Mit YouTube-Tutorials Gitarre spielen lernen

Mit YouTube-Tutorials Gitarre spielen lernen

Auf dem Videoportal YouTube lassen sich sehr viele Tutorials und Anleitungen finden, wie man Gitarre spielen von Grund auf erlernen kann. Ein verlockendes Angebot, immerhin sind Musikstunden an Musikschulen eine teure Investition. Doch um ohne Vorkenntnisse Gitarre spielen zu lernen, reichen Tutorials als einzige Quelle in der Regel nicht aus. 

Mit der Digitalisierung eröffnen sich auch für Musikbegeisterte viele neue Möglichkeiten. Noch vor 20 Jahren war es undenkbar, mittels Videos das Gitarre spielen zu lernen. Heutzutage ist man nur wenige Klicks vom nächsten Tutorial entfernt. Viele Menschen die Gitarre lernen wollen melden sich nicht mehr in einer Musikschule an, sondern nutzen die Videoplattform YouTube. Dort befinden sich unzählige Erklärvideos und Tutorials für Neueinsteiger*innen. Das Angebot reicht vom Erlernen des „leichtesten Lieds der Welt“ über „20 kurze Tipps für Anfänger“ bis hin zu Tutorials zum Nachspielen von Welt-Hits wie „Nothing Else Matters“. 

YouTube als Lernplattform für das Gitarre spielen 

Im Rahmen der Bremer Befragung zur Nutzung von Onlinevideos und der JIM-Studie 2021 wurde konstatiert, dass unter allen Videoplattformen YouTube am meisten von jungen Erwachsenen genutzt wird, denn dort gäbe es die größte Auswahl an Clips. Obwohl die befragten Jugendlichen am häufigsten Musikvideos und lustige Videos ansehen, klicken auch 15 % von ihnen auf außerschulische Lernvideos oder Tutorials, um Handlungsabläufe daraus nachzumachen. Sie suchen beispielsweise gezielt nach Klavier- oder Gitarren-Tutorials und versuchen sich selbst damit weiterzubilden. 

Andreas hat sich mithilfe des Internets das Gitarre spielen beigebracht, wie er auf Ö1 erzählt. Einerseits schwärmt er, dass man weder Vorkenntnisse braucht noch viel Geld investieren muss. Andererseits ist ihm bewusst, dass niemand seine Fehler ausbessert und es kein Feedback eines Experten bzw. einer Expertin gibt. Alles in allem betont Andreas, dass das Internet zum Ausprobieren eines neuen Instruments gut geeignet ist, bevor man sich in einer Musikschule einschreibt. Kommt man zu dem Schluss, dass einem das Gitarre spielen doch nicht gefällt, dreht man einfach den Computer ab. 

Mizuko Ito sieht YouTube als eine Plattform, die Menschen die Ressourcen bietet, um sich einerseits zum ersten Mal mit einer neuen Materie oder einem bisher unbekannten Interessensgebiet zu beschäftigen und andererseits, um sich tiefgehender mit Themen zu befassen. Kritisch sieht er die von YouTube geordnete Liste der Suchresultate und dem damit einhergehenden, intransparenten Algorithmus.  Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Nutzer*innen eines der erstgelisteten Videos aufrufen, obwohl weiter unten angeführte Videos aber einen größeren pädagogischen Wert haben könnten. 

Die Merkmale eines guten Erklärvideos 

Karsten D. Wolf beschreibt Erklärvideos als „[…] eigenproduzierte Filme, in denen erläutert wird, wie man etwas macht oder wie etwas funktioniert bzw. in denen abstrakte Konzepte erklärt werden.“ Videos, die den Zuseher*innen verständlich und klar Fähigkeiten zur Nachmachung demonstrieren, sind Video-Tutorials. Tutorials können als Subgenre von Erklärvideos angesehen werden.  

Katrin Valentin schreibt, man erkenne gute Erklärvideos und Tutorials daran, dass der Ersteller bzw. die Erstellerin des Videos kompetent und sicher in seiner bzw. ihrer Sache wirke. Es dürfen bei den Zuschauer*innen keine Zweifel auftreten, ob die Griffe und Schlagmuster so übernommen werden können. Der Aufbau des Videos muss logisch nachvollziehbar sein. Der Ablauf wird in der Praxis meist am Anfang des Videos erläutert. Ein weiteres Qualitätskriterium ist laut Kulgemeyer eine Adaption des Tutorials an das Vorwissen der Zuseher*innen. Bei einem Anfängervideo müssen Lehrer*innen ihre Instruktionen anders gestalten als bei einem Video für geübte Gitarrenspieler*innen.  Die Produzent*innen sollten die Relevanz des Inhalts kommunizieren und eine Verbindung zu bereits Gelerntem herstellen. Zusätzlich ist eine präzise Erklärung essenziell. Exkurse sind zu vermeiden und schwierige Griffabläufe zu wiederholen. Natürlich erwartet man sich von einem professionellen Video-Tutorial auch eine gute Ton- und Bildqualität.  

Der Aufbau einer Gitarrenstunde für Anfänger*innen auf YouTube 

Ein Tutorial vermittelt Gitarrenneulingen sehr viele Informationen in einem komprimierten Video. Ein gutes Beispiel dafür ist das Tutorial „Gitarre lernen für Anfänger – Deine erste Gitarrenstunde – einfach & auf Deutsch“. Es wurde von dem Gitarristen Hannes über seinen YouTube-Kanal Gitarre lernen (werdemusiker.de) im Dezember 2018 veröffentlicht. Das Tutorial hat rund 2 Millionen Aufrufe (Stand Juni 2022), was im Vergleich zu anderen Gitarren-Tutorials für Anfänger*innen eine sehr hohe Zahl ist.  

Zu Beginn des Videos stellt sich der Gitarrist vor und begrüßt seine Zuseher*innen. Er gibt anfangs einen Überblick über den Inhalt dieser Gitarrenstunde. Anschließend verweist er auf die Videobeschreibung, in der er mehr Videos für Anfänger*innen verlinkt hat.  

Danach beginnt der Hauptteil des Videos. Er zeigt mit einigen Tipps und Begründungen, wie man eine Gitarre richtig hält. Er demonstriert auch, wie man eine Gitarre nicht hält. Dann nennt er langsam und hintereinander die Namen der Saiten. Der Gitarrist betont, dass er es als wichtig empfindet, dass man weiß, wie die Saiten heißen. Es geht sofort weiter mit dem ersten Akkord. Für diese Erklärung teilt sich die Ansicht des Videos in zwei Fenster, damit man seine Finger am Griffbrett noch genauer sehen kann. Er nennt typische Fehler, die einem Anfänger oder einer Anfängerin passieren können, zeigt diese vor und verbessert sie. Er wiederholt seine Demonstrationen einige Male für seine Zuschauer*innen. Er empfiehlt seinen Lehrlingen, sie sollen sich selbst kritisch beim Spielen zuhören und ihre eigenen Lehrer*innen sein. Der Gitarrist rät zu Pausen und darauf zu achten, eine saubere Haltung zu haben. Trockenübungen seien auch ganz wichtig. Darüber hinaus animiert er seine Zuseher*innen vor den Bildschirmen mit ihm mitzuspielen. Anschließend möchte er seinen Gitarrenschüler*innen ein kurzes einfaches Lied beibringen. Dafür spielt er ihnen das Lied erst einmal in normaler Geschwindigkeit vor. Bevor er zu den Akkorden des Songs übergeht, zeigt er sein Schlagmuster her und wiederholt dieses einige Minuten. Dabei zählt er den Takt mit, um es seinen Zuseher*innen zu erleichtern.  

Dieses Video ist sehr praxisorientiert und dient dazu, schnell und einfach Griffe auf der Gitarre zu lernen. Wichtige Basiskenntnisse wie das Notenlesen oder die Hintergründe eines Akkords werden jedoch vernachlässigt.   

Unser Lernverhalten 

Lernprozesse mit Online-Videos lassen sich durch zwei Modelle sehr gut abbilden. Die erste Theorie ist das Lernen am Modell. Das bedeutet, man lernt während der Rezeption eines Videos durch Nachahmen des zu lernenden Inhalts. Bei Gitarren-Tutorials lernen somit die Zuschauer*innen die Gitarrenakkorde, indem sie das nachmachen, was der Protagonist bzw. die Protagonistin in dem Video vormacht. Um wirklich aus Tutorials lernen zu können, sind didaktische Fähigkeiten des Video-Produzenten bzw. der Video-Produzentin essenziell.  

Jedoch reicht es nicht aus, das Lernen aus Videos als reine Nachahmung zu bezeichnen. Es ist ein weiteres Modell notwendig, nämlich das Lernen durch Reflexion und Analyse der demonstrierten Tätigkeiten. Das bedeutet, erst durch die eigene Beschäftigung mit dem Erlernten und tiefgehende Überlegungen dazu kann man sich das Gelernte behalten und Hintergründe verstehen. Die Pädagogen Krammer und Reusser entwickelten sechs Bereiche des Lernens durch Reflexion von Videos: das Erfassen der Komplexität vorgezeigter Prozesse, das Aneignen von Theorie, die Förderung von Flexibilität des Wissens, das Verknüpfen von Theorie und Praxis, das Aneignen einer Fachsprache und die Fähigkeit zu Perspektivenwechseln. 

Im April 2020 wurden vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung und dem ORF die Bildungsmedienplattform edutube ins Leben gerufen. Diese Plattform dient zur Bereitstellung von qualitativ hochwertigen Unterrichtsvideos. Man kann beispielsweise nach Musikerziehung filtern, wo es eine Videoreihe namens „Musik erleben – Musik machen“ gibt. Hier werden Instrumente, Jam-Sessions oder Stimmbildung gezeigt oder Tipps zur Haltung und Atmung gegeben. Man erkennt, dem Bildungsministerium ist der Mehrwert von Lehrvideos bewusst und es stellt diese auch aktiv den österreichischen Schüler*innen zur Verfügung.  

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es nicht sinnvoll ist, von Grund auf Gitarre spielen ausschließlich mit YouTube-Videos zu lernen. Das Video kann nicht auf die Anfänger*innen reagieren, es gibt also kein Feedback oder Korrekturen wie von Musiklehrer*innen. Eine mögliche Folge davon ist, dass man sich Fehler angewöhnt. Außerdem fehlen meist Grundverständnisse, die in einer Musikschule vermittelt werden, wie das Noten lesen, das Takt zählen oder die Theorie, die dahintersteckt. Noch eine Sache sollte einem bewusst sein: Bei einer Musikschule müssen Gitarrenlehrer*innen eine Ausbildung bzw. Kenntnisse und Fähigkeiten nachweisen, um unterrichten zu dürfen. Auf YouTube hingegen kann jede*r Gitarrist*in seine Tutorials hochladen, ohne dass jemand davor die Qualität und Richtigkeit prüft. Aus eigener Erfahrung empfehle ich, zu Beginn einige Stunden in einer Musikschule zu nehmen und Videos auf YouTube als Ergänzung zu nutzen. Wer jedoch aus Geldgründen trotzdem keine Gitarrenstunden an einer Musikschule nimmt, sondern ein Tutorial auf YouTube rezipiert, der wird mit viel Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und Engagement trotzdem Gitarre spielen lernen.

Von Katharina Tauber

Bild-Copyright: unsplash.com/@olegivanovpht