Schnee von gestern? Wie der Klimawandel den Wintersport und die Medienberichterstattung ins Schwitzen bringt

Über die mediale Präsenz von Sportarten, die in Anbetracht der Klimakrise immer unverantwortbarer werden. Ein Gespräch mit Gletscher- und Klimaforscher Georg Kaser und ORF Sport-Chefregisseur Michael Kögler.

von ANNA-MARIA GFRERER

Jänner 2023, Bad Leonfelden in der Nähe von Linz. Das Familienskigebiet Sternstein stellt seinen Betrieb für diese Saison ein. Grund dafür sind die warmen Temperaturen und der damit ausbleibende Schnee. Ein Problem, mit dem zu dieser Zeit fast ganz Österreich kämpft. Nicht nur alle namhaften Tageszeitungen in Österreich thematisieren dieses Problem, auch die großen Printmedien „Republica“ in Italien und „LeMonde“ in Frankreich berichten von ähnlichen Zuständen in ihren Ländern. Der Klimawandel scheint nun doch vermehrt den Wintersport in die Bredouille zu bringen. Diese Umstände scheinen dem Skizirkus jedoch keinen Abbruch zu tun. Dort werden unter enormen Wasser- und Energieaufwand weiße Schneebänder in die grüne Landschaft gelegt. Der Wettstreit um die Kristallkugeln wird mit Euphorie in alle Wohnzimmer Österreichs übertragen und die Einschaltquoten explodieren (wie immer).

Es erweckt den Anschein, als würde man einen Sport, der in Anbetracht der Klimakrise nicht mehr rechtfertigbar ist, künstlich am Leben erhalten. Wie steht es also um die Zukunft des Skisports? Und ist es noch vertretbar, dass Medien aktiv zu diesem immer ressourcenintensiveren Spektakel beitragen und sogar davon profitieren?

Die DNA der österreichischen Bevölkerung

Der Klimawandel stellt den Skizirkus, wie wir ihn bisher kennen, vor eine prekäre Situation. Der Wintersport gehört in einer gewissen Weise zur DNA der Österreicher:innen. Sportarten wie Skifahren, Skispringen, Biathlon und viele mehr sind gemessen am Publikumsinteresse die stärksten Sportübertragungen im Programm des ORF. Dabei dominieren Skiveranstaltungen das Ranking der quotenstärksten Sendungen im Jahr. Das Night Race in Schladming begeistert beispielsweise jährlich zwischen 1,7 und 1,9 Millionen Zuschauer, berichtet Sport-Chefregisseur Michael Kögler. Verglichen mit anderen Ländern sei das Interesse der österreichischen Bevölkerung in diesem Bereich immens. Der alpine Wintersport stellt neben Fußball und Formel 1 eines der Kernprodukte der Sportredaktion dar.

Kein Skisport ohne Schnee

„In meiner Jugend hat es den Klimawandel noch nicht gegeben. Nicht weil niemand darüber geredet hat, sondern weil er in den 60er Jahren noch nicht stattgefunden hatte. Es gab zwar so kurzzeitige Schwankungen im Klima, aber nicht den Wandel, den wir Menschen verursachen,“ erzählt Georg Kaser, der seit Jahrzehnten in der Gletscher- und Klimaforschung tätig ist. Erst Ende der 80er Jahre seien messtechnisch die ersten Anzeichen sichtbar geworden. Mittlerweile sei der Klimawandel omnipräsent und zwar nicht als neuer Zustand, sondern als bedenklicher Anstieg in Richtung äußerst problematischer Erderwärmungswerte. „Fast täglich kann man von neuen Naturkatastrophen rund um die Welt lesen, über manche schreiben die Medien schon gar nicht mehr. Waldbrände, Dürreperioden, schwere Niederschläge, Stürme und im Hintergrund vor allem der Meeresspiegelanstieg. Wir sind nicht nur mitten in diesem Wandel, sondern dieser Wandel hat mittlerweile einen Krisenstatus erreicht,“ so Kaser. Durch die tendenziell konstant ansteigenden Temperaturwerte werde die Nullgrad-Grenze im Herbst später erreicht und im Frühling früher überschritten. Daraus resultiere, dass der Schnee in niedrigen Lagen und zum Winter hin immer später kommt und zum Frühling hinaus immer früher zurückgeht.

Die schwarze Seite des weißen Geschäfts

Auch heuer startete der Skiweltcup Ende Oktober in Sölden. Kögler zufolge begann der Skizirkus ursprünglich erst Anfang Dezember im französischen Val-d’Isère. Dieses Wettkampfwochenende blieb bis heute terminlich unverändert, jedoch wurden in der Zwischenzeit zahlreiche Stationen, wie Levi, Sölden oder Beaver Creek davor in den Kalender aufgenommen. Kaser führt dies auf die Kommerzialisierung des Skisports zurück, denn aus marktwirtschaftlicher Perspektive sei es von Interesse, auf die neuesten Sportartikel noch vor Weihnachten aufmerksam zu machen.
Laut Kögler wiederum konkurriert der Wintersport in der Medienpräsenz mit anderen populär Sportarten wie Formel 1 und Fußball. Deren Wettkampfkalender dehnen sich kontinuierlich immer weiter über das Jahr aus, wodurch die Bühne des Wintersports gefährdet werde. Seiner Meinung nach ist die laute öffentliche Kritik am frühen Start des Skiweltcups, wie er auch heuer wieder Schlagzeilen machte, nicht ganz gerechtfertigt. Geht es nach Georg Kaser, ist die Diskussion rund um die Klimafolgen des Skisports sehr emotional aufgeladen. Es werde nicht rational, sondern emotional diskutiert und dabei auf die eigentlichen Probleme vergessen. So ziehen vor allem die oft kritisierten künstlichen Beschneiungstechniken einen hohen Energie- als auch Wasserverbrauch nach sich. Auch der Betrieb von Liftanlagen trägt einen erheblichen Teil zum CO2-Fußabdruck bei. Viel ausschlaggebender ist jedoch der mit dem Wintersport einhergehende Individualverkehr, wo Unmengen an CO2 ausgestoßen werden.

Wintersport 2.0

Laut Kaser werde es in Zukunft durchaus einzelne schöne Winter geben, aber im Großen und Ganzen werde sich der Winter auf eine Kernzeit – von Ende Dezember bis Ende Februar beziehungsweise Anfang März – und auf immer höhere Lagen beschränken. Bemühungen, den Wintersport nachhaltig zu transformieren, werden deshalb bereits unternommen. Viele Skigebietsbetreiber haben ihr eigenes Kleinkraftwerk und gewinnen daraus den Strom für die lokale Beschneiung. Auch beim Betrieb von Pistengeräten wird bereits vermehrt auf alternative Antriebe wie Wasserstoff oder Biodiesel gesetzt. Um jedoch eine maßgebende Trendwende zu erreichen, ist die weitere Implementierung nachhaltiger Innovationen notwendig. Weitere Möglichkeiten: Der Start der Skisaison soll zumindest einen Monat später angesetzt werden und auch eine Reduktion der Skirennen wäre überlegenswert. Michael Kögler zufolge macht es relativ wenig Sinn, dass der Skizirkus zweimal in der Saison von Europa nach Amerika wechselt.

Der Skiweltcup selbst bemüht sich bereits, nachhaltiger zu arbeiten. So sei die Nachhaltigkeit bei den Produktionen in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die Anreise erfolgt größtenteils mit Elektroautos, der Bahn oder auch in Gruppen. Auch der ORF habe schon seine gesamte Autoflotte auf Elektro umgestellt und es werde bei jeder Produktion auf „Green Producing“ geachtet. „Es gibt überall Vorbilder, die versuchen, die Prozesse nachhaltiger zu gestalten und zu verbessern. Das muss auch unser aller gemeinsames Ziel sein, um den Planeten zu schützen und diesen weiterhin lebenswert zu erhalten,“ so Kögler. „Dass da ein CO2-Fußabdruck anfällt, steht außer Zweifel, denn der ist einfach da, das bringen solche Events mit sich. Aber da wird schon sehr viel reduziert im Vergleich zu vor zehn Jahren,“ stellt der ORF-Chefregisseur fest.

Klima- und Gletscherforscher Georg Kaser ist dennoch überzeugt: „Die eskalierende Klimakrise wird höchstwahrscheinlich das Ende des Skisports in seiner derzeitigen Form bedeuten. Aber jeder kann und muss etwas tun. Pessimismus ist kontraproduktiv, unreflektierter Optimismus genauso.“ Die ganze Erde sei unser Lebensraum und wir müssten darauf achten, was uns dieser vorgibt. „Natürlich werden wir dann als Gesellschaft auf vieles verzichten müssen, aber es sollte unser gemeinsames Ziel sein, unseren Planeten zu schützen.“

Anna-Maria Gfrerer | Copyright: Julius Nagel