Ob fesselnde Erzählungen oder echte Wissensvermittlung – True Crime-Formate boomen. Doch bieten sie wirklich fundierte Einblicke in Kriminalität und Justiz oder bedienen sie vor allem Sensationslust? SUMO spricht mit der Juristin Lena Vogl und dem True-Crime Podcaster Hubertus Schwarz von True Crime Austria über die Verantwortung hinter solchen Produktionen.
TEXT: LEONIE TÜRK | FOTO: MAGDALENA LUEGER
True Crime ist nicht nur ein aktueller Medien-Hype, sondern ein bewährtes Genre mit langjähriger Geschichte in den Medien: Gerichtsdarstellungen, Verbrechensreportagen oder Formate wie der Aktenzeichen XY zeigen, dass Verbrechen schon immer mediale Faszination ausgelöst haben. Medienpsycholog*innen er klären diese Anziehungskraft mit dem Konzept des emotionalen „Arousals“ – der Erregung durch dramatische Inhalte. Reiz und Rührung gehen dabei oft Hand in Hand.
Auch die Erzählweise spielt eine große Rolle: Die aktuell so beliebten Podcasts beginnen mit einem dramatischen Einstieg, folgen Rückblenden, Interviews mit Beteiligten, Perspektivenwechsel und persönliche Einschätzungen. True Crime ist kein neues Phänomen – das zeigt nicht zuletzt der anhaltende Erfolg des Dauerbrenners Tatort. Die Gemeinschaftsproduktion von ARD, ORF und SRG wurde bereits 1970 gestartet und ist heute nicht nur eine der lang lebigsten Krimiformate Europas, sondern auch ein Stück deutschsprachiger Fernseh- und Gesellschaftsgeschichte. Auch Gerichtsreportagen in Print- und Onlineformaten haben ihre Wurzeln in medial inszenierten Reality-TV-Formaten der 1990er Jahre. Die Kombination aus realen Fällen und inszenierter Dramaturgie trug wesentlich dazu bei, das Thema Kriminalität in den Mainstream zu bringen – zuerst im Fernsehen, später in Podcasts und Streaming-Dokus. Laut Statista gab es allein im deutschsprachigen Raum 2023 über 200 aktive True-Crime-Podcasts. Zu den erfolgreichsten zählen Zeit Verbrechen, Mordlust, Darf’s ein bisserl Mord sein?, Verbrechen von nebenan und Weird Crimes, die regelmäßig in den Top 10 auf Spotify und Apple Podcasts vertreten sind. Diese Platzierungen zeigen, wie stark das Genre in der Podcastlandschaft verankert ist.
Viele True-Crime-Formate nutzen dabei dramaturgische Mittel, um Spannung zu erzeugen. Das kann dazu führen, dass komplexe Ermittlungsprozesse vereinfacht oder verfälscht dargestellt werden. Juristische und gesellschaftliche Hintergründe bleiben dabei oft unberücksichtigt.
Journalistische Verantwortung zwischen Aufklärung und Sensation
Die Grenze zwischen journalistischer Berichterstattung und reiner Unterhaltung ist oft fließend. Hubertus Schwarz vom Podcast True Crime Austria betont im Gespräch mit SUMO die Bedeutung von fundierter Recherche und juristischen Quellen: „Gerichtsunterlagen sind für uns – wenn wir sie bekommen und einsehen dürfen – die wertvollste Quelle.“ Zusätzlich würden auch Interviews mit Anwält*innen oder Betroffenen geführt – je nach Falllage und öffentlicher Präsenz der Beteiligten. Besonders bei historischen Fällen sei eine kritische Einordnung wichtig: „Man muss aufpassen, wie man diese Sachen auslegt – etwa im Umgang mit früheren gesellschaftlichen Normen.“ Als Beispiel nennt Schwarz sogenannte „Haus-tyrannen-Morde“, bei denen Frauen über Jahre hinweg in der Ehe misshandelt wurden und sich schließlich durch Tötung des Partners befreien.
Was den Zugang zu Informationen betrifft, kritisiert Schwarz die rechtlichen Hürden in Österreich: „In Deutschland gibt es die Auskunftspflicht der Behörde, die gibt es so in Österreich nicht. Das macht den Zugang zu Informationen extrem schwierig.“
Beim Aufbau einer Folge arbeiten Schwarz und seine Partnerin Katharina Börries mit umfangreichen Recherchedokumenten, geskriptetem Text und einem dreiteiligen Auf bau: Fallbeschreibung, gesellschaftliche Einordnung und ein Meinungsteil am Ende. „Wir sprechen selten frei – damit nichts falsch wiedergegeben oder unbeabsichtigt preisgegeben wird.“ Die Wahl der Fälle erfolgt nach journalistischer Relevanz, verfügbarer Quellenlage und ethischer Einschätzung: „Wir machen nichts, wo wir nicht genug Quellmaterial finden – oder wo wir nichts an Mehrwert bieten können.“
Stilistisch legt True Crime Austria großen Wert auf Seriosität: „Uns ist wichtig, dass wir diese journalistische Distanz auch haben.“ Dennoch bleibe Storytelling ein wichtiges Mittel, um das Publikum zu binden. „Es muss eine gute Mischung ergeben – zwischen Information und Unterhaltung.“
Schwarz sieht ihren Podcast als journalistische Ergänzung zur bestehenden Medienlandschaft: „Wir versuchen, ergänzend zu sein – für Menschen, die tiefer eintauchen wollen als in die oberflächliche Schlagzeile.“ Besonders wichtig sei dabei auch der Umgang mit der Verantwortung: „Wir verhandeln das in jeder Folge neu. Nicht jeder Fall ist gleich – und man muss aufpassen, keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen.“
Dennoch zeigt sich: Viele Formate setzen auf Spannung und Dramaturgie, die tatsächliche Ermittlungsarbeit jedoch oft verzerrt.
Fehlwahrnehmungen durch populäre True Crime-Formate
Diese Gefahr ortet auch Juristin Lena Vogl und betont im Gespräch deshalb die Bedeutung der Persönlichkeitsrechte: „Man kann nicht immer mit Klarnamen arbeiten. Es kommt auf die Tat an und wie weit sie schon medial vertreten ist.“ Besonders bei laufenden Verfahren sei Vorsicht geboten. Laut Vogel könnten durch detaillierte öffentliche Darstellungen Aussagen von Zeug*innen beeinflusst werden: „Wenn ein Verfahren über mehrere Tage geht, besteht die Gefahr, dass Zeug*innen über Podcasts oder Live-Ticker Aussagen anderer mitbekommen und ihre eigene Erinnerung unbewusst anpassen.“
Auch die ethische Komponente sieht sie kritisch: „Die Frage ist, ob das Leid von anderen zur Unterhaltung dienen sollte – was es offensichtlich tut.“ Die Grenze zwischen Aufklärung und Sensation sei dabei oft schwer zu ziehen. Podcasts könnten leicht eine einseitige Sichtweise fördern: „Man bildet sich sehr schnell eine Meinung über Fälle, über die man eigentlich kaum etwas weiß – außer dem, was ein Podcast erzählt.“ Das Publikum neige dazu, die dargestellten Informationen für Tatsachen zu halten. Auch wenn Unterhaltung legitim sei, müsse man kritisch hinterfragen, ob damit nicht unbeabsichtigt öffentliche Meinung beeinflusst wird – auch bei Richter*innen.
Sie verweist auch auf den Unterschied zwischen amerikanischen Produktionen und österreichischem Medienrecht: „In amerikanischen Dokus werden Täter*innen oft mit voll ständigem Namen und persönlichen Details genannt. Bei uns wäre das aus rechtlichen Gründen nicht möglich.“ Gerade bei jungen Täter*innen oder Opfern fordert sie mehr Zurückhaltung: „Man muss sich fragen, ob es nötig ist, jede Tat bis ins intime Detail auszuschlachten – besonders wenn es sich um Minderjährige handelt.“
Auch medienrechtlich gebe es klare Grenzen: „Podcaster*innen müssen sich bewusst sein, dass sie unter das österreichische Medienrecht fallen. Bei Persönlichkeitsrechtsverletzungen drohen Unterlassungsklagen oder sogar strafrechtliche Folgen.“ Selbst wenn Inhalte formal korrekt seien, sei ein sensibler Umgang gefragt: „Nicht alles, was man sagen darf, sollte man auch sagen.“
Was die Verantwortung der Produzent*innen betrifft, macht sie klar: „Wer solche Inhalte erstellt, trägt die Gesamtverantwortung – auch rechtlich. Die Frage ist, wie objektiv berichtet wird und ob man grausame Details wirklich braucht.“ Besonders problematisch sei die Romantisierung von Verbrechern oder die Mystifizierung von Gewalt.
Zwischen Wissensvermittlung und Voyeurismus
True Crime kann informieren, aufklären und sensibilisieren – doch es kommt auf die Umsetzung an. Formate, die seriöse Recherche betreiben und multiple Perspektiven berücksichtigen, leisten einen wertvollen Beitrag zur Kriminalitätsaufklärung. Reine Sensationsformate hingegen verstärken Klischees und tragen zur Fehlwahrnehmung von Verbrechen bei. Dabei ist die Faszination für das Thema nichts Neues: Schon in den Anfängen des Journalismus, als Drucker in Flugblättern über Skandale, Gewalt und Schicksalsschläge berichteten, war das Verbrechen zentraler Inhalt. Diese Geschichten sorgten damals wie heute für Aufmerksamkeit. Medienmacher*innen sollten sich deshalb bewusst sein: Die Grenze zwischen Information und Inszenierung ist schmal – und Verantwortung kein Nebenaspekt.
LEONIE TÜRK

