*Datum* Sumomag Redaktion media, media economics

Künstliche Intelligenz boomt – und mit ihr ein Milliardenmarkt, der längst mehr als nur digitale Angebote verkauft. Wo früher menschliche Beziehungen im Vordergrund standen, werden heute Dienste entwickelt, die Nähe simulieren und Einsamkeit in Profit verwandeln.
Künstliche Intelligenz hat sich nach langer wissenschaftlicher Arbeit von einer Fantasievorstellung zu einer der wichtigsten Zukunftstechnologien entwickelt, auf die die wandelnde Wirtschaft immer verstärkter setzt. Sie ist nicht mehr nur eine Gesprächspartnerin, sondern Treiberin einer neuen Ökonomie der Emotionen. Durch die Nachfrage entstehen neue Geschäftsmodelle, in denen KI nicht mehr nur Prozesse optimiert, sondern als emotionales Rückgrat vermarktet wird. Das funktioniert vor allem dort, wo Menschen von Einsamkeit betroffen sind. Wenn man von Einsamkeit spricht, meint man das schmerzhafte Gefühl einer wahrgenommenen Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlich vorhandenen sozialen Beziehungen. Dies schafft die Grundlage für KI-Systeme für eine Simulation von Freundschaft oder gar Beziehung, etwa in Form von Chatbots die zuhören, antworten und Nähe vermitteln. Bei der Untersuchung eines potenziellen Zusammenhangs von KI und Einsamkeit zeigte sich, dass Menschen sich vor allem dann an KI wenden würden, wenn sie Hemmungen haben, emotionale Themen mit realen Gesprächspartner*innen zu besprechen.
Einsamkeit als „Marktlücke“
Einsamkeit wird immer häufiger als kommerzielle Ressource eingesetzt und fungiert somit vermehrt als Basis für KI-Chatbots, die in Abo- oder Premiummodellen personalisierte Kommunikation als Dienstleistung vermarkten. Solche Geschäftsmodelle setzen auf die Zahlungsbereitschaft der Rezipient*innen für individuelle Gespräche, beispielsweise bei Prostitutionsdiensten. So wird aus einem persönlichen Bedürfnis Umsatz generiert. Besonders viel Profit wird dann erzielt, wenn es Unternehmen gelingt, eine langfristige emotionale Abhängigkeit zu schaffen, da diese die Nutzungshäufigkeit sowie die Zahlungsbereitschaft erhöht. Auch das Design dieser KI-Systeme spielt eine wichtige Rolle. Chatbots mit ansprechenden und sympathisch wirkenden Stimmen helfen besser, sich weniger allein zu fühlen. Auch wenn soziale Interaktion mit KI das Einsamkeitsgefühl der Nutzer*innen also lindern kann, entsteht dadurch die Gefahr der Verdrängung von echten zwischenmenschlichen Bindungen. Denn, obwohl Menschen vermehrt zu Einsamkeit neigen, haben sie Angst vor Intimität und Isolation. Im Vergleich zur Komplexität menschlicher Beziehungen wird die Künstliche Intelligenz als verständnisvoll und vorurteilsfrei wahrgenommen.
Ein Beispiel für die Kommerzialisierung dieses Trends ist die Entwicklung einer KI-Halskette, die durch die Aufnahme von Alltagsgesprächen einen künstlichen Begleiter schafft. Anders als bereits existierende KI-Systeme, dient dieses Gerät nicht primär dazu, bestimmte Funktionen zu optimieren. Stattdessen kommuniziert es über Textnachrichten in einer zugehörigen App mit seinen Nutzer*innen, fast wie eine moderne und digitalisierte Version des Tamagotchis. Die Interaktionen beider Technologien beruhen auf einfachen, wiederkehrenden Mustern, die zwar Nähe simulieren, aber keine echte Beziehungskomplexität abbilden. Solche Produkte versprechen alltägliche soziale Interaktion und sollen das Gefühl des Alleinseins verringern.

Aktuelle Lage und zukünftige Entwicklungen: Wo die Industrie schon jetzt auf Einsamkeit setzt
Mittlerweile werden empirische Forschungen durchgeführt, die darstellen welche Altersgruppen KI-Tools am häufigsten verwenden und welche Folgen diese Nutzung auf ihr Wohlbefinden hat. Die Ergebnisse zeigen eine stark zunehmende Nutzung, vor allem bei jüngeren, mit Technik vertrauten Menschen. Durch den Einsatz der KI als alltäglicher Kommunikationspartner kommt die Debatte auf, ob die Chatbots reale Freundschaften ersetzen können, oder doch nur eine Art synthetische Intimität vortäuschen. Außerdem wird die Frage, welche Verantwortung Anbieter für die emotionale Lage ihrer Nutzenden tragen, immer relevanter. Die Europäische Kommission macht inzwischen deutlich, dass es klare Regeln und Leitlinien für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz brauche. Dabei gehe es um Kennzeichnungspflichten, um Schutz vor manipulativen Funktionen und um die Frage, wie der Einsatz sozialer KI-Agenten in sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitswesen oder der Pflege sinnvoll gesteuert werden kann. Solche KI-Systeme können gerade für bestimmte Gruppen, beispielsweise ältere Menschen oder Personen mit eingeschränkter Mobilität, eine wichtige Unterstützung sein. Gleichzeitig besteht jedoch die Sorge, dass dadurch neue Abhängigkeiten entstehen oder bestehende Ungleichheiten, vor allem bezogen auf den Zugang, weiter verstärkt werden.
Die wirtschaftliche Attraktivität des Marktes bleibt dabei ein starker Treiber: Wo Einsamkeit eine große Marktlücke darstellt, werden KI-Angebote weiterwachsen. Denn KI und Einsamkeit beeinflussen sich gegenseitig auf dynamische Weise. Genau dieser Zusammenhang wird zunehmend zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor. KI kann Menschen unterstützen, gleichzeitig entstehen aber neue Abhängigkeiten und Geschäftsmodelle. Der Markt wächst und mit ihm die gesellschaftliche Debatte darüber, wie digitale Nähe die Zukunft menschlicher Beziehungen beeinflussen wird. Was steigt ist die gesellschaftliche Notwendigkeit an Regulierung und Aufklärung über simulierte Nähe.
Über die Autorinnen/Autoren

Helene Thoma ist 20 Jahre alt und studiert im 3. Fachsemester Medienmanagement an der University of Applied Sciences St. Pölten. Sie begeistert sich für die Branche der Sozialen Medien und betreibt verschiedenste Sportarten, wie Akrobatik oder Krafttraining.
Bild: O.C. Ono
Kontaktoption: mm241020@ustp-students.at

Johanna Zuser ist 20 Jahre alt und studiert im 3. Fachsemester Medienmanagement an der University of Applied Sciences St. Pölten. Sie reist gerne alleine oder mit Freundinnen und interessiert sich für neue Kulturen, Landschaften und Menschen.
Bild: Philipp Lechthaler
Kontaktoption: mm241017@ustp-students.at
Tags/Schlagwörter: KI, Einsamkeit, virtuelle Freundschaften, emotionale Abhängigkeit, Technologie
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