Mediatheken: das neue Fernsehen

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Fernsehen, wo und wann man will – Mediatheken von TV-Sendern machen es möglich. SUMO sprach mit Lisa Zuckerstätter, Leiterin der ORF-„TVThek“, und Markus Bacher, Geschäftsleiter ProSiebenSat.1 Digital und Distribution bei der „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe, über Onlineangebote von Fernsehanstalten.

 

Traditionelles Fernsehen erfährt mehr Konkurrenz denn je – vor allem aus dem Netz. Die Lösung: Mediatheken. Befreit von starren Programmschemata bieten Fernsehsender ihre Inhalte auch online zum Abruf an. Welche Rolle sendereigene Videoplattformen für TV-Anbieter spielen und warum Mediatheken als die „Zukunft des Fernsehens“ bezeichnet werden.

 

Junge Menschen rezipieren online

Beim jungen Publikum zwischen 14 und 29 Jahren lässt sich ein deutlicher Trend weg von klassisch linearer TV-Nutzung hin zu non-linearen Onlinediensten bemerken, wie eine Studie der RTR zeigt. „Junge UserInnen, also die strategische wichtige Gruppe zwischen 14 und 30, holt man mit Onlineangeboten ab – auch im Bewegtbildbereich“, so Lisa Zuckerstätter, interimistische Leiterin der ORF-„TVThek“. Auch anhand von anderen Onlineangeboten des ORF, wie etwa ORF.at, erkenne man, dass junge Menschen Inhalte anders nutzen möchten als noch vor 20 Jahren.

Ähnlich sieht der Zugang innerhalb der „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe aus: „Strategisch gesehen spielen unsere Mediatheken, unabhängig vom Distributionskanal, eine extrem große Rolle“, meint Markus Bacher, der die Geschäftseinheit Digital und Distribution der Sendergruppe leitet.„Unsere Erfahrungen zeigen, dass sich die Reichweiten zwar nach Zielgruppe verschieben, jedoch insgesamt steigen. Wir stellen dabei unser Kerngeschäft immer breiter auf und schaffen es dadurch diese Verschiebungen bestmöglich aufzufangen. Fernsehen wird über digitale Verbreitungswege anders konsumiert als in der Vergangenheit. Diese Entwicklung sehen wir aktuell immer stärker und wir versuchen dabei nun die Inhalte für jede Nutzungsart attraktiv zu gestalten“, sagt Bacher.

 

Rahmenbedingungen und Organisation

Gestützt auf das ORF-Gesetz und damit einhergehenden Rahmenbedingungen stellt der ORF Inhalte auf der „TVThek“ kostenlos zur Verfügung. Dabei sind Einschränkungen, wie etwa die 7-Tage-Verfügbarkeit, zu beachten und bis auf gewisse Ausnahmen einzuhalten. Beispiel für eine solche Ausnahme sind etwa Sendereihen (z. B. „Sommergespräche“), bei denen ein inhaltlicher Bogen gespannt werden müsse, legt Zuckerstätter dar. In derartigen Fällen ist die erste Folge der Sendereihe bis zu sieben Tage nach Ausstrahlung der letzten Folge online verfügbar, um NutzerInnen Möglichkeit zum Vergleich offen zu halten.

Im Gegensatz dazu können private Sender ihre Mediatheken nach eigenem Ermessen gestalten. Neben herkömmlichen Onlinevideotheken der einzelnen Sender betreibt die „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe seit August 2017 auch die senderübergreifende „ZAPPN“-App. Neben Eigenproduktionen der Sendergruppe ist es auch möglich, auf fremdproduzierte Inhalte wie Serien und Shows zuzugreifen. Ein Punkt, in dem sich öffentlich-rechtliche Mediatheken von privaten geringfügig unterscheiden, ist der Jugendschutz. Während die „TVThek“ zeitliche Sperren für bestimmte Inhalte (z.B. „Tatort“) vorsieht, schneidet man in Mediatheken der „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe Inhalte entweder entsprechend um oder setzt zeitliche Schranken. Hinsichtlich der Personalstärke ähneln sich öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk aber: Um die 20 MitarbeiterInnen sind mit der Betreuung der Mediathek beschäftigt. „Unsere Redaktion ist fast rund um die Uhr besetzt“, so Zuckerstätter, „auch von ein Uhr früh bis 05:30 ist mindestens eine Person hier, um das Fernsehprogramm abzudecken“. Markus Bacher hebt vor allem das zehnköpfige Team der Produktentwicklung und ein zehnköpfiges Online-Redaktionsteam hervor, das maßgebend am Erfolg der digitalen Produkte der Sendergruppe beteiligt sei.

 

Which Content is King?

„Es sind genau die Dinge, die gut gehen, von denen man es sich erwartet. ‚Willkommen Österreich’, ‚Tatort’, aber auch politische Ereignisse kommen in der ‚TVThek’ gut an“, resümiert Zuckerstätter. Nicht zu vernachlässigen seien auch Livestreams von großen Sportevents, wie etwa Olympiaden oder Ski-Weltmeisterschaften. Durchschnittlich verzeichnete der ORF mit der „TVThek“ im vergangenen Jahr 10,9 Millionen Nettoviews, derzeit verbucht man 1,29 Millionen monatliche UserInnen auf der Onlineplattform. Spitzenzeiten in der Nutzung sind laut Zuckerstätter die Primetime und das Wochenende, wobei im Speziellen sonntags UserInnen aktiver sind.

„Eigentlich ist es ganz einfach: Was im Fernsehen gut geht, kommt auch digital gut an. ‚2 Minuten, 2 Millionen’, ‚Germany’s Next Top Model‘, ,Sehr witzig’ oder ,Bauer sucht Frau’ sind gute Beispiele dafür“, erklärt Bacher. Dennoch gebe es auch Special Interest-Ausreißer, wie etwa Animes oder Mangas, die laut Bacher ein gutes Beispiel für die breite Vielfalt von Interessen diverser Zielgruppen darstellen. Die Brutto-Views der privaten Sendegruppe stiegen vom ersten Quartal 2017 auf das erste Quartal 2018 insgesamt um plus 111 Prozent – die meisten Zugriffe verzeichnete die diesjährige Staffel von „Germany’snext Topmodel“ mit insgesamt 8,6 Millionen Brutto-Views. Die App „ZAPPN“ konnte dabei am Stärksten zum Wachstum beitragen und verzeichnet so innerhalb des ersten halben Jahres nach Launch über 400.000 Downloads. „ZAPPN“ ist somit die größte kostenfreie Live-TV Streaming App am österreichischen Markt. Nichtsdestotrotz müsse man zwischen regulären Mediatheken und der „ZAPPN“-App differenzieren: Bei ersteren stehe herkömliche Video-on-Demand-Nutzung im Vordergrund, bei der App jedoch eher Liveübertragungen.

 

Was Mediatheken verändern

„Wir machen die Angebote durch die ‚TVThek’ noch sichtbarer“, erläutert Zuckerstätter. Da die Mediathek des öffentlich-rechtlichen Rundfunks jedoch werbefrei ist, konnte mit der „TVThek“ kein neues Geschäftsmodell erschlossen werden. Im Gegensatz zu privaten Anbietern: „Durch Mediatheken konnten wir neue Wege der Digitalvermarktung öffnen“, so Bacher. Man profitiere sowohl von digitaler Bewegtbildvermarktung auf eigenen Videoportalen, als auch durch die bevorstehende Möglichkeit der Quotenintegration durch die Hybridquote. Sowohl im ORF als auch in der „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe wurden erst kürzlich neueste Messtechnologien implementiert. Hintergrund: Bislang konnten Zugriffe auf Mediatheken nicht in TV-Quoten integriert werden. Mit den neu angeschafften Messsystemen steht der Zusammenführung von TV-Quoten und Zugriffen in Mediatheken nichts mehr im Wege.

 

Ausblick

Fernsehen und Internet wachsen immer mehr zusammen. Das zeigen nicht nur Video-on-Demand-Dienste wie „Netflix“ und „Amazon Prime“, sondern auch Mediatheken. Ähnlich wie die BBC denkt die „ProSiebenSat.1PULS4“-Sendergruppe an eigens generierte Inhalte für ihre Mediatheken, der ORF „derzeit noch nicht“, da das Angebotskonzept dies nicht zulasse. Dafür arbeite man kontinuierlich an der Verbesserung der Bildqualität und der Ausweitung des Streaming-Angebots. Der nächste Schritt für die private Sendegruppe ist der Sprung auf alle Devices mit der senderübergreifenden App. Ob das Produkt auch in Zukunft weiterhin kostenlos zur Verfügung stehen wird, ist noch unklar. Pläne, wie es mit Mediatheken in Zukunft weitergehen soll, gibt es also zur Genüge.

 

Autorin: Anna Putz

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