Wer entscheidet, was wir wissen müssen?

Nachrichtenagenturen ebenso wie Nachrichtenredaktionen entscheiden täglich, welche Informationen als „wichtig“ gelten. Doch wer genau trifft diese Entscheidungen? Und nach welchen Kriterien? Im Interview mit SUMO erzählt Manuel Kerzner, Data Scientist und Content Creator bei der APA, über die Tätigkeiten einer Nachrichtenagentur, während Chefredakteurin Claudia Schubert einen Einblick in die Auswahlstrategien der Nachrichtenredaktion des ORF Niederösterreich gewährt.

TEXT:  LOUISA MARCHHART | FOTO: LOUISA MARCHHART

Ereignisse, Informationen und Nachrichten im Überfluss – via Internet und sozialer Medien ist das rund um die Uhr möglich. Diese Massen an Output können traditionelle Medien wie Zeitungen und Zeitschriften, Radiostationen und Fernsehanstalten nicht liefern. Ihr gesendetes bzw. Gedrucktes Angebot ist begrenzt, was dafür sorgt, dass das Wichtigste und somit nur ein Bruchteil aus dieser Flut an Inhalten herausgefiltert werden muss. Aus den einst als Flaschenhals agierenden Gatekeepern für Information ist schon längst die Rolle der Orientierung bietenden Wegweiser geworden. Damit stellt sich die Frage: Was ist „das Wichtigste“? Und wer entscheidet, was wir wissen müssen? Denn: Berichten Medien nicht über ein Ereignis, existiert es für viele Menschen nicht. Was objektiv betrachtet wissens- und erzählenswert ist, darüber lässt sich streiten, jedoch gibt es dazu wissenschaftliche Theorien.

Der Wert einer Nachricht

Nachrichtenfaktoren verleihen den Nachrichten ihren Wert und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Journalist*innen darüber berichten. Den Begriff „news value“ warf der US-amerikanische Journalist und Publizist Walter Lippmann erstmals 1922 auf. Seine Arbeit stellt den Wegbereiter der weiter auch von Galtung und Ruge sowie Schulz maßgeblich geprägten Nachrichtenwertforschung dar. Demnach werden die Nachrichtenwerte in sechs Dimensionen unterteilt: 1. Zeit: Die Dauer eines Ereignisses sowie die Thematisierung beeinflussen seinen Nachrichtenwert. 2. Nähe: Je näher eine Begebenheit geografisch, politisch oder kulturell empfunden wird und dadurch relevanter für das Publikum ist, desto eher wird darüber berichtet. 3. Status: Regionale sowie nationale Zentralität, prominente Personen sowie persönlicher Einfluss der Beteiligten erhöhen die mediale Gewichtung. 4. Dynamik: Der Überraschungsfaktor sowie die Struktur (einfach oder komplex) eines Geschehnisses, wirken sich auf dessen Nachrichtenwert aus. 5. Valenz: Konflikte, Kriminalität, Schäden, aber auch Erfolge erzeugen starke Emotionen und erhöhen damit das Interesse der Medien. 6. Identifikation: Wenn Ereignisse durch persönliche oder kulturelle Bezüge nachvollziehbar werden, erleichtert das den Zugang für das Publikum. Soweit die Theorie; doch wie sehr spiegelt sich diese im Alltag der Medienunternehmen wider? Eine Zwischeninstanz im Prozess zwischen Ereignis und Veröffentlichung stellen jedenfalls die Nachrichtenagenturen dar.

Am Anfang steht die APA

Nachrichtenagenturen sammeln, verarbeiten und verbreiten faktenbasierte Nachrichten an andere Medienunternehmen. Sie bereiten die Informationen für fortführende Berichterstattungen redaktionell auf. Und das schnell, zuverlässig und unabhängig.

 Die Austria Presse Agentur (APA) ist die nationale Nachrichtenagentur in Österreich. Zu den Eigentümern des 1946 gegründeten, genossenschaftlich organisierten Unternehmens zählen neben dem ORF zehn österreichische Tageszeitungen: Der Standard, die Oberösterreichischen Nachrichten, Die Presse, Österreich, die Salzburger Nachrichten, die Kleine Zeitung, der Kurier, die Tiroler Tageszeitung, die Vorarlberger Nachrichten und die Neue Vorarlberger Tageszeitung.

Österreichische Medien können Nachrichtenmeldungen vom APA-NewsDesk beziehen. In dieser Datenbank werden täglich etwa 400 Meldungen veröffentlicht und nach Relevanz geordnet. Manuel Kerzner erklärt, dass die APA Informationen über das weltweite Geschehen aus einem internationalen Netzwerk an Nachrichtenagenturen beziehe. Ereignisse aus Österreich recherchiere die in Ressorts unterteilte APA-Redaktion, welche mit über 130 Redakteur*innen eine der größten Redaktionen des Landes ist, eigenständig. Die Informationen stammen aus dem Netzwerk der Journalist*innen: Face-To-Face-Gespräche, Pressekonferenzen oder -aussendungen stellen Quellen dar, auch mediale Inhalte können die Basis für eine APA-Meldung sein.

Was die APA ausmacht, ist ihre Vertrauenswürdigkeit. Informationen werden als geprüft und faktenbasiert gekennzeichnet. Als Vorteil dieser Prüfung nennt Manuel Kerzner, dass es sich bei den Journalist*innen um ausgebildete Expert*innen im jeweiligen Fachbereich handle, deren Instrumente es ihnen ermöglichen, Nachrichten zu validieren. „Da fließt ganz viel Erfahrung, jahrelange, jahrzehntelange Erfahrung mit ein, die einen ganz eigenen Wert für sich darstellt.“ Wie die Informationen für die Medien aufbereitet werden, ist ressortabhängig. Eine Sportberichterstattung sei anders aufgebaut als eine Politikberichterstattung. Außerdem zu beachten sei die Bedürfniskategorie: Dient die Meldung als klassisches News-Update oder handelt es sich um eine Hintergrundgeschichte?

Die Auswahl der Nachrichten passiert bei der APA immer im Austausch, Manuel Kerzner erläutert: „Wir arbeiten sehr oft auch ressortübergreifend.“ Nachrichtenfaktoren finden laut dem Data Scientist definitiv in der Praxis Anwendung.Die standardisierte Relevanzbewertung sei ein elementarer Bestandteil beim Filtern des Stroms an Nachrichten. Doch auf dem Weg von einer Meldung zu den Rezipierenden liegt noch der Zwischenschritt der Redaktion eines Medienunternehmens.

Von der Redaktion in die Öffentlichkeit

Eigene Themenrecherche habe beim ORF Niederösterreich einen hohen Stellenwert, weiters würden Nachrichten unter anderem von der APA oder von Pressekonferenzen bezogen. Doch bevor diese Informationen weitergegeben werden, durchlaufen sie innerhalb der Redaktion weitere Selektions- und Bearbeitungsprozesse. Claudia Schubert betont hierbei die Nachrecherche.

Die Auswahl der gesendeten Informationen entsteht im Diskussionsprozess. Die Entscheidungen werden immer von mehreren Redakteur*innen getroffen – auch medienübergreifend innerhalb des ORF. „Wenn über ein Thema relativ schnell eine Diskussion innerhalb der Redaktionssitzung entbrennt, dann kann man sagen, das ist tendenziell ein Thema, wo vielleicht nicht nur wir darüber diskutieren, sondern auch die Leute zuhause.“ Besonders bedeutend sind für die Chefredakteurin Berichterstattungen in schwierigen Situationen, beispielsweise die Weitergabe von Sicherheitsinformationen während eines Hochwassers, aber auch die „Talk Abouts“ der Region. Weiters stellen anstehende Termine und große Ereignisse, etwa aus Wirtschaft, Politik, Kultur, Sport und Chronik, eine essenzielle Rolle in der Berichterstattung dar.

Da es sich um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk handelt, beeinflusst der ORF-Auftrag die Selektionsprozesse in der Redaktion. Große Bedeutung komme dabei einem ausgewogenen Überblick über das Geschehen im Land sowie dem Erklären komplexer Themen zu. Die reißerischste Schlagzeile sei hier weniger ausschlaggebend, erklärt Claudia Schubert. Rückmeldungen aus dem Publikum eröffnen einen wesentlichen Blickwinkel, weshalb Feedback der Rezipient*innen gerne in den Redaktionssitzungen thematisiert wird: „Weil ich es für wichtig halte, dass wir als Nachrichtenmacherinnen und -macher auch wissen, wie es da draußen auch ankommt“, begründet die Redakteurin. Wer entscheidet nun, was wir wissen müssen? Der ORF? „Nein der ORF Niederösterreich entscheidet nicht, was wir wissen müssen in Niederösterreich“, erklärt Claudia Schubert. Vielmehr versuche der ORF, ein möglichst breites Bild des Geschehens in diesem Land abzubilden. Womit sich die Rezipient*innen näher beschäftigen, bleibt ihnen letztendlich selbst überlassen. Ist es also die APA, die unser Wissen verantwortet? Als Antwort auf diese Frage bezeichnet Manuel Kerzner die APA als „so etwas wie einen Demokratie-Dienstleister“. Sie liefere eine Basis für informierte Bürger*innen, die aus ihrem konsumierten Wissen heraus eine demokratische Entscheidung treffen können – für sich selbst sowie für die Gesellschaft. „Und das ist, finde ich, eine der schönsten Aufgaben, die man in der APA haben kann, dass man sich daran beteiligt.“

LOUISA MARCHHART

Manuel Kerzner | Copyright: Krisztian Juhasz, APA Defacto Teamfotos
Claudia Schubert | Copyright: ORF/Hans Leitner