form eines kurzen Blicks auf die Kommentarspalten der hiesigen Zeitungen oder dem eigenen Social-Media-Feed. Hier verschenken wir nur allzu gerne unsere Aufmerksamkeit an Meinungen, die auf unfundierten Informationen basieren – ganz besonders, wenn es um komplexe politische oder kulturelle Themen geht. Der deutsche Comedian Dominik Kuhn vertritt zu dieser Problematik eine klare Meinung: „Der Mensch hat auf einmal ein Gerät, mit dem er jeden Hirnfurz ungefragt loswerden kann.“ Diese Entwicklung mag auf den ersten Blick demokratisch wirken – und ist es in gewisser Weise auch. Doch Demokratie ohne Diskursqualität ist nur die halbe Miete. Wenn alle alles sagen können, ohne dass es einer kritischen Einordnung bedarf, verliert das Wort an Wert. Genau an diesem Punkt wird deutlich, warum fundierter Musikjournalismus mehr ist als bloße Meinungsäußerung: Er vermittelt, kontextualisiert, analysiert – und stellt die richtigen Fragen, bevor er sich zu einer Antwort hinreißen lässt. Gerhard Stöger bringt es auf den Punkt: „Musikkritik ist mehr als nur zu sagen: ‚Das rockt‘. Sie sollte ein ordnen – im besten Fall sogar die Welt erklären.“
Trotz all der Kritik bietet diese Form der „Demokratisierung“ aber auch eines: Die Möglichkeit zum Diskurs. Plattformen wie TikTok sind nicht nur Promotionskanäle, sondern auch Rechercheinstrumente, wie Johanna Kropfitsch betont: „Was wird diskutiert? Was regt die Leute auf? Algorithmen fördern kontroverse Themen – der Journalismus muss darauf reagieren!“ Wer in wenigen Sekunden Aufmerksamkeit erregen will, muss den Kern treffen – pointiert, verständlich, emotional. Oder wie Kropfitsch es ausdrückt: „TikTok ist nicht nur Musik – es ist Meinung, Diskurs und Emotion. Und das in 30 Sekunden.“
Kritik als Ware im Klicktakt
Ein zentrales Problem in Verbindung mit dieser digitalen Dynamik, das sich durch alle Gespräche zieht, ist der miteinhergehende ökonomische Druck. Wer über Musik schreibt, tut das heute meist unter Zeitdruck, mit prekären Hono raren und das im ständigen Wettlauf mit der Echtzeitkommunikation sozialer Medien. Musikkritik wird beschleunigt, verdichtet, algorithmisiert. Gerhard Stöger nimmt ein Taylor Swift-Album als prägnantes Beispiel: „Wenn ein neues Album um 9 Uhr morgens erscheint, kann man sich sicher sein, dass um 10 nach 9 das Internet bereits mit Rezensionen überschwemmt wird.“ Was früher ein wochen- oder monatelanger Prozess war, wird heute zum „Speedwriting“ im Dienst der kollektiven Erwartungshaltung. Substanz bleibt dabei oft auf der Strecke. Diese Eile hat Folgen: „Man muss so tun, als könnte man es [das Album] nach halbem Hören beurteilen“, so Stöger – und verweist damit auf ein Tempo, das mittlerweile vielerorts zum Maßstab geworden ist. Klassische Musikkritik sei, so seine Diagnose, ein Opfer der digitalen Dringlichkeitslogik geworden – und werde zunehmend ersetzt durch das schnelle Urteil des Publikums.
Und dennoch: Musikjournalismus war und ist ein Ort für politische Intervention. Ob durch Rage against the Machine, Ton Steine Scherben oder Pussy Riot – Popkultur fungiert als Möglichkeitsraum für alternative Lebensentwürfe. „Ich habe nicht durch Bücher über Feminismus gelernt, sondern durch Riot Girl-Platten“, so Stöger. Auch heute noch kann Kritik Identitätspolitik fruchtbar machen. Johanna Kropfitsch etwa verweist zum Beispiel auf TikTok-Formate, die gesellschaftliche Kontexte in Songtexten analysieren. Doch es bleibt die Frage: Wie viel gesellschaftspolitisches Gewicht kann ein 30-Se kunden-Clip wirklich tragen? Zwischen Emotion, Haltung und Reichweite wird deutlich: Die Plattform verändert zwar die Form, aber nicht zwangsläufig das Anliegen.
Der Feed als Bühne
Apropos TikTok: Die sozialen Medien sind für Künstler*innen als Vermarktungstool nicht mehr wegzudenken. „Der Komponist von morgen ist ein Medienmanager“, sagt Deisl. Content-Creation wird zur Eintrittskarte in die Sichtbarkeit, Kunst zur Währung im Aufmerksamkeitskapitalismus. „Es ist fast ein Full-Time-Job“, sagt Johanna Kropfitsch und verweist damit auf den crossmedialen Spagat, den Künstler*innen heute zwischen Plattformen, Formaten und Ziel gruppen leisten müssen. Ein Phänomen, das an die Worte von Daniel Ek, CEO von Spotify erinnert, der einmal meinte, Musiker*innen müssten heute eben „mehr Output liefern“ – ein Satz, der nicht nur kulturpessimistisch stimmt, sondern auch entlarvend ökonomisch ist. Deisl fasst das Dilemma mit den Worten „Musik ist zum Begleitmedium geworden“ zusammen.
Kritik als Echo der Gegenwart
Vielleicht muss die Zukunft der Musikkritik weder nostalgisch-heroisch noch apokalyptisch sein. Vielleicht muss Kritik sich nicht zwischen Clickbait und Kulturanalyse entscheiden, sondern beide Ebenen bespielen. Vielleicht liegt ihre Zukunft in der Vielfalt der Formate: Kurzclips mit Haltung, Podcasts mit Kontext, Essays mit Substanz. Gerhard Stöger bleibt optimistisch: „The Kids Are Alright – das hat in der Popkultur lange gegolten. Vielleicht stimmt’s ja immer noch.“ Denn letztlich bleibt eben diese Popkultur ein Raum der Möglichkeit – ein Spiegel gesellschaftlicher Kämpfe, Sehnsüchte und Utopien. Ob auf 500 Zeichen oder 30.000, als TikTok-Content oder Essay: Die Frage ist nicht, ob Musikkritik überlebt, sondern in welcher Form sie relevant bleibt. Entscheidend ist, dass Kritik wieder mehr wagt. Denn das größte Risiko ist nicht das Fehlurteil, sondern das Schwei gen. Oder wie Johanna Kropfitsch abschließend festhält: „Man darf nicht aufhören, Haltung zu zeigen.“
NIKOLAUS SITAR



