Fake News: Wie Wahrheit nicht zur Nebensache wird

Fake News verbreiten sich im Schnitt im Internet sechsmal schneller als die Wahrheit. Manipulierte Bilder, erfundene Geschichten oder Deepfakes – Desinformationen haben die Macht, Menschen zu beeinflussen und das Vertrauen in Medienhäuser zu verletzen. Wie erkennt man solche Fake News und wie wird gegen sie vorgegangen? Ist das noch möglich? SUMO sprach mit Florian Danner, Reporter bei ProSiebenSat1 Puls4 und Florian Schmidt, Faktenchecker bei der APA, über die Herausforderungen der heutigen Journalist*innen.

TEXT:  PHILIPP WADSAK | FOTO: PHILIPP WADSAK

Als Journalist bei ProSiebenSat.1 Puls4 begegnet Florian Danner täglich verschiedensten Formen von Desinformation. Er kennt die Dynamiken dem redaktionellen Alltag und erlebt, wie schwierig es ist, mit der Geschwindigkeit von Fake News Schritt zu halten. Florian Schmidt ist Faktenchecker bei der APA. Täglich prüft er, ob Meldungen, Bilder, Videos oder Tonaufnahmen der Wahrheit entsprechen. Dabei ist es besonders wichtig, journalistische Fehler von gezielter Desinformation zu differenzieren: „Der Unterschied liegt ganz klar in der Absicht: Falschinformationen, die bewusst verbreitet werden, verfolgen kein Ziel der Korrektur – sie sind gezielt irreführend.“  

Ob politische Kampagnen, skurrile Satire oder raffinierter Betrug – Fake News gibt es in vielen Formen. Laut Definition spricht man jedoch nur dann von Fake News, wenn eine bewusste Täuschungsabsicht vorliegt. Im normalen Sprachgebrauch heute wird das Label aber wesentlich umfassender verwendet. Bekanntheit erreichte der griff „Fake News“ durch den nunmehrigen US Präsidenten Donald Trump. Dieser führte schon in seiner letzten Amtsperiode die sogenannten ‚Fake News Awards ein. Die se „Auszeichnung“ vergab er einerseits für Beiträge mit journalistischen Fehlern (die zeitnah berichtigt wurden), andererseits aber auch für journalistische Beiträge, deren Inhalte ihm unliebsam waren. Ziel: Die Glaubwürdigkeit kritischer Medien infrage zu stellen, um so die Darstellungen durch parteiische Medienhäuser zu stärken.

Präzision und Faktencheck sind nicht eben die Zuschreibungen, die Florian Danner einfallen, wenn man ihn nach Donald Trump fragt: „Wir berichten durch Trump sehr häufig über Fake News, weil da natürlich, vor allem im Wahlkampf, viel gekommen ist und es die aktuelle Administration in Amerika auch nicht so genau nimmt mit der Wahrheit. Seit Trump Präsident ist, vergeht eigentlich kein Tag, an dem wir nicht auch darüber berichten, was von dort daherkommt.“

Das Gefährliche daran ist, dass sich Fake News im digitalen Raum viel schneller verbreiten. Besonders über soziale Netzwerke erreichen sie Massen noch bevor seriöse Me dien reagieren können. Wie eine Studie der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2018 zeigt, erreicht die Richtigstellung eines Beitrags gerade mal 1/6 der ursprünglichen Empfänger*innen. Dabei wurden 126.000 Nachrichten von X (damals Twitter) ausgewertet und analysiert. Fake News lassen ein verzerrtes Abbild der Realität entstehen, das auch das Vertrauen in Medien langfristig untergräbt.

Vertrauen in Medien – eine Frage der Haltung

Florian Danner berichtet aus seinem Redaktionsalltag, dass besonders während der Corona-Pandemie deutlich wurde, wie polarisiert das Meinungsklima geworden ist: „Corona war, finde ich, eine sehr schwierige Zeit für alle Medienhäuser. Sobald wir einen Virologen im Frühstücksfernsehen als Experten eingeladen hatten, gab es Kritik. Im Nachhinein hat natürlich manches von deren Einschätzung nicht gestimmt, aber sie haben uns damals den aktuellen Wissensstand mitgegeben. Damals hat es aber viele Menschen gegeben, die einfach schon bewusst gesagt haben: ‚Nein der ist Virologe, der sagt sicher einen Blödsinn‘. Das war ihre Grundeinstellung.“

Die Konsequenz: Seriöse Berichterstattung wird zunehmend hinterfragt, während fragwürdige Quellen unreflektiert geteilt werden. Dieser Trend wird durch Influencer*innen auf Plattformen wie TikTok, YouTube oder X verstärkt und beschleunigt. Klassische Medienhäuser kämpfen dagegen mit begrenzter Reichweite und geringer werden den Ressourcen. Danner: „Gerade auf TikTok verbreiten sich Falschinformationen so rasant, dass wir gar nicht hinter herkommen.“ Auch Schmidt sieht das ähnlich: „Gegen die Ausbreitung können wir [APA] recht wenig machen. Die APA ist derzeit noch in einer Kooperation mit Meta. Auf anderen Plattformen gibt es Community Notes und dann gibt es Platt formen, wo gar nichts bezüglich der Faktenchecks passiert.“

Faktencheck unter Zeitdruck

In der Praxis unterscheiden sich redaktioneller Alltag und gezielter Faktencheck oft kaum – vor allem, was das Ziel betrifft: Informationen verifizieren und bei Gegebenheit richtigstellen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Wie auch WordStream 2024 feststellt, werden allein auf Instagram fast 100 Millionen Beiträge pro Tag veröffentlicht – Tendenz steigend. Danner bringt es auf den Punkt: „Der Faktencheck ist in den meisten Fällen nicht die beste Variante, um Fake News zu enttarnen. Oder sagen wir so: Eine zu langsame Variante für viele Fälle. Wenn einmal was im Umlauf ist, verbreitet sich das so rasch, da kommt man mit dem Faktencheck nicht nach.“

Auch Schmidt stimmt dieser Ansicht zu: „Ein schneller Faktencheck dauert 30 Minuten. Bei aufwendigeren Themen kann es aber auch mehrere Tage dauern, bis wir alle Fakten überprüft haben.“ Es müsste in der Gesellschaft ein Bewusstsein geschaffen werden, um gemeinsam gegen dieses so relevante Thema vorzugehen. Man könnte sich das wie bei einer Herdenimmunität vorstellen: Sind genug Personen, also ein gewisser Prozentsatz, geimpft oder infiziert, sind indirekt alle weiteren geschützt und die Krankheit oder in diesem Fall die Falschmeldung, breitet sich nicht mehr aus. Aktuell fehlt es nicht nur an Zeit und Geld, um dieses Mindset zu vermitteln, sondern auch am Interesse der Bevölkerung. Dazu Schmidt: „Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen, wie man mit Informationen im Netz umgeht und wie man Quellen überprüft.“

Wie Journalist*innen prüfen – und wo ihre Grenzen liegen

Große Medienhäuser setzen zunehmend auf strukturierte Verifizierungsprozesse – etwa durch eigene Faktencheck Teams oder externe Quellen wie Correctiv, Mimikama oder Zahlen der Statistik Austria. Diese liefern objektive Daten und helfen dabei, Narrative einzuordnen. Auf die Frage, ob es möglich sei, Faktenchecks mithilfe einer KI zu Automatisieren, sagt Schmidt: „Eigentlich nicht, weil Fact Checking wirklich so individuell und herausfordernd ist. Es braucht sehr viel menschliches Denken und das wird immer zeitintensiv bleiben.“

Wahrheit als Arbeit – nicht als Zustand

Der Kampf gegen Fake News ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Und manchmal fühlt er sich eher wie ein Staffellauf an – zwischen Redaktion, Faktencheck, Expert*innen und Rezipient*innen. In einer Medienwelt, die sich im Sekundentakt verändert, bleibt nur eines konstant: die Notwendigkeit, genauer hinzuschauen – und nicht nur für Redaktionen der großen Medienhäuser, sondern auch für jeden Einzelnen von uns. Denn wer Informationen kritisch hinterfragt, trägt dazu bei, dass Wahrheit nicht zur Nebensache wird.

Oder wie Florian Danner es ausdrückt: „Low-Information Leute, die die Politik ja mittlerweile schon als sehr einfach zu beeinflussende Zielgruppe entdeckt hat, sind wahrscheinlich die, auf die man sich am meisten konzentrieren muss. Und da, glaube ich, spielt das Thema noch eine viel zu geringe Rolle.“

PHILIPP WADSAK

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