Immer mehr Menschen lernen handwerkliche Fähigkeiten durch DIY-Tutorials auf YouTube und TikTok.
Doch wie zuverlässig sind diese Anleitungen? Können sie eine professionelle Ausbildung ersetzen oder bleiben sie nur eine Ergänzung? Mark Molter (M1Molter) ist Influencer und einer der bekanntesten Heimwerker auf YouTube. Gemeinsam mit dem gelernten Elektriker Martin Rapolt erklärt er, wo die Grenzen des Selbermachens liegen.
TEXT: SARA LEUTGEB | FOTO: SARA LEUTGEB
Die Beliebtheit von DIY-Tutorials ist nicht überraschend: Sie sind kostenlos, jederzeit abrufbar und vermitteln das Gefühl, Dinge selbst in die Hand nehmen zu können. Gerade in Zeiten steigender Handwerkerkosten sehen viele darin eine günstige Alternative. Influencer*innen wie Mark Molter (M1Molter) haben sich auf YouTube eine große Fangemeinde aufgebaut, indem sie ihr Wissen leicht verständlich weitergeben. Doch wie steht es um die Qualität dieser Anleitungen? Was unter scheidet gute DIY-Tutorials von solchen, die möglicherweise gefährlich sind?
„Wenn es richtig werden soll, dann mach es selbst“
Mark Molter, bekannt unter dem Namen M1Molter – Der Heimwerker, zählt zu den bekanntesten Heimwerker-Influencern im deutschsprachigen Raum. Sein YouTube-Kanal verzeichnet rund 299.000 Abonnent*innen und bietet über 1.200 Videos zu Themen wie Elektroinstallationen, Photovoltaik, Sanitär, Werkzeugtests und Reparaturen. Mit seinem Motto „Wenn es richtig werden soll, dann mach es selbst“ motiviert er seine Community zum Selbermachen. In einem Gespräch mit SUMO erklärt er, wie er dazu kam, sein Wissen zu teilen: „Ich war schon immer handwerklich aktiv und habe früher selbst Anleitungen im Netz gesucht, meist waren es nur lange Textbeiträge. Also habe ich selbst Videos gemacht und hochgeladen.“
Molter, der den Beruf des Metallbauers und Kunstschmieds gelernt hat, spricht mit Leidenschaft über das Handwerk und betont, wie wichtig es ihm ist, dieses Wissen weiterzugeben: „Ich wollte den Leuten etwas Praktisches beibringen. Gerade in einer Zeit, in der alles digitalisiert wird, war mir klar, dass ein Video mehr bringen kann als ein trockener Text.“ Molter hat jedoch auch klare Grenzen für DIY-Videos: „Wenn ich etwas selbst mache, dann weiß ich, dass ich es für mich mache, mit Sorgfalt. Viele Handwerksfirmen stehen unter Zeitdruck und arbeiten nicht mehr sauber. Wer sich für sein eigenes Projekt Zeit nimmt, macht es oft gründlicher.“ Doch trotz dieser positiven Perspektive warnt er davor, dass DIY-Tutorials in manchen Fällen zu einer falschen Sicherheit führen können: „Wenn du etwas machen willst, bei dem du mit Elektrik oder Gasanschlüssen arbeitest, dann lass es lieber vom Profi machen.“
Für Molter sind seine Tutorials keine Konkurrenz zum Handwerk, sondern eine Ergänzung: „Wenn Laien einfache Arbeiten selbst übernehmen, entlastet das die Handwerker*innen – die könnten sich dann wieder auf komplexere Aufträge konzentrieren.“ Tatsächlich gibt es bereits Kooperationen zwischen Molter und Handwerksbetrieben: „Einige Firmen verwenden meine Videos sogar in Schulungen.“ Molter betont jedoch, dass das Hauptziel seiner Videos immer die Ermutigung zum Selbermachen ist: „Es geht darum, das Vertrauen zu schaffen, dass auch jemand ohne handwerkliche Ausbildung etwas selbst erledigen kann.“
Die Schattenseiten des Selbstversuchs – Perspektive eines Elektrikers
Während einfache Arbeiten wie das Streichen einer Wand oder das Zusammenbauen von Möbeln problemlos nach Anleitung machbar sind, sieht es bei Elektroinstallationen oder Sanitärarbeiten anders aus. Fehlerhafte Verkabelungen oder unsachgemäße Montagen können gefährlich und teuer werden. Der gelernte Elektriker Martin Rapolt sieht diesen Trend kritisch: „Wenn man sich ein bisschen etwas anschaut, ist das grundsätzlich positiv – doch Elektrotechnik ist gefährlich. Die Risiken lernt man nicht auf YouTube.“ Rapolt arbeitet seit 37 Jahren im Beruf, davon 25 Jahre selbst ständig. In seiner Laufbahn hat er viele Beispiele gesehen, in denen DIY-Versuche schiefgelaufen sind: „Gerade bei Photovoltaikanlagen oder Wallboxen braucht es viel Fachwissen – von Vorschriften bis Sicherheitsvorkehrungen. Wer das nicht gelernt hat, macht Fehler. Und dann ahmen es tausende andere nach.“ Rapolt berichtet von Fällen, bei denen unsachgemäße Verkabelung zu brennenden Häusern oder schweren Stromschlägen geführt hat. „Das ist keine Kleinigkeit“, erklärt er mit Nachdruck.
Er sieht in DIY-Tutorials ein großes Risiko, vor allem wenn diese ohne kritische Reflexion oder Hinweisschilder zum Sicherheitsaspekt veröffentlicht werden: „Ich habe auch schon Videos gesehen, in denen Leute ihre Projekte unter extrem gefährlichen Bedingungen filmen und sagen: ‚Das ist ganz einfach!‘ Aber viele unterschätzen, wie schnell man sich selbst und andere in Gefahr bringt.“
Rapolt ist der Meinung, dass solche Tutorials bestenfalls als Einstieg dienen, jedoch niemals den Besuch einer Fachschule oder die Ausbildung zum*r Handwerker*in ersetzen können. „Vielleicht helfen sie, das Interesse zu wecken. Aber sie sind keine Alternative zur fachgerechten Umsetzung nach Norm.“ Für ihn ist es wichtig, dass Fachleute wie er weiterhin die Kontrolle über sicherheitskritische Bereiche behalten.
Der Trend zum „Do It Yourself“ – Eine neue Form der Ausbildung?
Ein Blick auf die Entstehung und Entwicklung von DIY- Tutorials zeigt, dass diese mehr sind als nur eine Modeerscheinung. Vor allem durch Plattformen wie YouTube und TikTok hat sich eine DIY-Kultur entwickelt, die vielen Menschen einen niedrigschwelligen Zugang zu handwerklichem Wissen bietet.
Laut einer Statista-Erhebung aus dem Jahr 2018 folgen 30 % der Nutzer*innen in Deutschland Influencer*innen aus dem Bereich „Hobby & DIY“. Damit liegt dieses Genre hinter Bereichen wie „Essen & Trinken“ (43 %) oder „Sport & Gesundheit“ (33 %) – aber deutlich vor z. B. „Kunst & Kultur“ (19 %).
Auch die allgemeine Begeisterung für Heimwerken bleibt stabil: 2024 zeigen rund 35,5 Millionen Menschen in Deutschland zumindest mäßiges Interesse an DIY-Themen, etwa 11,4 Millionen davon gelten als besonders interessiert. Der Umsatz im klassischen DIY-Markt hat sich parallel dazu auf über 50 Milliarden Euro erhöht und verzeichnete 2023 mit 53,2 Milliarden Euro ein neues Allzeithoch.
Trotz dieses wachsenden Interesses an handwerklichem Tun bleibt die Zahl junger Menschen, die tatsächlich eine handwerkliche Ausbildung beginnen, rückläufig. DIY-Tutorials auf Social Media können also berufliche Orientierung bieten oder praktische Lücken füllen – sie ersetzen aber keine fundierte Ausbildung und vermitteln meist nur Teilaspekte handwerklicher Praxis.
„Ich bin der Meinung, dass DIY-Tutorials eine wichtige Ergänzung zur klassischen Ausbildung darstellen“, erklärt Molter. „Es ist ein zusätzliches Wissen, das man erwerben kann, ohne sofort in eine lange Ausbildung zu gehen.“ Gerade für jüngere Generationen, die nach flexiblen Lösungen suchen, könnten DIY-Tutorials eine wertvolle Möglichkeit sein, um praktische Fähigkeiten zu erlernen, die sie im Alltag und in ihrer Freizeit anwenden können. „Aber“, fügt Molter hinzu, „es muss jedem klar sein, dass komplexe Aufgaben wie Elektroinstallation oder Gasleitungen den Fachleuten überlassen werden müssen.“
Zwischen Tutorial und Tradition
DIY-Tutorials sind mehr als bloße Reparaturhilfen. Sie sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels hin zu mehr Eigenverantwortung und digitalem Lernen. Doch ihre Grenzen liegen dort, wo es auf Präzision, Sicherheit und jahrelange Erfahrung ankommt.
Die Zukunft liegt womöglich nicht in der Frage „Profi oder DIY?“, sondern im Zusammenspiel beider Welten. Wenn Fachkräfte und digitale Akteur*innen sich nicht als Konkurrent*innen, sondern als komplementäre Kräfte begreifen, kann daraus ein neues Verständnis von handwerklicher Bildung entstehen – praxisnah, flexibel und zeitgemäß.
SARA LEUTGEB


