Große Leinwand, große Gefühle: Emotionen als Kinotreiber im Netflix-Zeitalter

Obwohl die Zahlen den Anschein machen, dass das Kino als immer unbeliebter angesehen wird, überzeugen Marktanalysen vom Gegenteil. Sie zeigen ein weiterhin breites Interesse an dem Kinoerlebnis, vor allem bei der jüngeren Bevölkerung.

Netflix, Amazon Prime, Disney+, HBO Max, Discovery Plus, Paramount+, RTL+. Das Angebot an Streaming-Diensten wird zunehmend unübersichtlicher. Mit monatlichen Abonnements zwischen 5,99 € und 19,99 € bieten diverse Anbieter die Möglichkeit die Lieblingsfilme und -serien sowie die neuesten Erscheinungen bequem von zuhause aus zu schauen. Kein Aufwand und vor allem im Schnitt weniger Geld, so ein verkürzter Rückschluss. Kein Grund mehr für einen Kinobesuch, so macht es zumindest den Anschein. Die Zahlen erzählen jedoch eine andere Geschichte, nämlich jene, in der sich das Kino als Mediengattung mit Haltung zeigt.

Emotionen als Kern des Kinoerlebnisses  

Insgesamt finden sich die Altersgruppen der 14- bis 49-Jährigen eher in sogenannten Multiplex Kinos, quasi kleinen Erlebnisparks im Vergleich zu Programmkinos wie das Cinema Paradiso. Multiplexe sind in der Regel ausgestattet mit vielen großen Leinwänden, Dolby Atmos Sound und speziellen Formaten, wie beispielsweise IMAX. Neben „gemeinsamer Unternehmung mit Anderen“ wird bei Frauen als häufigster Grund die bessere Technik (Bild, Ton) im Vergleich zu TV oder Online angegeben. Bei Männern ist die bessere Kinotechnik sogar der überzeugendste Faktor für einen Kinobesuch. In einer von den Autoren durchgeführten experimentellen Befragung unter Kinobesuchern wurde ebenfalls neben der gemeinsamen Erfahrung, die technische Ausstattung als Hauptfaktor für den Kinobesuch genannt. Zudem sei die Aufmerksamkeitsspanne der Befragten im Kino höher, da Ablenkungen fehlen und der Film nicht einfach unterbrochen werden könne. Wie hoch der emotionale Faktor Kino sein kann, macht auch ein Blick gen Süden nach Italien deutlich: Singles, die noch bei den Eltern wohnen, suchen dann natürlich andere Orte für Dates – etwa Bars, Parks, Restaurants und eben auch Kinos auf.

Die Zahlen hinter der Leinwand

Der Filmwirtschaftsbericht des Österreichischen Filminstituts erhebt jedes Jahr die wichtigsten Kennzahlen und Analysen rund um den österreichischen Filmmarkt. Der letztveröffentlichte Bericht aus dem aus dem Jahr 2025 umfasst die Datenerhebung des Jahres 2024 und repräsentiert die österreichische Filmbranche. Teil des Berichts ist die Entwicklung der Kinobesuche über den Zeitraum von 2004 bis 2024, woraus ersichtlich wird, dass es in den 20 Jahren zu einem insgesamten Verlust von ca. acht Millionen Besucher*innen kam. Die Anzahl an Kinos ist über diese Spanne ebenfalls gesunken, nämlich von 176 auf 136 Kinos.

10,5 Millionen Besucher*innen verzeichneten die österreichischen Kinos im Jahr 2024 und mit 451 gezeigten Filmen wurden Box-Office Einnahmen von insgesamt 111,9 Millionen Euro eingespielt. Obwohl es zu einem deutlichen Rückgang von 10,6% im Vergleich zum Vorjahr 2023 kam, zeigen bereits erhobene Zahlen aus dem Jahr 2025 einen erneuten Anstieg der Kinobesucher*innen und ein Erreichen von Zahlen wie 2023, das die Sehnsucht nach einem Kinobesuch nach den Corona-Lockdowns widerspiegelte. Laut dem Bericht der cine.ma über das erste Halbjahr 2025 gehen über 83% der 14- bis 19-Jährigen ins Kino. Zwei Drittel der Kinonutzer*innen sind unter 49 Jahren, das Kino weist somit die jüngste Nutzerstruktur im Rahmen vom Bewegtbild auf.  Rückgänge von Kinobesucher*innen können verschiedene Gründe haben, der ausschlaggebendste ist das Angebot an publikumsattraktiven Filmen. Die Genres Action, Abenteuer und Komödie sind nach der Cine-Mediaanalyse die beliebtesten Genres in Österreich.
Die in Österreich beliebtesten Genre spiegeln sich auch in den erfolgreichsten Kinofilmen des Jahres 2024 wider. So sind mit „Alles steht Kopf 2“, „Deadpool & Wolverine“, „Dune 2“ und „Wicked“ Filme in den Top 10 vertreten, die die ton- und bildstark sind.

Übersicht der Top 10 Kinofilme 2024 weltweit aus dem ÖFI Filmwirtschaftsbericht 2025 – Bild: Aleksandra Mitrovic & Daniel Roob

Grenzen des Heimstreamings

Wie eine empirische Untersuchung aus Regensburg ergab, schneiden Filme im Kino allein aufgrund der anderen Umgebung besser ab als daheim beim Streaming. So wurden hierbei zwei Probandengruppen derselbe Film im Kino und zuhause gezeigt und nach zwei Wochen eine wiederholte Vorführung des Filmes durchgeführt. Sowohl die erste Kino Gruppe als auch die zweite beim wiederholten Sehen bewerteten den Film nach der Kinovorstellung besser als nach dem Schauen daheim auf der Couch. Neben einer besseren Bewertung gaben die Personen auch an, den Film intensiver erlebt zu haben und weniger gelangweilt gewesen zu sein. Diese Erfahrungen sind auch aus den Stellungnamen der eigenen Befragung ablesbar, welche das Streaming als nebenbei Beschäftigung und den Kinobesuch als viel immersiver beschrieben, da hier neben der besseren Technik eben auch der Fokus stärker sei.

Unterhaltungsvielfalt auf Knopfdruck – Bild: Daniel Roob

In jüngster Vergangenheit hat auch die mögliche Übernahme des Filmgeschäfts von Warner Bros. durch Netflix in diesem Belangen für Aufsehen gesorgt. Netflix CEO Ted Sarandos, welcher das Kino bisher für obsolet erklärte, hat neulich einen Kurswechsel eingeschlagen und hätte bei einer Übernahme angeblich nun doch vermehrt auf das Kino setzen wollen. Zum Hintergrund hat dies einerseits Kritik von Kino-Fans, aber auch Druck aus der Branche, insbesondere durch das Directors Guild of America (DGA) und dessen Vorsitzenden Christopher Nolan. Einige Mitglieder äußerten nicht mit Netflix kooperieren zu wollen, da sie Filme für die große Leinwand produzieren und diese auch auf dieser sehen wollen, um den Besucher*innen das bestmögliche Erlebnis bieten zu können. Ohne Qualitätseinbußen und Second Screening.

Über die Autorinnen/Autoren

Aleksandra Mitrovic ist 23 Jahre alt und studiert im 3. Fachsemester Medienmanagement an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Pölten. Mit ihrem tänzerischen Hintergrund hat sie sich vor allem für das Wahlpflichtfach Music Business begeistern können. Sie lässt sich ebenso für Filme begeistern, besonders für Musicals.
Bild: Daniel Roob

Kontaktoption: mm241052@ustp-students.at

Daniel Roob ist 22 Jahre alt und studiert im 3. Fachsemester Medienmanagement an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Pölten. Als begeisterter Cineast ist er wöchentlich im Kino zu finden. Deswegen hat er auch in seinem Studium den Fokus auf Bewegtbild gelegt.
Bild: Aleksandra Mitrovic

Kontaktoption: mm241006@ustp-students.at

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